Das 20. Jhd. war eines der tumulthaftesten und ereignisreichsten überhaupt. Es vergingen grade Mal 20 Jahre zwischen dem Weltenbrand des 2. Weltkrieges und seinen unsäglichen Gräueltaten bis zu counter culture und kiffenden Hippies die Mao lasen. 10 Jahre später wagten diese dann gereiften Jugendlichen den ,,Marsch durch die Institutionen" und gründeten idealistische Parteien wie die Grünen. Und nur wenige Jahre später setzte sich der Neoliberalismus eines Milton Friedmans in der westlichen Welt als oberstes politisches Dogma durch und bestimmt bis heute unser Leben und Denken. All das, während am Anfang des Jahrhunderts in Deutschland und vielen weiteren europäischen Nationen noch Monarchien vorherrschend waren und der Imperialismus das Gebot der Stunde für Staaten waren, ,,die etwas auf sich hielten".
Müller liefert eine meisterhafte Monographie dieser Ideenwelt ab. Sie ist nicht frei von Schwächen. Bei solch einem ambitionierten Ziel, auf gerade mal 400 Seiten 100 Jahre Ideengeschichte darzustellen und einzuordnen kann leicht die Tiefe fehlen. 400 Seiten lassen sich alleine mit Faschismustheorien und -definitionen füllen. Diese Unzulänglichkeiten existieren und stechen besonders beim 2. Kapitel hervor, wenn Müller auf Experimente zwischen den Kriegen eingeht und ziemlich schnell Namen, Biographien und Ideologien abhandelt, die dadurch teilweise ziemlich blass bleiben. Ein Rezensent hat das mit einer Andernanderreihung von Wikipedia-Artikeln verglichen und in den schlechten, wenn auch wenigen Momenten, kommt einem das so vor.
Jedoch ist es davon abgesehen hoch interessant und dicht geschrieben, wenn auch fraglich bleibt wer genau die Zielgruppe ist. Für Anfänger ist es zu ,,voll" und zu viel wahrhaftes, aber auch schwieriges findet sich auf jeder Seite. Die vielen Namen und Querverweise können da überfordernd wirken. Jedoch würde ich auch vermuten, dass sich Experten langweilen und lieber tiefer in einzelne Ideologien einsteigen, so hat sich etwa für mich Gramsci sehr kurz angefühlt oder ich war ein wenig schockiert nicht einmal etwas von Spengler oder anderen Vertretern der ,,konservativen Revolution" zu lesen.
Das erste Kapitel aber ist toll, legt eine sehr gute Basis zur Zeit bis 1918 und Max Weber und verschiedene Brüche in dem Demokratieverständnis der Zeit werden deutlich und bilden einen enormen Erkenntnisgewinn. Hauptgewinn des Buches jedoch ist ohne Frage das Faschismuskapitel, das enorm erhellend ist und allein hierfür würde ich Interessierten empfehlen das Buch zu lesen. Gerne das nochmal 50 Seiten länger, auf verschiedene Strömungen eingehen, Vorläufer oder allgemein Forschungspositionen. Diese bleiben nämlich sämtlich leider aus. Zwar ist das Buch an Zitaten reich, auch von Leuten aus Kunst und Kultur, diese sind auch oft treffend und erhellend, aber verschiedene Positionen von Wissenschaftlern oder auch Deutungskontroversen fehlen gänzlich, was noch gut gewesen wäre.
Insgesamt ein unglaublich dichtes und informatives Buch, dem mehr Zeit für seine einzelnen Akteure und Ideen gut getan hätte und leider im 5. & 6. Kapitel relativ abnimmt von der Qualität. Trotzdem ein sehr lohnendes Werk, bei dem ich lange wegen 5 Sternen überlegt habe.