In einer anderen Welt hätte ich diesen Roman bis hierhin mehrfach gelesen. Jedes Wort auf die Waagschale gelegt und mir eine mehr oder weniger logische Deutung überlegt. Immerhin, es ist ein Übersetzer vom Balkan, geflüchtet nach, um den ersten Satz des Romans zu zitieren: nennen wir die Zeit jetzt, nennen wir den Ort hier. Beschreiben wir beides wie folgt. Deutschland und Berlin liegt nahe. Doch ein Zuhause kann man nicht feststellen, allein schon nicht wegen des mangelnden Begriffs. Zehn Sprachen spricht er, doch nirgendwo kommt es durch diese Sprache zu einem zu einem Zuhause. Mehrsprachig und Nichtheimatlich um mich eines Neologismus zu bedienen.
Kurz und gut: Ich hätte zu Alle Tage von Terézia Mora meine Masterarbeit schreiben können. Das Buch ist mir allerdings erst in der Recherche aufgefallen. Die Passagen, die über den Roman gehen, habe ich übersprungen und stattdessen über Stanisics Soldaten gelesen, aber der Name Mora verließ mich nicht. Also kaufte ich mir den Roman und las ihn in der Bahn und auf der Bank. Gedanken und ein Fazit zu ziehen sind aus mehrerer Hinsicht gar nicht so einfach. Vielmehr ergeben sich drei Schwierigkeiten.
Zum einen wegen meines Vorwissens bei diesem Thema. Jetzt, am Ende des Buches, würde ich es gerne noch einmal lesen und meine Erkenntnisse überprüfen. Postkolonialismus, Bhabha, das Erzählen als Traumaüberwindung und so. Das bräuchte alles viel mehr Recherche doch durch die Sprache wird bei Mora das Trauma nicht überwunden. Es fühlt sich einerseits nicht wirklich nach einem Trauma an und andererseits wird die Hauptfigur Abel Nema erst in seinem Sprachverlust so etwas wie glücklich. Wobei Glück ein schwieriges Wort ist. Zufriedener. Wobei das genauso schwierig ist, wenn man bedenkt, dass diese beinahe religiös anmutende Wiederholung die Aussage ad absurdum führen könnte und man nicht ganz weiß, ob man sie Abel abkaufen kann. Ein weiteres Lesen wäre notwendig. Auch um Schemen von Hypothesen zu überprüfen, mal wissenschaftlichere (wie die Frage, ob seine Asymmetrie im Gesicht etwas mit seinem Hirn zu tun hat) und mal weniger wissenschaftliche (wie die Frage, ob er überhaupt all diese Sprachen spricht, oder was zum Geier während seines Deliriums passiert). Und noch ein lesen und noch eines danach. Die Freude der Analyse lässt meine mangelnde Zeit nicht zu und Alle Tage wandert auf die lange Unbedingt-Noch-einmal-Lesen-Liste. Und der Roman ist dort nicht (nur), weil ich ihn ausschließlich genossen habe.
Diese Aussage führt zu meiner zweiten Schwierigkeit. Ich kann Abel Nema nicht fassen. Die Verkündung eines Urteils, dass vor Beginn des Prozesses in einem verschlossenen Umschlag hinterlegt wurde (S. 392) kann ich mir nicht einmal nach dem Prozess (des Lesens) erlauben. Am Vertrautesten ist er mit, als er eine Panikattacke hat. Doch sonst? Er redet wenig, weder zu anderen, noch in seinem Kopf. Ich fühlte mich denen verbunden, die ihn auch nicht recht greifen konnten. Außer Erik dem Arschloch. Die Momente seiner Leibhaftigkeit habe ich genossen, auch wenn sie (wie der Kuss mit diesem Jungen) wenig zu genießen waren. Aber die Tage auf Tour oder am Meer waren erfüllend. Doch leider waren dies nicht alle Tage. Und am Ende blieb mir Abel Nema fremd.
Die dritte Schwierigkeit hingegen ist eine, die sich bei genauerer Überlegung in Luft auflöst. Sie hat mit einer Theorie zu tun die auch auch in meiner Masterarbeit, insbesondere aber in meinem Umfeld propagiere: und zwar, dass das rückwärtsgewandte Erzählen nicht zielführende und ein langweiliges Element ist. Und eigentlich findet es sich bei Alle Tage, wenn man darüber nachdenkt, dass man auf Seite 410 zurück zum Anfang der Geschichte katapultiert wird. Dich das nur auf den ersten Blick. Denn ich konnte mich nicht einmal mehr daran erinnern, dass wir Abel Nema direkt zu Beginn wie eine Fledermaus angekettet vorfanden. Ich bangte im Krankenhaus (auf den ersten Seiten) nicht um sein Leben, ich wollte nicht die Geschichte lesen, um zu wissen, warum er da war. Vielleicht liegt das an meinem unaufmerksamen Lesen zu Beginn eines Buches, aber selbst mit diesem Wissen, können die paar Seiten nur eine Art Appetizer (ich kann nicht glauben, dass ich dieses Wort benutze) sein, die den eigentlichen Hunger für die Geschichte Abel Nemas weckt. Ein Hunger der sich daraus ergibt, dass man wissen will, was in der Zukunft (die streng genommen eine temporale, aber eben nicht kausale Vergangenheit ist) passiert und nicht daraus, dass man wissen will, warum er so gefunden wurde. Diese Schwierigkeit lässt sich also doch durch wenige Worte lösen.
Eine Conclusio bleibt durch genannte Gründe schwer. Kann es denn überhaupt ein gutes Buch sein, wenn die Hauptfigur im direkten Wortsinn so unfassbar ist? Ja, denn genau wie Grjasnowas Mascha, die so fassbar und authentisch ist, ist es das Können Moras, dass Abel so fremd wirkt. Man muss also nur wissen, ob man diese Fremdheit erleben möchte, ob man versuchen will, diese Fremdheit zu verstehen. Diese Fremdheit, die vielleicht nur daher rührt, dass ich eben so gar nicht fremd bin und mich so wenig mit Abels Schicksal identifizieren kann. Daher ist es ein zweifelloser Gewinn, sich damit zu beschäftigen, denn man erfährt, man lernt. Ach, zum Kuckuck mit dieser Indirektheit. Ich erfuhr, ich lernte und - trotz oder vielleicht gerade wegen meiner Schwierigkeiten - genoss ich auch. Zu denken, zu lesen und auch das hier zu schreiben. Doch nun genug. Bereits zu viel.