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Epilog mit Enten

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»Berlin, 1976: ein Jahrhundertsommer. Ich war achtzehn, eine Schülerin aus dem Westen, du fünfundzwanzig, ein kleiner Dealer. Es begann, wie solche Lieben eben beginnen, besessen, verrückt, als ein großer Rausch.« Fast vierzig Jahre später blickt sie zurück: auf die Reisen auf dem Hippie Trail durch Indien und Afghanistan, auf Versöhnungen, Trennungen, die Ehe in Norwegen, die Geburt der Tochter. Sie verlieren einander aus den Augen, doch dann erkrankt er an Krebs. Und sie versuchen ein letztes Mal, ihre gemeinsame Geschichte zu einem guten Ende zu führen.

592 pages, Hardcover

Published December 9, 2016

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Sabine Friedrich

52 books1 follower

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Profile Image for Buchdoktor.
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January 25, 2017
Im Jahr 2013 trägt die Icherzählerin Sylvie ihren Exmann und Vater ihrer Tochter nach schwerer Krankheit zu Grabe. Für sie und ihre Tochter ist Gabos von ihm jahrelang angekündigter Tod eine langersehente Befreiung. Als sie Gabo 1976 in Berlin begegnete, war sie 18 und folgte gemeinsam mit ihrer Cousine dem Drang aus der fränkischen Provinz in die geteilte Stadt. Coburg war damals an drei Seiten von der Grenze zur DDR umgeben, ein Wochenendtrip durch die „Zone“ nach Berlin eine aus heutiger Sicht komplizierte Aktion, für die man einen Reisepass benötigte. 1976 war das Jahr, in dem sich die RAF-Terroristin Ulrike Meinhof das Leben nahm, in dem Der Herr der Ringe auf Deutsch erschien und in dem Sylvie und ihre Clique Musik von Yes hörten. Sylvies Eltern stammten aus kleinen Verhältnissen, die Mutter wurde als Flüchtlingskind gewohnheitsmäßig ausgegrenzt, der Großvater hatte noch eine lupenreine Arbeiterbiografie. Als Lebensentwurf für Frauen war bis dahin nur die Ehe mit einem Partner „aus gutem Hause“ denkbar. Sylvie entdeckt, dass Rollenbilder aus Romanen nicht auf sie passen. Sie hat im Jahr vor ihrem Abitur exakt drei Vorsätze: sie sucht ihren Prinzen, will ein Buch schreiben und auf dem Landweg nach Indien reisen. Aus Indien sind gerade ein paar ältere Jungen ihrer Clique zurückgekehrt, pünktlich zum Semesterbeginn.

Sylvies Reise auf dem Hippie-Trail wird völlig anders verlaufen, als Nebenhandlung einer zerstörerischen, alles verschlingenden Beziehung zu Gabo. Der einige Jahre ältere Gabo hatte bis dahin in Berlin vom Drogenhandel gelebt und bereits vor der Reise Sylvie auf manipulative Art in eine Beziehung gezwungen, in der die Partner nicht miteinander und nicht ohneeinander leben konnten. Wie Gabo den eigentlichen Reisepartner ausbootet, ist ein starkes Stück und erst der Anfang dieser lebenslang verschlingenden Beziehung. Sylvie schafft das Abi, studiert an die Indienreise anschließend, arbeitet, promoviert, knickt jedoch wieder ein, indem sie Gabo heiratet und ein Kind von ihm zur Welt bringt. Doch Gabo bleibt in den 70ern stecken, entwickelt sich nicht weiter, neidet im Gegenteil Sylvie ihre Entwicklung und ihr Mutterglück. Als Gabo mit Mitte 50 schwer erkrankt, ist Sylvie in zweiter Ehe verheiratet. Gabo gelingt es in seiner unnachahmlich manipulativen Art, sich als schwer Kranker in diese Familie zu drängen und sie auszunützen, bis ihre Zerstörung unmittelbar bevorsteht. In der Auseinandersetzung mit Gabo klingt der Ton voller Wut und schwer zu unterdrückendem Groll. Gabos Impulsivität, seine unrealistischen Pläne, sein ständiges Scheitern, durch das er wiederum Menschen mit Helfersyndrom gnadenlos ausnutzt, klingen wie ein extremer Fall aus dem Lehrbuch der Psychiatrie. Doch Sylvie ist erst 19, als sie nach Indien reist, Strategien gegen einen meisterhaften Manipulator konnte ihr ihre Erziehung nicht vermitteln. Zuvor ist sie zwar schon in Europa gereist; auf die Organisation dieser Traumreise hat sie ihr bisheriges Leben jedenfalls nicht vorbereitet. 1978 beginnt der Afghanistan-Konflikt – und danach sind Sylvies Erinnerungen leider nur noch eine gedankliche Abschiedstournee zu Orten, die sie so bald nicht wiedersehen wird.

