Das Leben ist ein Spiel. Zumindest in Lucies Freizeit. Die junge Frau sieht sich in ihrem Schulalltag mit Mobbing konfrontiert. Doch wie alle anderen Jugendlichen, deren gesellschaftlicher Stand es erlaubt, entflieht sie der Grausamkeit der Realität mit dem regelmäßigen Einloggen in die Simulation Holus. Virtuelle Menschen kämpfen hier in blutigen Kriegen. Götter verheeren Landstriche aus kunstvoll angeordneten Pixeln. Die Spieler aus der Primärrealität schwingen sich zu Herrschern auf. Doch wo endet die Wirklichkeit und an welcher Stelle beginnt das Spiel? Gibt es DIE Wirklichkeit überhaupt? Und wird Lucie Antworten auf diese Fragen finden?
Ein richtig cooles Buch. Mir gefällt allein schon die Grundidee: Was wäre, wenn die Spielfiguren, deren Geschicke wir steuern oder all die NPCs, unser Leben weit über das Spiel hinaus beeinflussen? Die Primärrealität und die Holus-Welt sind schön miteinander verwoben - eine Handlung in der einen zieht Konsequenzen in der anderen Welt nach sich, nicht automatisch, sondern durch die handelnden Figuren, die in einem starren Gesellschaftskonstrukt, das aus drei Schichten besteht, leben. Ich mochte auch schon den Einstieg bei Lucie sehr mit der Unterrichtsstunde in Virtuelle Ethik. Ethische Aspekte und Überlegungen nehmen einen nicht unerheblichen Teil des Buches ein und es war hochspannend, sich darüber Gedanken zu machen. Ein weiteres Thema ist Mobbing - etwas, das viele in der Schulzeit (leider) erlebt haben dürften. Lucies Ängste waren sehr realistisch und die Verbindungen innerhalb der Mobbinggruppe rund um Cyrillian ebenfalls. Anpharis' blinde Gefolgschaft der Lichtgöttin Liyafeiy gegenüber hat mich bisweilen etwas genervt - aber Holus ist eben eine andere Welt, und wie er sich um Neriel und Xelic und sogar irgendwie um Taryantas gekümmert hat, war rührend. Entsprechend hat mich auch das Ende seines Handlungsstrangs mitgenommen. Es gibt nur zwei Punkte, der mir nicht ganz so gut gefielen: Der Plottwist rund um Lucies Freund Siard. Der kam mir einfach zu abrupt. Und ganz zum Schluss wurde mir die Mobbing-Problematik trotz Lucies klar erkennbaren Zweifeln etwas zu einfach gelöst. Und man sollte das Glossar hinten im Buch nicht als Erstes lesen. Die Fülle an Einträgen, Figuren und Orten wirkt extrem abschreckend. Lieber erstmal mit dem Lesen beginnen und notfalls hinten etwas nachschlagen.
Ansonsten, wie gesagt, ein unfassbar cooles Buch! Ich bin sehr froh, dass es ein neues (bräunliches) Cover erhalten hat, denn das alte (grau und blau) fand ich nicht ansprechend, sodass ich mir den Klappentext nicht mal angesehen habe.
Im Grunde habe ich nur zwei Kritikpunkte: Am Anfang hatte ich Schwierigkeiten mit dem Weltenbau der Primärrealität und die Charaktere blieben das ganze Buch über ziemlich flach.
Ansonsten, wirklich gut. Das Konzept ist super interessant: Die Menschen haben eine Simulation erschaffen, das Computerspiel Holus. Die Personen darin (die Virtuellen) haben Gedanken, Erinnerungen und Gefühle und sind eigentlich genauso real, genauso menschlich, wie die Leute, von denen sie erschaffen wurden. Die Menschen können Holus spielen als Gesandten der Götter oder sogar als Götter selbst und so über die Virtuellen herrschen. Doch was macht man mit so einer Macht? Darf man Virtuelle in die Schlacht schicken und aufopfern, als wären es nur Spielfiguren? Oder muss man sie behandeln, als seien es echte Menschen? Super spannende Frage und es wird sehr gut gezeigt wie verschiedene Leute damit umgehen.
Auch abgesehen von der Frage war das Buch großartig. Die Handlung war spannend und konnte auch sicher brutal werden, sowohl im Holus als in der Primärrealität.
Beide Welten sind wirklich interessant: Der Holus ist eine sehr gut aufgebaut und durchdachte mittelalterliche Fantasywelt in der die Götter eine große Rolle spielen (Hierdurch haben die Menschen als (Gesandten der) Götter soviel Macht über die Virtuellen). Die Primärrealität war Anfangs etwas verwirrend, doch im Laufe des Buches versteht man sie immer besser. Sie ist in drei Klassen eingeteilt (Alfa-Ludens, Beta-Ludens und Laborans). Nur die Ludens dürfen den Holus betreten, die Laborans müssen für die Ludens arbeiten und haben keinen Zugang. Die Klasseneinteilung fand ich sehr spannend und es war gut zu sehen, wie sie sich auf die verschiedenen Charaktere und auf deren Handlungen auswirkte.
