Zwei Frauen, ihre Wohnung, ihr Stadtviertel und ihre Erinnerungen: Das ist das Material, aus dem Thomas Stangl seinen zweiten Roman komponiert hat. Schauplatz ist die Leopoldstadt, geschichtsträchtiger Wiener Stadtteil, in dem Emilie und ihre Tochter Dora ihr ganzes Leben verbringen, bis zum Ende.
In einer überwältigenden Sprach- und Bilderflut, in der sich die Wirklichkeit ständig aufzulösen droht, beschwört Stangl einerseits eine bestimmte Topografie, ein Wien, das so überwältigend kaum je zu lesen war, andererseits die Zeit, das Vergehen der Zeit, die Vergangenheit, den schmerzlichen Verlust, den das ununterbrochene Voranschreiten der Geschichte bedeutet, ihr immergleiches Münden in den Tod. Das erzählende Ich erscheint wie ein Gespenst in den Kulissen des Realen, ein Gespenst, das durch seine übergroße Nähe zu den Personen das Unheimliche erzeugt und aus dem Geschichtsroman fast eine Geistergeschichte macht.
Wie in einem Taumel stürzen wir in die Erinnerungen und Vorstellungen der beiden Frauen hinein und drohen in ihnen verloren zu gehen. Hier ist Literatur mehr als eine wie gut auch immer geschriebene Geschichte: Stangl ist ein einzigartiger Erforscher des Bewusstseins, ein Reisender in Bereichen, in denen nur die Literatur Ergebnisse zutage bringt.