In meinem Leseleben hat Amerika eine besondere Rolle gespielt und bleibt für mich für immer etwas Einzigartiges – mehr als ein Meisterwerk, ein Musterwerk des radikal Neuen in der Sprachwelt.
Ich habe es mit 16 oder 17 Jahren erstmals gelesen, aber bis dahin hatte ich fast nichts gelesen. Ich konnte das Buch also nur mit sehr wenigen anderen vergleichen, und es bildete für mich keinen Kontrast zu den sogenannten realistischen Romanen, weil ich solche einfach noch nicht kannte. Ich wusste fast nicht, was man von einem Roman erwarten konnte – und gerade deshalb war ich offen für alles, was dort geschehen könnte. So war es für mich ganz natürlich, dass diese Geschichte die unheimliche Helligkeit und die Logik eines Traumes hatte.
Träume geschehen, sie sind reale Geschichten, deren Absurdität natürlich ist. Sie sind sogar die bedeutendsten Geschichten für jeden von uns, sonst würden wir sie sofort verstehen und nicht vergessen. Wenn wir sie nicht vergessen und vielleicht sogar ein bisschen verstehen, ist das nicht einer rationalen Deutung zu verdanken, sondern stiller, unbefangener Aufmerksamkeit und Wehrlosigkeit.
Wir sind allein in unseren Träumen – wir können nicht mitträumen – und auch im Verständnis sind wir allein. Wir verstehen alles wortlos. Die anderen sind aber auch dort, für und gegen uns, sie spielen wichtige Rollen in unseren Träumen und in unserem Leben, helfen oder stehen uns im Weg. So ist es auch mit Karl Rossmann, dem Protagonisten dieses Romans, wie mit so vielen anderen Figuren in Kafkas Werk. Die besten Leser verstehen sie so wenig wie ihren Schöpfer selbst. Sie sind geworfen in eine Welt, sie sind Selbstentwürfe, sie suchen etwas, sie selbst sind Versuche; sie geschehen, und sie scheitern.
Amerika ist für mich als Anti-Bildungsroman das größte Musterwerk der modernen Literatur. Der Junge Karl Rossmann ist am Anfang seiner Geschichte niemand, und bis zu ihrem Ende – nach so vielen Ereignissen, Vorfällen, unglaublichen Zufällen und trotz der günstigsten Begegnungen für ihn, trotz seiner ungeheuren Anstrengungen, seiner Ehrlichkeit, Hartnäckigkeit, seines scharfen Sinns und starken Willens, trotz so vieler Glücke und Ungl��cke, nach einer ganzen Reihe lächerlicher, aber trauriger und sehr absonderlicher Abenteuer in einem ganz neuen Kontinent – ist er immer noch niemand geworden.
Es ist bekannt, dass Kafka keine Pläne für seine Geschichte gemacht hat. Nur deren Anfang wusste er genau, als er sie zu schreiben begann; dann geschah die Geschichte, eine Zeile führte zur nächsten, in einer hyperbolischen Linearität. Seine Geschichten sind wie Träume, und die unvollendeten Romane sind die unmöglichsten Träume von allen. Auch Träume haben nur einen Impuls, und der Rest ist ein fast unbewusstes Schöpfen.
Die Schuld mit ihrer unbegreiflichen Komplexität ist ein großer Impuls, ebenso wie die Entfremdung mit ihren Schatten. In Kafkas Welt ist das Ordinärste das Bizarrste. Die Gehilfen der Hauptfiguren in den drei Romanen sind selbst hilflos; viele sind lächerliche Figuren, und manche von ihnen sind so linkische, naive, große Kinder, dass sie wie verfallene Engel sind. Nur David Lynch und Federico Fellini hätten die scheinbar kontrastierenden Eigenschaften gehabt, um gemeinsam Amerika verfilmen zu können. Schade, dass sie nicht dazu gekommen sind. Jedenfalls sehe ich in den Werken dieser beiden Regisseure immer eine große Affinität zu Kafka – wenn auch von verschiedenen Seiten.
Ich habe Amerika viele Male gelesen, und zwar in den verschiedenen Sprachen, die ich gelernt habe. Es war manchmal das erste Buch, das ich nach längeren Lesepausen lesen konnte – und einmal beinahe das letzte –, das ich gelesen habe. In einer großen Depression, als ich unter schweren Konzentrations- und Gedächtnisproblemen litt, versuchte ich trotzdem, Amerika als ein „letztes“ Buch zu lesen. In dem Irrenanstalt, in die ich zwanghaft eingewiesen wurde, um vor mir selbst sicher zu sein, bat ich, als es mir etwas besser ging, um dieses Buch. Und als ich allmählich wieder zu mir kam und etwas mehr für als gegen mich war, empfing ich es und begann von Neuem zu lesen.
Seit vielen Jahren kann ich mich nicht mehr daran erinnern, was ich träume. Jeden Morgen, wenn ich erwache, finde ich mich schon wieder in denselben Bogdan verwandelt. Vor meiner Depression habe ich viele merkwürdige Geschichten geschrieben. Noch bevor ich wirklich zu lesen und zu schreiben begann, war ich nur teilweise von meinen Träumen getrennt. Und noch früher, als Kind, träumte ich sehr viel; manchmal konnte ich meine Träume sogar ein bisschen kontrollieren und darin etwas erschaffen.
Einmal träumte ich, dass ich, als ich eingeschlafen war, bewusst die Augen nicht geschlossen hatte und so durch das Fenster sehen konnte, wie die Nacht sich in wenigen Sekunden in den Morgen verwandelte – genau in dem Moment, als ich auch tatsächlich erwachte. Ein anderes Mal träumte ich, dass ich nicht aufwachen wollte. Ich sah, was alle anderen im Haus den ganzen Tag ohne mich taten. Niemand weckte mich, ich konnte ruhig weiterschlafen – nicht nur die nächste Nacht, sondern auch den nächsten Tag, und wieder Nacht und Tag und Nacht und Tag. Doch es war langweilig – der banalste und realistischste Traum, wie eine private Reality-Show, mit mir allein als Zuschauer. Ich wachte auf, ich weiß nicht nach wie vielen Nächten und Tagen. Soweit ich weiß, bin ich seit vielen Jahren nur wach.