Es ist wie ein Schlag ins Gesicht. Antonia kommt mit ihrer Familie aus dem Urlaub, und plötzlich leben mehrere hundert Flüchtlinge nebenan. Klar – irgendwo müssen sie unterkommen. Aber ausgerechnet hier? Doch dann trifft Toni auf Shirvan. Und mit jeder skeptischen Frage, die sie ihm stellt, wird die Sache verzwickter.
Jennifer Benkau wurde 1980 in Solingen geboren, wo sie heute mit einem Ehemann, drei Kindern und zwei Katzen lebt. Benkau schreibt Bücher, weil es ihr ein Bedürfnis ist, Geschichten zu erzählen, sie aber beim Reden stottert. Zum Schreiben braucht sie Wind, laute Musik, Schokolade, Kiwis und Kaffee; aus dieser Mixtur entstehen paranormale Liebesromane, die der Autorin als Ausgleich dienen. Ihr Debütroman, "Nybbas Träume", erschien im Juni 2010.
Ich kann noch nicht viel dazu sagen, aber ich habe ein neues Lieblingsbuch (oder zumindest eines, das das Team meiner Lieblingsbücher bereichert.)
Auch nach dem zweiten Mal lesen bin ich ungebrochen euphorisch. Es ist auf allen Ebenen bemerkenswert. Bald, bald, bald mehr!
EDIT - 01. April - Rezension:
In dem Brief, den ich Jennifer Benkau geschrieben habe, am Tag, nachdem ich ‚Es war einmal Aleppo’ zum ersten Mal ausgelesen habe, warne ich sie im ersten Satz vor und eine solche Warnung sollt auch ihr bekommen:
„Das wird jetzt ein bisschen ein Liebesbrief – und ein bisschen tut mir das leid, aber was muss, das muss. Und das hier, das muss.“
‚Es war einmal Aleppo’ ist mein Lieblingsbuch. Neuerdings. Damit hat es ‚I am the messenger’ von Markus Zusak abgelöst, das sieben Jahre unangefochtenes Highlight meines Leselebens war, und im Folgenden werde ich versuchen, euch zu erklären, wieso.
Das Thema ist überfällig!
Es sei erwähnt, dass dieses Buch kein #ownvoices Buch ist. Jennifer Benkau musste nie fliehen, hat nie in einer Erstaufnahmeeinrichtung gelebt und wurde von keiner Bevölkerung mit angeblich friedlichen Demonstrationen terrorisiert. Aber sie hat in solchen Einrichtungen gearbeitet, hat mit etlichen Geflüchteten gesprochen und eben auch mit Gegnern der Bewegung. Sie hat sich außerdem umfassende Gedanken darum gemacht, was sie darstellen kann und was nicht. An Respekt vor der Thematik oder den Menschen hinter der Thematik mangelt es (meines Erachtens) nicht.
Darüber hinaus gilt: wie oft haben wir die Politik oder unsere Eltern schon sagen hören, die Flüchtlingskrise sei eine, die unsere Generation lösen muss, da alle vorherigen Generationen sie eher noch befeuert haben? Der erste Schritt, um diese Verantwortung anzunehmen, ist ein intensives Auseinandersetzen mit dem Thema. Und es zeugt von Kurzsichtigkeit, zu glauben, wir könnten uns vor dieser Verantwortung drücken. Es passiert unvorstellbar Schreckliches auf dieser Welt und Menschen, die es mit eigenen Augen sehen mussten, setzen ihr Leben aufs Spiel, um dem zu entkommen. Wir sind in der Pflicht, ihnen das nicht schwerer, sondern einfacher zu machen.
Dieses Buch kann einen Einstieg in diese Thematik sein, denn es präsentiert ein Erleben, das unserem so grundsätzlich entgegen steht, indem es ihm ein Gesicht gibt (und was für eins!), indem es ihm eine Stimme gibt und Raum, diese zu benutzen. Es ist bemerkenswert, wie viel dieses Buch uns zu sagen hat, wenn wir bereit sind, hinzuhören.