Das Ende mochte ich. Die Haupthandlung ist abgeschlossen, doch viele Fragen bleiben offen und lassen Raum selber nachzudenken und Theorien aufzustellen. Es passte auch super zum Buch. Oft mag ich so offene Enden nicht so, aber hier fand ich's gut.
Kurz zusammengefasst: Der Schreibstil war schön, die Geschichte fesselnd und die Fragen, um die das Buch dreht, sehr interessant. Ich liebe dieses Ding. 5/5 Sterne.
Diese Rezension ist entstanden im Rahmen einer Leserunde. Ich habe ein kostenloses Rezensionsexemplar erhalten. Dies wirkt sich jedoch nicht auf meine Bewertung aus.
Wenn ein Teil der Wirklichkeit nur ein Spiel ist, was macht das mit uns und unserer Moral? Achtung: Diese Rezension enthält Spoiler über das Ende der Geschichte! Wie die meisten anderen Werke von Alessandra Reß stellt auch »Spielende Götter« tiefgründige Fragen, verpackt in einer spannenden Geschichte. Um Aggressionen und Gewalt aus der von drei Ständen bestimmten Primärrealität fernzuhalten, wurde Holus erschaffen. In dieser VR-Welt kann jeder der berechtigen Alpha- und Beta-Ludens-Klassen sich einen Avatar erschaffen und als Gesandter einer Gottheit unter lauter KI-Figuren tun und lassen, was er will. Kriege werden gefochten, Städte geführt und zerstört und mit genügend Geld, kann man sogar für begrenzte Zeit in die Haut einer Gottheit schlüpfen. Auch Lucie, eine Beta-Ludens, genießt die Parallelrealität von Holus, da sie in der Schule immer wieder von Alpha-Ludens-Mitschülern drangsaliert wird. Als ihr Freund von diesen verletzt wird, fasst sie den Plan, den Kopf der Gruppe in der Spielwelt Holus zu töten, um seinen Status in der Primärrealität so zu schwächen. Doch dabei beginnen für sie Realität und Spiel immer mehr zu verschwimmen. Schon heute sind wir in Computerspielen für das Wohl und Weh von Spielfiguren, Begleitern oder ganzen Völkern verantwortlich – natürlich nur ganz virtuell. Mit »Spielende Götter« denkt Alessandra Reß diese Ausgangslage weiter: Wenn Spielfiguren in Echtzeit auf alles reagieren, was wir im Spiel tun und sagen, was macht das mit uns SpielerInnen? Sehen wir es noch als Spiel an oder verschwimmt die Grenze zur Realität? Können Freundschaften mit KI-Figuren entstehen? Gar mehr? Ist es moralisch vertretbar, solche Figuren zu manipulieren, zu töten, zu opfern? Solche spannenden Fragen bilden das Grundgerüst des Romans, der dabei in zwei verschiedenen Welten angesiedelt ist: in Lucies Realität – einer Science-Fiction-Welt nahe an unserer Gegenwart – und in der mittelalterlichen Fantasy-Welt von Holus. Diese Zweiteilung gibt »Spielende Götter« ein abwechslungsreiches Gesicht, dazu entwickelt sich die Story in eine Art Quest-Richtung, die in beiden Welten die Handlung bestimmt, jedoch jeweils sehr unterschiedlich abläuft. Beide Welten sind gut miteinander verwoben, die Geschichte spannend und die Charaktere – sowohl die realen wie die der KI-Welt – interessant und vielschichtig gestaltet. Die Zweiteilung war jedoch für meinen Geschmack nicht 100%-ig ausgewogen. Die Geschehnisse in Holus nehmen den Großteil der Zeit ein, mir persönlich hätten jedoch noch weitere Szenen in Lucies Primärrealität gut gefallen. Das Thema der Moral gegenüber KI-Figuren war gut in die Story eingewoben, hätte jedoch für meinen Geschmack noch stärker thematisiert werden können. Zudem wird an einem Punkt eine Realitätsfrage gestellt, die jedoch nicht weiter verfolgt wird. Sie bringt einen weiteren interessanten Gedanken hinein, hätte für mich aber stärker integriert werden können. Überraschend kam für mich zudem die Versöhnung am Ende. Die habe ich so nicht kommen sehen, finde sie aber auch als Auflösung nicht ganz gelungen nach all dem, was bis dahin passiert ist. Sie passt zwar hervorragend zum Titel »Spielende Götter«, das Ende hat mich damit aber etwas unbefriedigt zurückgelassen. Unter'm Strich ist »Spielende Götter« aber ein gelungener Fantasy-SciFi-Mix, der mit interessanten Figuren, einer spannenden Geschichte und moralischen Fragen unterhält, die für meinen Geschmack noch mehr in den Fokus hätten rücken können. Daher gebe ich eine 8/10.