Sozialkitsch ohne jegliche Subtilität, ohne zweite Ebene, z.T. etwas verworren erzählt. Insbesondere in den ersten Kapiteln springt Canetti in verwirrend rasanter Weise zwischen verschiedenen Erzählperspektiven. Das wirkt etwas unfertig. Dem Strukturprinzip, episodisch einzelne Geschichten aus der „Gelben Straße“, einem Wiener Arme-Leute-Kiez, locker zu verknüpfen, kann ich etwas abgewinnen, zumal wir etwa in Nebensätzen der aktuellen Geschichte über das weitere Schicksal von Figuren aus einer vorhergehenden aufgeklärt werden. Doch der Vorteil einer multiperspektivischen Erzählweise ist ja eigentlich, Sachverhalte aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, eindeutige Wertungen in Zweifel zu ziehen, die Geschichten dahinter kennenzulernen. Aber diese Geschichten dahinter gibt es hier nicht, die Figuren bleiben eindimensional: Herr Vlk ist ein Pedant, der seinen Nachbarn das Leben zur Hölle macht. Warum? Egal. Die Runkel, verbittert infolge ihrer Behinderung, hätte etwa die Chance zu einer differenzierten Charakterstudie geboten, wird aber statt dessen vor allem als bösartige Alte dargestellt, die die junge, hübsche Angestellte mobbt. Die von Missbrauch und häuslicher Gewalt geprägte Ehe der Igers treibt in ihrer Brutalität und Ausweglosigkeit auch den Leser an die Schmerzgrenze, doch bleibt am Ende nicht mehr als die Erkenntnis, dass Gewalt in der Ehe eine schlimme Sache ist. Empathie wird geweckt und v.a. wird deutlich, wie sehr vor allem Frauen zu Opfern werden. Canettis Gesellschaftsbild aber präsentiert sich in erster Linie als Täter-Opfer-Dichotomie, die Strukturen dahinter bleiben unbeleuchtet. Als Erkenntnis bleibt hängen: Armut ist schlimm, Menschen sind schlecht. Das erscheint mir insgesamt etwas dünn.