Es ist ein Jugendbuch!
Ich hatte das Glück, auf der Leipziger Buchmesse eine Stunde lang mit Jennifer Benkau zu sprechen. Wir haben eine Cola getrunken und gequatscht, ganz ungezwungen und doch so bereichernd. So hat sie auch meine Begeisterung darüber, dass es sich bei ‚Es war einmal Aleppo’ um ein Jugendbuch handelt, noch um einen Blickwinkel erweitert, der mir bisher nicht eingefallen war.
Nicht nur, dass es großartig ist, dass wir mit Toni eine sechzehnjährige Protagonistin haben, weil diese als Reflektorfigur eine Perspektive aufmacht, die mir als Leserin sehr vertraut ist und mit der ich mich deshalb schnell identifizieren kann. Eine Identifikation, die nicht uninteressant ist, da ‚Es war einmal Aleppo’ die Geschichte davon erzählt, wie Toni sich aus der Unwissenheit emanzipiert und am Ende nicht nur Wege gefunden hat, zu helfen, sondern diese auch geht. Diese Wege mitzugehen, gibt dem Leser sowohl das Gefühl, dass es möglich ist, als auch einen Punkt, an dem man anfangen kann.
Aber auch Shirvans Positionierung als junger Geflüchteter hat das Jugendbuch prädestiniert. Denn ein Teil dessen, was das Buch großartig macht, ist es, die politische Situation in Syrien nicht in ihrer Komplexität zu beschränken, um einfache Lösungen anbieten zu können. Shirvan als junger Syrier wäre, wäre er in Syrien geblieben, bald entweder von der Syrischen Armee, der Freien Syrischen Armee, den Kurden oder sonst einer längst in die Ambivalenz abgerutschten Kriegspartei eingezogen worden. Und da jemandem in Deutschland die objektive Einsicht in diese Parteien nicht möglich sind, hat Jennifer Benkau das nicht zugelassen.
Auch eröffnet sie sich so die Möglichkeit, Fragen zu stellen, die „den Deutschen“ so schnell über die Lippen kommen: Warum lassen die ihre Familien, ihre Frauen zurück? Auch lenkt sie den Fokus weg von der Vorstellung „Die junge Männer, die hierher kommen, sind gefährlich!“ und öffnet ihn stattdessen dafür, welche Verantwortungen diesen Jungs auflasten. Dass sie nicht anders sind als wir auch, aber Unerträgliches überlebt haben und damit auf eine Weise umgehen, die ich den wenigsten meiner Altersgenossen in Deutschland zutrauen würde. Gleichzeitig wird nicht beschönigt, dass in diesem Bewältigungsprozess, da wo er erschwert wird oder gar fehlschlägt, Potential für Gewalttätigkeit entsteht, das aber nichts mit der Nationalität des Geflüchteten, sondern mit der universellen menschlichen Psyche zu tun hat.
Es ist ein Entwicklungsroman!
Es ist bereits angeklungen, wie essentiell Tonis Entwicklung für ‚Es war einmal Aleppo’ ist. Aber sie ist längst nicht die einzige, die sich entwickelt. Auch ihre Eltern – besorgte Bürger, wie sie im Buche stehen – kommen um Entwicklung nicht drumherum. Dennoch wird nicht schöngeredet: die Entwicklungen scheinen nicht romantisiert und kommen auch nicht aus dem Nichts. Außerdem inszeniert Jennifer Benkau als Gegenentwurf zu all der hoffnungsvoll stimmenden Entwicklung auch das frustrierende, aber leider realistische Stagnieren der Meinungen verschiedener Bevölkerungsschichten, die Gleichgültigkeit und das Verschließen gegenüber der neuen Nachbarn.
