Gesellschaftskritische Autobiographie
Die üblen korrupten Beamten - ein Lieblingsthema in der chinesischen Literatur. Bestechung, Schiebereien und Vertuschung scheint die Hauptbeschäftigung der oberen chinesischen Verwaltung gewesen zu sein. Wer einmal in die Mühlen dieser bürokratischen Tyrannei geraten ist, kann froh sein, wenn er überhaupt noch lebend davon berichten kann, und wenn er nicht bis aufs Hemd ausgeplündert wurde. Von solcherlei Beamten und anderen Missständen im langsam ausgehenden Qing-China berichtet das wohl zumindest teilweise autobiographische Romanfragment "The Travels of Lao Can". Dabei ist die Kritik doch vergleichsweise sanft - Liu E ist kein Lu Xun, sondern erzählt eher von den Problemen, als sie richtig anzuprangern.
Leider kann die Begeisterung, die ich sonst für klassische chinesische Texte aufbringe, nicht auch auf dieses Werk übertragen werden; obwohl einige Kapitel, gerade im ersten Drittel, wunderbare Einblicke in das Alltagsleben dieser Periode geben, und dort sehr gelungene Beschreibungen der Landschaft, Städte und Personen zu finden sind, enttäuscht die zweite Hälfte des kurzen Romans doch sehr - es besteht dann hauptsächlich daraus, dass Lao Can immer und immer wieder Gunstbezeugungen anderer Leute erhält, und diese dann zurückweist. Es ist dann völlig unklar, wohin diese Geschichte steuern soll - und bricht dann schließlich auch mitten in der Handlung ab. Dies hat zwei Gründe; erstens, die Geschichte wurde vom Autor nie zuende geschrieben. Der zweite Grund ist aber ärgerlich: Die Übersetzung ist gekürzt.
Übel stoßen mir daher besonders die Übersetzer auf - wieder einmal tun Übersetzer nicht ihren Job, nämlich übersetzen, sondern gerieren sich als Herausgeber, und streichen über 6 Kapitel (nämlich 9, 10, 11, 16, 18, 19 und Teile von 20) ersatzlos. In ihrem Vorwort geben sie als Grund dafür nur nebulöses an: Der "Ton" dieser Kapitel sei anders als im restlichen Werk, "wahrscheinlich" wurden sie von jemand anderem verfasst. Ich hätte darüber gerne als Leser selbst entschieden; konsequenter wäre gewesen, wenn die Übersetzer schon diese Streichung durchführen wollen, zunächst eine chinesische textkritische Ausgabe herauszugeben, und diese dann zu übersetzen. So bleibt ein sehr schaler Nachgeschmack, besonders, da die Übersetzer dann auch noch so einen Satz bringen: "Chinese novels are as a rule so discursive and loosely constructed that condensation does not necessarily harm them (...)". Alles klar, also wozu die Mühe der Übersetzung, wenn eine Zusammenfassung scheinbar auch reicht.
Neben diesen formalen Mängeln stört auch die etwas blutleere Sprache - wobei ich nicht beurteilen kann, ob das Original auch bereits so prosaisch geschrieben ist, oder auch den Übersetzern anzulasten ist, die zwar in ihren übrigen Übersetzungen, die ich kenne, solide Arbeit abliefern, aber nicht gerade für sprühenden Esprit bekannt sind.
Das Vorwort der Übersetzer klärt neben den angesprochenen apologetischen Anmerkungen auch noch über das Wunderkind Liu E auf; der Text selbst wird aber nicht weiter diskutiert. Die mir vorliegende Panda-Books-Taschenbuchausgabe präsentiert den Text sehr spartanisch in purer Form, ohne Anmerkungen oder ähnliches. Papier- und Bindungsqualität sind zufriedenstellend.