Im menschlichen Gehirn finden während der ersten drei Lebensjahre entscheidende Reifungsprozesse statt. Nicht nur die Gene, sondern auch die vorgeburtliche und frühkindliche Erfahrung eines Menschen spielen eine bedeutende Rolle für die Entwicklung der Persönlichkeit. Auf neurobiologischer und psychologischer Grundlage erläutert Nicole Strüber, wieso Bindung für die kindliche Entwicklung so wichtig ist.
Dr. Nicole Strüber ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Hirnforschung der Universität Bremen. Sie studierte Neurobiologie und Psychologie und promovierte 2012 im Bereich der Entwicklungsneurobiologie.
Vor allem der erste Teil, wo es um die Entwicklung des Fötus und Säuglings geht ist dieses Buch eigentlich Pflichtlektüre. Zusammenfassend: werdende Eltern brauchen Entspannung, Kinder brauchen Liebe und eine stabile, verlässliche Bindung. Der Teil über die Unterschiede der Geschlechter sticht leider durch "bei meinen Kindern war das aber so" negativ heraus. Etwas mehr Sozial- statt (auf die Beobachtung von Tieren fussenden) Naturwissenschaften wäre angenehm gewesen.
Fundiert, belegt und endlich mal wieder viel Neues
Was grenzt dieses Buch von anderen "Elternratgebern" ab? Es ist keiner. Es fasst viel mehr aktuelle wissenschaftliche Erkenntnisse zusammen und spricht über viele Forschungserkenntnisse die für den Umgang mit Kindern super relevant sind, mir in den letzten 20 Büchern zur selben Thematik aber noch nie begegnet sind.
Nicole Strüber hat ihr Buch sehr gut strukturiert. Zu dem Vorwort von Gerhard Roth gibt es noch eine Einleitung die auf das Kommende vorbereitet ohne zuviel vorweg zu nehmen. Die Kapitel sind kurz und übersichtlich. Es gibt in kleine Absätze, die den Lesenden die Wahl lassen, Exkurse in die aktuelle Forschung zu unternehmen, im Detail etwas nachzulesen oder auch nur die knappe Zusammenfassung des Themas für sich mitzunehmen. Diese Struktur erhöht das Lesevergnügen ungemein. Hinzu unterstützen Illustrationen das Verständnis etwas komplexerer Inhalte. Die ersten vier Kapitel widmen sich ganz dem Kind und die folgenden drei den Eltern. Die Autorin benennt die enormen gesellschaftlichen und auch eigenen Anforderungen und Ängste an und von Eltern. Für diese bietet sie im Folgenden immer wieder Anregungen und Handlungsoptionen. Neuronale Vorgänge anhand vieler Beispiele und Abbildungen anschaulich erklärt. Dabei zeichnen sich die Beispiele durch eine sehr konkrete Beziehung zur Lebenswelt von Eltern und Kindern aus. Zudem sind sie meist sehr humorvoll wiedergegeben. Nicole Strüber wendet sich auch der großen Frage zu, was nun entscheidender ist: Gene oder Umfeld. Ihr Lösungsansatz verdeutlicht, das verschiedenen Dispositionen durch Genvarianz in Wechselwirkung mit der Umwelt die Charakterbildung des Menschen maßgeblich beeinflussen. Ein wirklich spannendes Thema! Um einem gewissen Determinismus vorzubeugen, betont Nicole Strüber, dass alles kann und nichts muss. Auch pränatale negative Einflüsse können postnatal relativiert werden. Interessant ist auch der Abschnitt über die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen und ob diese genuin sind. Etwas kritisch beurteile ich die Bedingungen, die Nicole Strüber für das optimale Stillen eines Kindes aufführt. Insgesamt ein sehr gelungenes Buch, das aufklärt und für interessante Diskussionen sorgen kann.