Wichtig erscheint mir auch zu erwähnen, dass wir es nicht mit einem Buch zu tun haben, indem die zwischenmenschliche Beziehung von Toni und Shirvan darauf reduziert wird, dass er ihr beibringt, der bessere Mensch zu sein. Für mich war diese kommunikative Ebene schon ein absolutes Highlight, weil man tatsächlich miterleben kann, wie sie sich verlieben, wie da Nähe entsteht, wo jemand Dinge zu sagen hat und ein anderer sich Zeit nimmt, sie zu hören. Vielleicht kennt ihr auch den Spruch, dass wir vor allem zuhören, um zu antworten und nicht, um zu verstehen. Genau das scheint bei Shirvan und Toni nicht zu passieren. Und auf dieser Verstehensebene kann auch Shirvan sich entwickeln, vertrauen lernen, sich öffnen – kurzum: von Toni (auf unproblematische Weise!) profitieren. Dabei wird allerdings nie ein Hehl darum gemacht, dass Shirvan auch Traumata hat, an denen Toni nicht rühren kann, die sie nicht zu heilen hoffen kann, denen sie keine bagatellisierenden Floskeln entgegensetzen kann, egal, wie gut die gemeint wären.
Die Familie wird nicht totgeschwiegen!
Es ist selten genug, dass in Jugendbüchern die Familie der Protagonisten thematisiert werden. Jennifer Benkau hat dazu den klugen Satz gesagt, dass Eltern die Protagonisten vor der Gefahr bewahren würden, in die sie sich meistens stürzen, weil in der Gefahr die Story verborgen liegt. Kann ich verstehen. Trotzdem: dass ‚Es war einmal Aleppo’ nicht alternativ das Liebesdreieck aufmacht, weil Tonis derzeitiger Freund sich als Flüchtlingsgegner entpuppt und sie sich aus dieser Beziehung emanzipiert, um dann in Shirvan die wahre Liebe zu finden, sondern sich diese Emanzipierungsprozesse innerhalb der Familie abspielen, macht für mich einen Teil seines Zaubers aus.
Gerade in dieser Phase, in der man zum ersten Mal bemerkt, dass man auf das Ende seiner Schulzeit zugeht, in der man anfängt, sich als Produkt seiner eigenen Gedanken zu verstehen und nicht als Produkt seiner (elterlichen) Umwelt, ist die Familie so wichtig. Weil es potentiell der erste, essentielle Ablöseprozess ist und so oder so eine enorme Hochburg des Personwerdens, sich gegen seine Eltern durchzusetzen, sie als fehlbar zu erleben und zu verstehen, dass die Unantastbarkeit, die man ihnen zugesprochen hat, eine Illusion ist. Diese Dynamik kombiniert mit der Idee, wie erschreckend es ist, wenn plötzlich die Menschen in deinem nächsten Umfeld anfangen, rassistische Scheiße von sich zu geben, bereichert ‚Es war einmal Aleppo’ auf eine Weise, auf die ein Liebesdreieck das niemals gekonnt hätte.
Wir befinden uns im 21. Jahrhundert!
Eigentlich sollte man meinen, dass es keinen so großen Unterschied macht, ob das Internet in einer Geschichte thematisiert wird oder nicht, aber ‚Es war einmal Aleppo’ wird dadurch so viel besser, dass es nicht unerwähnt bleiben kann.
Sei es die Facebook-Gruppe, in der die Stadt sich gegen die Erstaufnahmeeinrichtung organisiert, sei es die Googlesuche, die Toni anstellt, weil sie bemerkt, wie viel sie (noch) nicht weiß und dass das ein Scheißgefühl ist. Sei das der Blog, den Toni und Fee, ihre beste Freundin, führen und der ihnen ein Fleckchen Internet zuspricht, das so gestaltet werden kann, wie sie es für richtig halten, das ihnen also eine Macht zuspricht, die vor einer Hilflosigkeit schützt, die einen (jungen) Menschen durchaus befallen kann, wenn er sich plötzlich einer zum Himmel schreienden Ungerechtigkeit gegenüber sieht, für die es keine einfache Lösung gibt.
