Nils wächst in den Achtzigerjahren in Dortmund-Dorstfeld auf. Weil er sich nicht seinen Mitschülern anschließt, die behaupten, der Holocaust sei eine einzige Lüge gewesen, stellen sie sich gegen ihn. Als Schüler kämpft er um sein Überleben, ohne dabei selbst zum Täter zu werden. Die Neonazis, in deren Visier er als Jugendlicher geriet, waren von den Kameraden geworben worden und machen mit dem rechtsextremen Terror, den sie verbreiten, heute noch Schlagzeilen. Ergreifende Graphic Novel gegen rechte Gewalt mit autobiografischen Zügen. Unterstützt von der Amadeu Antonio Stiftung – Initiativen für Zivilgesellschaft und demokratische Kultur.
Inhalt: Nils ist ein Kind der 80er, da verlebt er seine Teeniejahre in Dortmund-Dorstfeld, geht zur stockkonservaten Wilhelm-Busch-Schule (auf der man keine Comics lesen durfte!!!!) und muss leider sehr schmerzhaft erfahren, wie der braune Neonazi-Sumpf sein Leben schwer macht und wie blind seine Umwelt ist und offenbar sein will.
Dies ist die Geschichte, wie er dagegen aufsteht, den Finger in die Wunden legt und dies heute, 30 Jahre danach, einer Welt, die sich weiter gedreht hat und doch in vielem stehen geblieben zu sein scheint, in Form dieser biographischen Graphic Novel präsentiert und versucht, aufzuwecken, aufzurütteln.
Meine Meinung:
Wenn ein Comic mich auf viele Arten berührt
Liebe Blogleser, oder wo auch immer Euch diese Besprechung begegnet, das hier wird wirklich etwas sehr persönliches, etwas nicht alltägliches. Für mich alle Mal, für Euch vielleicht auch? Ich weiß es nicht!
Gelesen, erlesen habe ich diese Graphic Novel dank meiner „Nachbarn“ im Campus Libris, dort wandert es gerade durch unsere „Zimmer“. Als erstes war da das Interesse am Thema. Ich bin ja weder bisher blind durch mein Leben gelaufen, noch taub und dumm. Dass es eine Graphic Novel ist, das war mir erst mal gar nicht so präsent. Ich habe wie gesagt bei meinen Mitcampinisten davon gelesen und dachte, die Erfahrung mag ich auch teilen. Wirklich erst mal nicht ahnend, wie sehr die Drei Steine sich bei mir eingraben!
Dann kamen sie, es handelt sich hierbei um die kürzere Schul-Ausgabe. Klar, wenn die Schrift jetzt noch rot wäre, plakativ, anklagend, ja geradezu schreiend, wärs wahrscheinlich noch krasser. Aber so hat es mir gereicht, der Anblick des Covers... den gezeichneten 80er Jahre Nils da auf dem Schulklo-Boden liegend, das Blut aus seinem Mund.... Der erste Kloß war schnell da! Und dann ereilte mich etwas, was andere vielleicht sofort sehen, mir sprang es dann ganz böse ins Gesicht. Der Schatten, der wie ein Hakenkreuz anmutet... Wie gruselig. Bösartig. Mahnend. Drohend.
O.k., umblättern. Sich drauf einlassen. Hab ich getan! Und dann irgendwann wirklich ein sehr mulmiges Gefühl bekommen. Das emotionale an der ganzen Sache, die Berührungspunkte zu meinem eigenen Leben, die drängten sich mit Macht nach vorne.
Duisburg liegt ja nu wirklich „umme Ecke“ von Dortmund und ich selbst war in den 80ern Teenie. Der Autor und ich haben also in der gleichen Zeit tatsächlich die gleichen Entwicklungen mitbekommen oder sagen wir mal, ähnliches. Ich hatte offenbar mehr Glück.
