Walter Berliner Chronik Sammlung von Beiträgen über Berlin, 1932 geschrieben. Vorläufer der Berliner Kindheit um neunzehnhundert. Neuausgabe. Herausgegeben von Karl-Maria Guth. Berlin 2016. Umschlaggestaltung von Thomas Schultz-Overhage unter Verwendung des Lovis Corinth, Eisbahn im Berliner Tiergarten, 1909. Gesetzt aus der Minion Pro, 11 pt.
Ein 'erster Versuch' aus dem Nachlass des Walter Benjamin, bevor er sich offensichtlich dazu entschloss, seine Kindheitserfahrung zu abstrahieren und mehr literarisch als die Berliner Kindheit um neunzehnhundert zu veröffentlichen. Auch unter Einfluss von Haschisch geschrieben. So zumindest erklärt es Gerschom Scholem in seinem Nachwort. Deswegen gibt es Flüchtigkeitsfehler und Textlücken.
Ehrlichgesagt sind seine Formulierungen öfters abstrus, wozu natürlich wahrscheinlich die Rauschmittel beitrugen. Er hat auch eine Neigung erstens zu 1. Selbstmitleid z.B. was seinen Schuljahren betrifft und 2. 'too much information'. Alles ist nach meiner Sicht auch ein bißchen überintellektualisiert, ähnlich wie Thomas Manns Schriften.
Aber ich weiß nicht, ob er wirklich geschrieben hatte, mit der Absicht dass eine fremde Berlinerin im Jahr 2025 dieses private Manuskript liest. Und wahrscheinlich liegt es mehr an mir als an ihm, dass mich diese Aspekte nerven. Weil Benjamin umkam infolge der Nazizeit, ist es zudem nicht nur kleinlich sondern auch fast pietätlos, ihn zu streng als Memoirist zu beurteilen.
Es gibt auf jeden Fall sehr schöne beschreibende Passagen, nicht nur über Berlin sondern auch über seine Familie, und natürlich legen mir als Berlinerin noch viele dieser Plätze und Anblicke nahe am Herzen:
Wenn ich zum Beispiel im Tiergarten herumspaziere, habe ich kaum die Rousseau-Insel bemerkt: in seinem Text wird aber deutlich wie märchenhaft und wichtig dieses Fleck für ihn war als Ausdruck der Berliner Stadtnatur. Man sieht also tatsächlich nach dem Lesen der Berliner Chronik die Welt mit anderen Augen.