Inhalt siehe Klappentext.
„Die Holunderschwestern“ von Teresa Simon war bereits 2016 erschienen, ich habe nun die Neuauflage von 2025 gelesen und das neue Titelbild ist einfach wunderschön: Im Vordergrund in Zweig mit einer Holunderblütendolde, die glitzert und schimmert, je nachdem, wie man das Buch hält, darunter zwei Frauen, vermutlich die Zwillingsschwestern Fanny und Fritzi, die dem Roman seinen Namen geben - oder sind es, weil sie unterschiedlich aussehen, doch die besten Freundinnen Fanny und Alina? Wer weiß das schon?
Das Taschenbuch hat 512 Seiten, die ein Nachwort (bei den Romanen dieser Autorin sehr lesenswert) und einige von Fannys Rezepten enthalten, die zum Nachmachen einladen. Wissenswertes über Holunder und dessen Heilkräfte sind im ganzen Buch verteilt, vieles davon war mir neu, aber ich lerne gerne beim Lesen dazu, besonders bei historischen Romanen, wenn das Zeitgeschehen so präsentiert wird, dass es kein langweiliger Geschichtsunterricht ist, sondern Wissen anschaulich erklärt wird, damit es hängenbleibt. Außerdem, und das finde ich ganz besonders wichtig, weil sehr persönlich, hat die Autorin in diesem Roman die Geschichte ihrer Vorfahrin als Vorbild genommen und darauf aufgebaut. In der Leserunde gab es viele persönliche Einblicke, Fotos, Austauschmöglichkeiten - hierfür nochmals herzlichen Dank, es war mir wie immer eine Ehre, dabei zu sein.
Der Roman spielt von 1918 bis 1936, also zwischen den beiden Weltkriegen in München, der Leser begleitet die jungen Frauen Fritzi und Fanny sowie die junge Jüdin Alina und ihre Familie, sowie 2015 in München, als Katharina, eine Nachfahrin der Zwillinge, Fannys Tagebücher überlassen bekommt und ein besonderes Möbelstück zu ihr findet, das ebenfalls schon einiges auf dem Buckel hat. Lange Lesenächte und -tage bringen Katharina die Geschichte ihrer Urgroßmutter Fanny und deren Zwillingsschwester Fritzi näher, als sie es sich hat vorstellen können. Antworten auf Geheimnisse und Fragen, von Mutter und Tante bisher verschwiegen oder abgewehrt, finden sich in Fannys Tagebüchern - aber eben nicht alles wird aufgelöst. Wer waren die Holunderzwillinge wirklich, wie haben sie gelebt und warum gerade so? Wann hat sich das schwesterliche Band gelöst? Was passiert, wenn durch die Lektüre eines Tagebuchs die eigene Familiengeschichte völlig durcheinander gebracht wird, nichts mehr so ist, wie es war oder zu sein schien? Wie geht man selbst mit diesen Neuigkeiten und Veränderungen um? Ein Umbruch, der nicht unbedingt schlecht sein muss, eben anders, aber die Chance für einen Neubeginn, besonders, wenn es bisher an manchen Stellen gehakt hat. Ein packender, aber auch einfühlsamer Roman über die magische Verbindung von Zwillingen, Mutter-Tochter-Beziehungen, besten Freundinnen und großen, aber auch verbotenen Lieben. Es gibt Einblicke in die Künstlerszene des damaligen Münchens, die Räterepublik ist brandaktuell und Fanny bei allem hautnah dabei, die Welt wird leider zunehmend brauner (darf man das so schreiben? so empfand ich es), weil manche Menschen anderen glauben, ohne auf ihre eigene Vernunft zu hören; Veränderungen, wo man hinschaut, gute und schlechte, man versucht, das Beste für sich daraus zu machen. Dafür nimmt man Entbehrungen in Kauf, in der Hoffnung, es wird besser. Auch für mich hielt der Roman lange, sehr angenehme Lesestunden bereit, in denen ich in die Familiengeschichte der Hallers und Raiths eintauchen durfte, mit Katharina in der Schreinerwerkstatt und mit Fanny in der Küche stehen durfte, Holzstaub und Vanillearoma einatmend. Ein tolles Buch, eine geschickt verknotete und nun sich langsam auflösende Familiengeschichte ganz nach meinem Geschmack, das von mir 5 Sterne mit Leseempfehlung bekommt.