Meine Vermutung, dass sich darin für den geneigten Leser eine Anleitung verbirgt, wie er selbstan Informationen gelangen kann, trifft laut Jennifer Benkau zu. Aber es war für sie auch eine Möglichkeit, Bilder und Videos in die Geschichte zu integrieren, über die sie in ihrem Rechercheprozess stolperte und die sie nicht weglassen konnte. Ohne jemandem das Bild aufzuzwingen, weiß der Leser jetzt, wo er Videos über Fassbomben-Abwürfe in Homs oder das Bild des dreijährigen Alan Kurdi finden kann, der die Flucht über das Mittelmeer nicht überlebte. Dieses Bezugnehmen auf die Realität minimiert die Distanz, die zwischen Leser und Figur aufkommen könnte. Es schafft ein Buch, das betroffen macht.
Es gibt zwei Seiten der Medaille!
Ohne behaupten zu wollen, es sei möglich, ‚Es war einmal Aleppo’ auch als Bestätigung dafür zu lesen, dass Fremdenfeindlichkeit gerechtfertigt ist, gelingt es Jennifer Benkau, beide Seiten – das uneingeschränkte Für und das unbelehrbare Dagegen – nebeneinander stehen zu lassen und ihnen zumindest kommunikativ einen Raum zu geben, indem sie sich begegnen können, um im Kontakt Vorurteile abzubauen. Die Sorgen von Tonis Eltern sind nicht aus der Luft gegriffen, aber wenn sie ganz konkret von einem Betroffenen hinterfragt werden, offenbaren sich die Logiklücken, offenbart sich der Moment, in dem man sonst immer weggeguckt hat, weil er an unsere Menschlichkeit appellieren würde und für uns dann nicht länger ignorierbar wäre.
Das nächste Bild zeigt ihn ein wenig jünger im Kreise von sechs anderen Jugendlichen. Vier Mächen und zwei Jungs, einer davon der Cousin Nour. Eins der Mädchen trägt ein lose gebundenes buntes Tuch in den Haaren, eins ein weißes Kopftuch, zwei andere sind gekleidet, wie Fee und ich uns auch anziehen würden. Na gut, der Ausschnitt von einem der Mädchen wäre mir ja etwas zu tief. Erstaunlicherweise trägt sie ein Kreuz an einer Kette um den Hals. Die Jungs sehen aus, wie Jungs nun mal aussehen, wenn sie ausgehen. Vielleicht ein wenig möchtegern-cool – aber nett. Die Gruppe sitzt mit Teegläsern um den Tisch eines Straßencafés, im Hintergrund erkennt man einen gepflasterten Platz und einen stuckverzierten Springbrunnen. Und eine Bar, über deren Holztür ein grünes Heineken-Bier-Schild hängt. Das könnte überall auf der Welt sein. Ich hatte mir syrische Städte ganz anders vorgestellt. »Das ist Aleppo?«, frage ich. »Nein.« Er steckt das Handy wieder ein und senkt den Blick. »Das war einmal Aleppo.« [Jennifer Benkau – Es war einmal Aleppo, S. 108-109]
Damit dies gelingen kann, gibt Jennifer Benkau – von Informationen von Geflüchteten unterfüttert, mit denen sie selbst gesprochen hat – sehr schöne Einblicke in die arabische Kultur. Sei das über das Kulinarische, über das Verhalten, über die Religion, über Familienhierarchien, über Zukunftsträume, über, über, über. Ich habe so viel gelernt, von dem ich nichts wusste, habe ganz viele Vorurteile widerlegt bekommen und hab mich mit Toni heimlich meiner Unwissenheit geschämt. Nachdem ich das Buch ausgelesen habe, hab ich mich für einen Arabischkurs eingetragen und seitdem nehme ich auch regelmäßig an den Stammtischen unserer studentischen Flüchtlingsinitiative teil. Dieses Buch macht eine unbeschreibbare Lust auf diese fremde, aber vielleicht auch gar nicht so fremde Kultur.
Es ist ein gutes Buch!
Dass es ein wichtiges Buch ist, sollte an dieser Stelle niemanden mehr überraschen. Aber es ist auch sprachlich und strukturell eine wahre Freude gewesen.