Jetzt kommt übrigens keine Schleichwerbung, aber die Lonsdale-Klamotten, die stellen für mich einen bestimmten Bezug zu meinen wilden Jahren dar. Ich wollte immer anders sein, war wirklich kein „Mädchen“ in dem Sinn, nur manchmal und so, wie ich das wollte. Aber ich fand einfach ohne Hintergedanken die Lonsdale-Jacken toll. Zumindest zeitweilig! So mit 14, 15 Jahren hörte das dann auf, weil eine gewisse Klientel die Dinger für sich occupiert hat und ich fand das einfach nur Mist, dass ausgerechnet DIE die Jacken und denn auch noch die Doc Martens verunglimpfen! Das nehm ich denen übrigens bis heute übel. Zu dieser Zeit gab es einige Jugendliche, teilweise waren sie etwas älter wie ich, die ich vorher angehimmelt hatte, doch eben aus einem Bauchgefühl heraus gefiel es mir einfach nicht, wie sie auf einmal daher redeten, sich die Schädel rasierten...Das war nicht meine Welt! Gut, dass ich da offensichtlich ein paar Hirnzellen mehr zur Verfügung hatte und einen ganz anderen Weg eingeschlagen habe (auch wenn das an modischer Seite Verzicht bedeutete).
Die zweite Sache, die mich dann erst recht mitnahm, war das mit den zerstörten Gräbern. Ich wohne direkt neben einem Friedhof, habe als Kind viiiel Zeit da verbracht, ganz oft mit meinem Opa. Und der hat mir zwei Dinge hier gezeigt. Einmal ungekennzeichnete Gräber. Unschwer zu erraten, dass es Gräber von Juden oder vermeintlichen Juden waren. Und die Gräber der Wehrmachtsangehörigen. Hoch dekorierte Soldaten. Oder halt Angehörige des Militärs, wo die Familien was fürs Vaterland geleistet haben (ich mag mir heute wirklich nicht mehr ausmalen, was das alles beinhaltet hat!). Und diese ungekennzeichneten Gräber waren just in den 80ern ein Hort der Verwüstung. Wenn mich nicht alles täuscht, wurden sie entfernt. Auch das würde mich nicht wundern, unsere Gesellschaft ist, was dieses Thema angeht, oftmals nur konfliktbereit, wenn es medienwirksam eingesetzt werden kann.
Der dritte Punkt ist der, ich habe von Berufs wegen ab und zu mit diesen Jugendlichen zu tun. Straffälligen Jugendlichen. Manchmal erschreckt es mich. Manchmal muss ich mich beherrschen, nicht Dinge zu diesen völlig fehl geleiteten 15jährigen etwas zu sagen, was ich als Privatperson vielleicht täte, wäre das z.B. der Nachbarsjung oder der Freund meines Sohnes (so ich denn einen hätte). Kurz, mir sind im Alltag heute einfach manchmal die Hände gebunden, aber die rechte Gewalt, das Gedankengut, dass solche Kids vom Stapel lassen und dabei noch grinsen, das sind oft Themen bei den Kollegen und mir und wir müssen da irgendwie mit umgehen, ohne jegliche Contennance zu verlieren. Da wächst dann die Wut, wenn ich bedenke, dass es solche Geschichten auch gut und gerne heute noch gibt, ins unermessliche.
So, das hat mich beim Lesen, anschauen, erlesen von Drei Steine beschäftigt. Und tut es noch. Sowas legt man irgendwie nicht so schnell ab, wenn es einmal „oben“ ist!
Genauso, wie die Wut, die mich natürlich auch bei einigem, was Nils neben seiner eigenen Geschichte, so berichtet. Die Menschen sind doch immer noch nicht ganz bei Trost zum Teil, das stell ich just bei der Lektüre wieder fest. Als hätten wir nicht schon genug damit zu tun gehabt und nichts daraus gelernt. Ja, ich weiß, das ist auch so eine Phrase, die immer wieder gern hergenommen wird, aber es stimmt!
