Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.
Der Schreibstil der Autorin ist ein Traum, man kann es nicht anders sagen. Die Bilder, die sie heraufbeschwört, die kleinen, flüchtigen Metaphern und Phrasen, die aber doch einen so nachhaltigen Eindruck im Kopf hinterlassen. Während ich die ersten Seiten gelesen hab, war mir schon klar, dass ich das Buch noch einmal lesen werden müsse, um all das zu markieren und aufnehmen zu können, was es das wert ist.
Der zweite große Punkt ist, dass die Charaktere mir PERSÖNLICH so sympathisch waren, dass ich über ihre Fehler hinwegsehen konnte. So hab ich öfters gelesen, dass die Beziehung von Hanna und Ben als toxisch empfunden wurde. Und dem stimme ich zu, wenn ich das objektiv beurteilen müsste, würde ich wahrscheinlich zu dem gleichen Entschluss kommen. ABER die Autorin hat es geschafft, mich so in die Gefühlswelt der Protagonisten (vor allem Ben) eintreten zu lassen, dass ich nicht länger ein objektiver Beobachter war, sondern mich mehr wie an Hannas Stelle gefühlt, die dauernd gehadert hat, und Bens Entscheidungen und Aktionen gleichzeitig gehasst und geliebt hat.
Nun zum Plot: Für mich kam das Verschwinden von Ben so überraschend, dass ich wirklich nicht nur kurz schlucken musste. Zunächst war ich genervt, dass das Buch nun wirklich damit zu Ende geht, dass eine Geschichte (die Legende) gewonnen hat. Oh little did i know, was noch kommen würde.
Die Spurensuche war so spannend gestaltet, dass sich das Genre wirklich um 180 Grad gewendet hat, von New Adult mit Drama zu Thriller. Dennoch muss ich sagen, dass ich froh bin, dass diese Thrillerelemente trotzdem eher im Hintergrund geblieben sind und es im Vordergrund immer noch mehr um Hannas Entwicklung und ihre Gefühle und Gedanken zu Ben ging.
Kurz vor dem Ende war ich dann doch wieder genervt, dass die Autorin nach all der Spannung und dem Mitfiebern die einfachste Lösung des Er-lebt-will-aber-nicht-gefunden-werden-und-ich-finde-mich-damit-ab nimmt, und hallelujah, hat sie auf den letzten Seiten dann erneut mit meinen Emotionen gespielt: Zuerst der Anruf von Bens Handy, wo sich die "Auflösung" dann so endgültig angefühlt hat und dann das erneute Aufbrausen der Spurensuche.
Die Autorin versteht es definitv, sich in ihrem Schreiben nicht anmerken zu lassen, in welche Richtung sich das Ganze noch drehen wird, denn jede einzelne Phase hätte auch das Ende darstellen können.
Mein einziger minimini Kritikpunkt ist das EndeEnde, also die letzte Seite, denn hier war mir dann doch alles ein bisschen zu schnell abgehandelt, ich hätte mir hier ein paar mehr Gedanken hinter der Auflösung gewünscht, also bspw. dass der Ort, wo Hanna letztendlich hinfährt, einer ist, den man schon kennt, oder dass das ganze Buch mit einem Zitat (hust hust "the moments kill us gently and infinitely" hust hust) endet. Auch wenn das jetzt kitschig klingen mag, hätte mir das wahrscheinlich den endgültigen Rest gegeben (im positiven Sinne).
Was ich auch nicht unbedingt gebraucht hätte, wäre die starke Einbeziehung von Chloé (wobei das ja schon einen Sinn hatte) aber VOR ALLEM Sam. Chloés Hintergrund war noch tiefgründig, aber Sams Auftreten war mir viel zu oberflächlich, was mich irgendwie so gestört hat, weil das ganze Buch sonst doch das genaue Gegenteil von oberflächlich war. Ich hatte auch kurz Angst, dass es zum Ende hin dazu führt, dass Hanna zu Sam zurückkehrt und von der Suche nach Ben ablässt, WeIl Es So BeSsEr IsT.
Trotzdem ist das DEBÜT der Autorin mein allererstes fünf Sterne Buch geworden, und eines, das ich wahrscheinlich noch mehr als einmal in der Hand halten werde, weil es mir nicht aus dem Kopf geht.