Sabine Friedrichs Roman setzt sich aus mehreren Ebenen zusammen, Reiseerlebnissen, einer erstickenden Partnerbeziehung, dem historischen Hintergrund der späten 70er (ein Jahrzehnt, das in Rückblenden aus heutiger Sicht hinter den magischen 80ern ins Hintertreffen zu geraten scheint), und der Entwicklung der Icherzählerin zur Autorin. Die Erzählerin richtet sich in ihrem Rückblick streckenweise direkt an Gabo, schafft Distanz, indem sie aus der Handlung heraustritt und von „der Frau“ und „dem Kind“ schreibt. Sie betrachtet aus dem Off heraus die ferne Neunzehnjährige, die sie damals war. Sylvie weist darauf hin, dass ihre Tagebücher nicht die Ereignisse nacherzählen, sondern ein eigenes Medium darstellen. Es sind unzuverlässige Quellen, deren Existenz verdeutlicht, dass Friedrichs Roman Fiktion ist, auch wenn die biografischen Eckpunkte im Leben der Autorin und ihrer Icherzählerin einige Gemeinsamkeiten zeigen. Die Bilder dieser Reise und die Landkarte von Sylvies Leben erhalten erst in der Erinnerung Substanz. Einige Erinnerungen lassen sich jedoch nachträglich nicht mehr verifizieren.

Mich hat stets verblüfft, dass Länder oder Städte, die man mit 19, 20 Jahren bereist, häufig zu Lieblingsorten oder Herzensstädten werden. Sylvies magisches Alter für prägende Eindrücke hat mich in diesem Roman deshalb besonders interessiert. Die Verknüpfung von Reiseerzählung, Entwicklungsgeschichte und Analyse der Beziehung zu einem unverbesserlichen Narzissten hat mich hier äußerst positiv überrascht.
Profile Image for Devona.
74 reviews2 followers
March 2, 2017
Was für ein Buch! Schon im Januar ist ein deutliches Zeichen gesetzt: dieses Leseerlebnis in diesem Jahr zu toppen, wird sehr, sehr schwer. Und wieder mal hatte ich mit meiner Affinität zu seltsamen Buchtiteln ein glückliches Händchen. Ich meine: was genau denkt man denn, wenn man „Epilog mit Enten“ auf einem Buchdeckel liest? Das Buch MUSS man lesen.

Sylvie, die Ich-Erzählerin, erzählt diese Geschichte ihres Lebens, beginnend mit besagtem Jahrhundertsommer 1976 im Rückblick aus der Sicht der nunmehr 59-Jährigen im Jetzt und Hier und von der ersten Zeile an entsteht ein Wahnsinnsog, der den Leser in die Geschichte regelrecht hineinkatapultiert. Man kann sich dem, selbst wenn man will, nicht entziehen, eine derartige Faszination habe ich so beim Lesen noch nicht erlebt. Das liegt zunächst einmal an Sylvies Erzählstil: völlig ungeordnet purzeln Gedanken und Emotionen in kürzester Zeit aus ihr heraus, sie gibt einem fast zwanghaften Mitteilungsbedürfnis nach, welches sie nun -nach Gabos Krebstod- überwältigt hat. Ihrer beider sehr spezielle Geschichte muss endlich heraus -schnell, schnell und Sylvie verhaspelt sich beim erzählen, ihre Gedanken überschlagen sich…nein, so war es nicht, ich muss noch einmal anfangen, so war es doch gar nicht…und atemlos beginnt sie den Gedankengang neu, um dem Leser aus einem anderen Blickwinkel Zugang zur dieser Erinnerung zu geben.

Mit dieser anfänglichen Atemlosigkeit hat die Erzählerin den Leser an der Angel: während ich noch am Überlegen war, ob ich ob all der so wahnsinnig unreflektiert auf mich einprasselnden Informationen nicht doch lieber aufhöre, dieses verwirrende Buch zu lesen, war ich schon mittendrin in der Geschichte, ein Aufhören gar nicht möglich und schrittweise, beim Erzählen sicher werdend, fand auch Sylvie den roten Faden. Genau analysierend und doch auch noch einmal ganz in den Emotionen der jungen Sylvie versinkend, spürt sie der Geschichte nach, schonungslos, aber oft auch nachsichtig und mit einem Augenzwinkern. Dadurch bleibt die Erzählung im Fluss und mutet nicht schwer, bedrückend oder gar kitschig an. „Epilog mit Enten“ ist kein seichter Liebeschnulz, sondern ein sehr nachdenklich stimmendes Buch.

Ihrem speziellem Stil bleibt sie das ganze Buch über treu: oft switcht sie aus der Erzählung für den Leser zur Du-Form, als würde sie in ihrer Erinnerung nun direkt mit Gabo weiter sprechen. Ich persönlich fand diese Art des Erzählens sehr plastisch und angenehm, könnte mir aber auch vorstellen, dass es verwirrt und nicht jedermanns Sache ist. Da dieses Stilmittel nicht überstrapaziert wird, bereichert es doch eher.