Ich wünsche mir, dass dieses Buch von vielen vielen Schulen in den Unterricht aufgenommen, besprochen, intensiv mit den Schülern besprochen wird! Und ich wünschte, wir hätten sowas damals auch gehabt, nicht nur „Holocaust“ und „Das siebte Zeichen“...
Vor dem Autor kann ich nur den Hut ziehen, Chapeau, dass er das so vermittelt, die Art und Weise ist wirklich mehr als gut gelungen! Und eine Grenze kann er damit locker überwinden, das ist die zwischen Jung und Alt! Das sieht man ja an mir *lach*
So gesehen hat Nils Oskamp mich ganz schön getriggert, mit seinen Ausführungen, Fotodokumenten, die teilweise auch verstören. Der Zeitschiene, die deutlich macht, was bis heute so noch gärt.
Nehme ich sonst noch was mit, außer den Gedanken, die Nils und meine Vergangenheit gleichermaßen berühren? Oh ja!
Das mit den 3 Steinen habe ich schon mal in einer TV-Reportage gesehen und fand es einen so schönen Brauch, dass ich mir da schon gedacht habe, ich werde mir einen schönen Stein suchen oder er sucht mich und den nehme ich dann mit. Wenn die Zeit da ist, werde ich ihn an einem Grab lassen. Als Gedenken an alle, die unter diesem Hass leiden mussten und als Mutmacher. Steine kriegt man auch nicht so schnell klein!
Und dann kann ich leider nicht anders. Ich bin ja bekannter Maßen eine Kichererbse. Und ich habe in diesem eigentlich überhaupt nicht lustigen Comic ein Bild gefunden, worüber ich mich wirklich minutenlang kaputt gelacht habe und wo ich finde, das müsste man in groß überall verteilen und aufhängen! Das ist einfach genial:
(Bild im Blog-Beitrag enthalten)
Fazit: Ein gar nicht so leichtes Thema sehr verständlich für jung und alt näher gebracht im Rahmen einer autobiographischen Graphic Novel über rechte Gewalt, wie sie uns auch heute leider allzu präsent ist. Wenn ich könnte, würde ich diesem Titel das berühmte Prädikat „WERTVOLL“ verleihen!
Sehr eindrückliche Graphic Novel über das Aufwachsen von Nils Oskamp im Dortmund der 80er Jahre und der Gewaltvollen Bedrohung durch Neonazis. Vor allem die fehlende Unterstützung durch Familie oder Solidarische Gruppen hinterlässt mich sehr traurig (in der Geschichte taucht nur ein Freund auf, der Nils gegen die Neonazis unterstützt). Wohl ziemlich ehrlich erzählt, man wünscht sich trotzdem für den Autor und Leser:innen Solidarität und kollektive Handlungsoptionen für den Widerstand gegen extrem rechte Gewalt. Abschließend sehr spannende Zusammenfassung über die Entwicklung der Neonaziszene in Dortmund von den 80ern bis zur Veröffentlichung der Graphic Novel 2016. Schade: während zivilgesellschaftlicher Widerstand abschließend kurz angesprochen wird, bleibt die Arbeit von Antifa Gruppen unsichtbar.
“Drei Steine” ist eine autobiografische Graphic Novel, bei der Nils Oskamp sowohl als Autor als auch Illustrator tätig war. Dies garantiert, dass die Umsetzung genau so erfolgte, wie der Autor es im Sinn hatte. Nämlich als aufklärende Geschichte für junge Menschen, die sich von rechtsextremem Gedankengut angesprochen fühlen.
Mutmacher?
Bezeichnend für diese Geschichte ist meines Erachtens gar nicht mal, dass ein Jugendlicher den Mut hatte, seine Stimme gegen rechtsextreme Mitschüler zu erheben, sondern wie wenig Unterstützung er von seinen Mitmenschen erhalten hat. Egal, an wen er sich in seiner Not gewandt hat, bekam er keine Hilfe.