Das fängt an mit einem programmatischen ersten Satz: „Wir sind uns einig, dass wir all das nicht sehen wollen, und starren gegen Sichtschutzplanen, die uns dreist jeden Blick verwehren.“ Die ganze Problematik der Flüchtlingsgegner in einem Satz ad absurdum geführt: Man weiß, dass man das nicht sehen will, aber was das ist, weiß man nicht? Klasse, denn dann kann Aufklärung etwas bewirken.
Aber auch das ganze Buch hindurch ist der Stil fantastisch. Uns werden Floskeln erspart, die Beobachtungen treffen den Nagel auf den Kopf und es gibt Sätze, bei denen einem einfach anders wird, so bitter ist die Wahrheit, die sie mit sich bringen. Ich werde nie vergessen, wie Toni auf die Erkenntnis reagiert, dass ihr Personalausweis genauso aussieht wie Shirvans und dass ihr damit alle Türen geöffnet werden, während seiner ihm Tür um Tür um Tür versperrt.
Auch die Struktur lässt sich genießen: die Charakterisierungen sind konstant und schlüssig, die Figuren machen verständliche Fehler und – was viel wichtiger ist - entschuldigen sich dafür, lernen aus ihnen. Man bekommt direkt auf der Seite vor Augen geführt, wie die Entwicklungsstufen aussehen und auch wie man von der einen zur nächsten zu dritten kommt, sodass die Handlung stetig voranschreitet und nie langweilt. Und die Liebesgeschichte, oh mein Gott, die Liebesgeschichte. Sie sei hier nur sehr randständig erwähnt, weil es bei ‚Es war einmal Aleppo’, so wie ich es gelesen habe, wirklich nicht um die Liebesgeschichte geht, aber sie ist so gut. Man gönnt es den beiden so sehr. Sie sind so gut für einander. Sie sind überhaupt so absolut großartig. Die Shipping-Gefühle sind real und allumfassend. Ich hab euch gewarnt.
Zu guter Letzt seien aber auch die Texte erwähnt, die Jennifer Benkau vor die einzelnen Kapitel stellt. Deutsche Nachrichten, abgedruckte SMS, Auszüge aus dem Koran und vieles mehr, so zu- und angeordnet, dass die Geschichte, die innerhalb der Kapitel erzählt wird, ganz natürlich von diese Einschüben bereichert, fokussiert und geprägt wird.
Und, wenn nach 200 Seiten das Syrische Lied der Revolution von Talibe Hout abgedruckt ist, dann ist es mir sowohl beim ersten Mal, als auch beim zweiten Mal unmöglich gewesen, nicht zu weinen. Damit ich euch diese schmerzliche Freude nicht nehme, werde ich es euch nicht hier abtippen. Im Kontext gelesen schnürt es einem alles zu und öffnet doch das Herz.
Es führt zu einem größten Tatendrang!
Die Wirkung, die das Buch auf mich hatte, hab ich schon kurz erwähnt. In der hoffnungsvollen Annahme, dass auch ihr alle dieses Buch bald lesen werdet und dann ein ebenso großes Bedürfnis verspürt, etwas zu tun, weil dieses Buch auch zwei Jahre nach seinem Erscheinen noch schmerzlich aktuell ist – Aleppo heißt jetzt nur Ghouta –, habe ich Jennifer Benkau um Tipps gebeten, wie ihr euren Tatendrang in sinnvolles Engagement umwandeln könnt.
Sie empfiehlt, sich in eurer Stadt nach Möglichkeiten zu erkundigen, sich zu engagieren. Es wird immer Bedarf sein – wenn nicht bei dem einen Träger, sicher beim Nächsten. Und dann sucht euch ein Engagement aus, für das ihr euch auch interessiert. Jennifer Benkau selbst hat Deutschunterricht gegeben, Toni betreut Kinder während Deutschkursen, aber das ist nicht für jeden etwas. Es sind auch Patenschaften denkbar, Hilfestellungen beim Ausfüllen von Formularen, Begleitungen bei Behördengängen, gemeinsame Freizeitgestaltungen. Oder auch nur das Übernehmen von Aufklärungsarbeit, erst an euch selbst und dann an eurem Umfeld.