Das Buch erzählt von der aussichtslosen Liebe einer 19-Jährigem und einem Mitte Zwanzigjährigen, die sich hoffnungslos aneinander und ineinander verlieren, ohne jedoch die eigene Identität, das eigene sich-selbst-bewusst-sein als Erwachsener bereits gefunden zu haben. Gabos allzu großer Haschischkonsum lässt die ohnehin bunten Bilder der Eindrücke auf dem Hippie-Trail zwar noch bunter und noch intensiver erscheinen, vermittelt fiebrige Leichtigkeit und vermeintliche Freiheit, gibt aber der gemeinsamen Sinnsuche letztendlich zu wenig Raum, als dass sie als Paar wirklich zusammenwachsen könnten. Sylvie ist die Einzigartigkeit dieser Beziehung von Anfang an bewusst, ebenso ist ihr bewusst, dass sie unerklärbar ist:

Zitat: "Es war ein Strom, ein Energieaustausch. Irgendwelche kleinsten Teilchen wanderten von meinem Körper in seinen und von seinem in meinen, das ist keine romantische Metapher, und es war auch keine Einbildung, sondern eine Wahrnehmung, die Manifestation eines offenbar von der Wissenschaft noch nicht erkannten oder noch nicht untersuchten magnetischen oder elektrischen Phänomens, das eines Tages aber bestimmt sichtbar zu machen sein wird, so wie die unsichtbare Kraft, nach der sich im Physikunterricht Pfeilspäne ausrichten. Ich weiß nicht, was diesen Strom erzeugt hat oder worauf er beruhte. Er hatte nichts mit Begehren zu tun und auch nicht mit Liebe. Ich habe später, nach Gabo, andere Männer begehrt und andere Männer geliebt, ohne dass der Strom geflossen wäre. Ich wollte, dass er fließt, ich habe darauf gewartet. Ich habe versucht, dieses Strömen mit bloßem Willen zu erzeugen. Aber kaum je hat es sich später noch einmal eingestellt." Zitatende

Eingebettet in die fast hautnah zu spürenden Geräusche und Gerüche sowie die einzigartigen kulturellen und landschaftlichen Kulissen des Orients von Istanbul bis Goa erlebt der Leser Zuneigung, Hoffnung, Zerstörung, Selbstzerstörung, sich bis zum Exzess ausweitende Streitigkeiten und Versöhnungen in hitzigem, jugendlichem Temperament. Die flower-power-spät-Hippie-Ära leuchtet in schillernden Farben: unzählige ähnlich flippige Abenteurer verschiedenster Nationalitäten kreuzen als temporäre Reisegefährten und Zufallsbekanntschaften die Wege (und Betten) des jungen Pärchens. Schlussendlich ist für Sylvie aber „love and peace“ kein Allheilmittel, losgelöst vom allumfassenden und immerwährenden Gefühl erkennt ihr Verstand, dass sie für Gabo kein Gegenüber, kein wirklicher Partner ist, sondern lediglich eine -wie sie es nennt- Ich-Erweiterung. Noch auf der Reise verlässt sie Gabo, was aber nichts daran ändert, dass beide -trotz jahrelanger räumlicher Trennung und anderer Lieben- immer wieder zueinander finden. Beide vermögen nicht, einen finalen Schlussstrich zu ziehen, heiraten 17 Jahre später und bekommen eine Tochter. Und wieder muss Sylvie im Dickicht von Hass und Liebe, von irrationalem Verlangen und mittlerweile manifestierter Abneigung die Notbremse ziehen. Dem Kind zuliebe. Nach Scheidung und weiteren 14 Jahren getrennt verbrachter Zeit, erfolgt der endgültige traurige, sehr profane und doch auch sehr lebensnahe Abgesang auf diese einstmals so großen Gefühle.

Dieses Buch in ein emotionales Buch und so muss man es auch lesen. Man sollte den Verstand komplett abschalten und sich einfach von all diesen Gefühlen zweier haltlos Getriebener überschwemmen lassen. Ich werde weder Gabo noch Sylvie jemals vollumfänglich verstehen können, habe mich aber trotzdem von ihren Emotionen mitreißen lassen und konnte sie intensiv nachempfinden.

Dieses Buch ist eine Hommage:

Eine Hommage an die Einzigartigkeit des Lebens, dass wir trotz aller Planung nicht wirklich punktgenau und rational steuern können, das uns, unabhängig von den Entscheidungen, die wir treffen, immer wieder einholen wird und seinen Tribut fordert.

Eine Hommage an die Freiheit, die selten dem Ideal entspricht, welches wir mit unserer Phantasie von ihr konstruieren oder uns vorgaukeln lassen. Die Freiheit, die manchmal auch ein klein wenig schmutzig und gerade in ihrer Unperfektheit das Höchste ist, wonach wir immer wieder streben werden und müssen.

Und eine Hommage an Liebe in all ihren Facetten und Möglichkeiten, die niemals verständlich sein wird und gerade deshalb diese große, faszinierende Macht über uns Menschen besitzt. Die bereichert und zerstört.

Fazit: Sabine Friedrich gelingt die großartige Beschreibung einer Paarbeziehung, in der Liebe und Hass untrennbar miteinander verwoben sind und in der trotz unversöhnlicher Gegensätze zumindest ganz am Ende ein würdevoller, friedlicher Abschied steht.

PS. Und ja! Auch der Titel hat eine Bedeutung mit Bezug zum Inhalt.
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