Nur dezent zeigt der Autor, wie subtil und manchmal offensichtlich rechtsextremes Gedankengut auch in Schulen von Lehrern vermittelt wird und wie wenig Schüler dagegen unternehmen konnten (und können?). Auch hier zeigt sich, wie verloren und hilflos er in seiner Situation war.
Gewalt spielt in der Biografie eine Rolle und zeigt, wie Gewalt Gegengewalt provoziert und wie das eine Extrem schnell mit dem anderen bekämpft wird. Oskamp war kurz davor in diesen Strudel zu gelangen und befreite sich letzten Endes davon.
Zeichnerisch macht die Graphic Novel einiges richtig. Allerdings ist das Figuren-Design etwas zu einseitig ausgefallen, so dass es manchmal schwerfällt, die unterschiedlichen Personen (und damit die Situationen) voneinander zu unterscheiden.
In seinem Nachwort geht der Autor kurz auf die Bedeutung der drei Steine ein, die für die Graphic Novel titelgebend ist. Zusätzlich bietet das Buch Platz für eine Analyse der rechtsextremen Szene Dortmunds von Alice Lanzke für die Amadeu Antonio Stiftung.
Fazit
Das Buch erschien 2016 und erzählt von Ereignissen aus den 80ern. Es scheint ein Rückblick zu sein, mit dem Erstarken der rechten Szene in Deutschland wird es leider wieder sehr aktuell. Insgesamt ist die Graphic Novel sehr gesellschaftskritisch ausgefallen und bekommt so gerade eben die Kurve, um nicht gewaltverherrlichend zu sein. Als Aufklärungsbuch gegen Rechtsextremismus richtet es sich an Jugendliche, die oftmals sehr empfänglich für derartige Ideologien sind.
Autobiografisches Comicbuch über die Anfänge der Dortmunder Neonaziszene in den 80ern. Der Autor erzählt von der Rekrutierung von Fascho-Nachwuchs durch Altnazis und gibt anhand eigener Gewalterfahrungen einen persönlichen Einblick in die brutale Tradition der Szene. Der Comic hat mir künstlerisch und erzählerisch leider nicht so gut gefallen. Hinten im Buch ist der sehr informative Aufsatz "Kontinuität des Hasses" von Alice Lanzke abgedruckt, in dem Erstarken und Entwicklung der Dortmunder Nazi-Szene seit 1979 nachgezeichnet werden.
Eine autobiografisch angehauchte Graphic Novel, die ohne Samthandschuhe die Realität von Schülern zeigt, die sich mit rechtsextremistischen Rekrutierungsversuchen, der Ablehnung solcher und den Folgen konfrontiert sehen. Es wird auch auf die Problematik eingegangen, Hilfe zu suchen, keine zu erhalten und Ziel von rechter Gewalt bereits im Schüleralter zu werden. Nach der Graphic Novel sind auch noch einige informative Kurztexte, sowie Alice Lanzkes "Kontinuität des Hasses" angefügt.
Ein toller Titel, der sich persönlich und subjektiv mit der Thematik der rechten Szene in Dortmund auseinandersetzt. Da ich persönlich die Schauplätze und auch einen der Charaktere aus eigenen Erfahrungen kenne kann ich mich fast zu gut in die Geschichte eindenken. Eine klare Empfehlung!
Ein so wichtiges Thema: rechte Seelenfänger an deutschen Schulen. Ich denke, in dieser Form als Graphic Novel kann man auch viele Schüler erreichen, die man mit einem trockenen Aufklärungsbuch eben nicht erreicht.
Ich hab drei Jahre in der Dortmunder Nordstadt gewohnt und ich bin mir jetzt absolut bewusst, wie viel Glück ich hatte nie direktes Opfer rechtsradikaler/-extremer Gewalt worden zu sein. 🚩 Ich lese sonst nie Comics, aber dieser ist echt ein guter Mix auch Fiction und leider Non-Fiction.