Das Flüchtlingsthema ist noch nicht durch, nur weil es nicht mehr ständig in den Nachrichten ist. Ganz im Gegenteil. Wenn wir nicht mehr aktiv informiert werden, müssen wir das eben selbst übernehmen. Weil es das Menschsein ist, das uns verbindet, das uns einander verpflichtet, und nicht die willkürliche Zugehörigkeit zu dem Fleckchen Land, auf dem wir geboren wurden.
Ich versuche, zu einem späteren Zeitpunkt noch ausführlichere Worte zu finden. "Es war einmal Aleppo" ist ein Buch, dass einen auf Missstände hinweist und zum Nachdenken anregt. Es ist keine leichte Lektüre, trotz des angenehmen Schreibstils, der einen die Seiten ständig umblättern lässt. Es ist ein Buch, das selten mit Klischees spielt und ich empfehle es jedem, der sich für die Problematik interessiert.
Es ist nicht einfach, dieses Buch zu bewerten. Während des Lesens habe ich sehr geschwankt in meiner Beurteilung, da mir manche Darstellungen einfach nicht gefallen haben. Aber letztlich kann ich dem Buch nicht weniger als 4 Sterne geben, denn es ist schon mal lobenswert, dass eine Autorin das Thema Flüchtlinge in Deutschland in einen Roman aufnimmt und dann noch den Versuch startet, die Geschichte sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene interessant zu gestalten. Generell hat sich Jennifer Benkau sehr viel vorgenommen mit ihrem Buch. Ich hatte beim Lesen das Gefühl, dass sie auch wirklich jedes Problem, was sich durch die Aufnahme der Flüchtlinge in den Kommunen ergibt, in der Handlung verarbeiten möchte. Einerseits ist das beachtlich, andererseits scheitert sie fast auch an ihren eigenen Ambitionen.
Mir wäre es an manchen Stellen lieber gewesen, sie hätte sich etwas auf bestimmte Themen fokussiert. Doch sie hat den Anspruch, die Traumata der Flüchtlinge, die Frustration der Helfer, die Langeweile der Campbewohner, den Rassismus in der Familie, die Kultur, Religion und Politik Syriens, die Bürokratieprobleme und den Angriff auf Asylantenheime in die Geschichte einzuweben. Das wäre eigentlich schon ausreichend. Doch damit das Buch für den Jugendmarkt attraktiv ist, wird dann auch noch eine Liebesgeschichte integriert und die Eltern ausgesprochen intolerant beschrieben. Alles ganz schön viel für so eine 16jährige Protagonistin, die wie eine Heilige in ihrer Rassistenfamilie wirkt. Da ist vieles sehr trennscharf in Gut und Böse aufgeteilt und es fehlen die Grautöne. Doch während ich nach zwei Drittel schon zu einer insgesamt kritischen Beurteilung tendierte, wird das Buch dann gegen Ende nochmal erstaunlich gut und plötzlich erkannt man Entwicklungen in den Figuren. Gerade bei den kontroverseren Diskussionen zwischen Toni und ihrem Eltern hat das Buch seine Stärken. Diese Art von Schlagabtausch wirken sehr authentisch. Dagegen sind die Schilderungen Shrivans über sein Heimatlamd mir zu reflektiert und sprachlich ausgefeilt. Diese Art von Unterhaltung in englischer Sprache kann man sich bei einem jungen Syrer kaum vorstellen, vor allem auch die sprachliche Gewandtheit der zwei Jahre jüngeren Deutsche, die zuvor noch nie groß Konversation auf englisch geführt hat, erstaunte mich.
Doch das ist alles Meckern auf hohem Niveau. Der Erzählstil ist flüssig, die Sprache für Jugendliche sehr gut geeignet (die Autorin sagt, dass das Buch ab 12 Jahre gelesen werden kann) und die Hintergründe sind gut recherchiert. Selten habe ich ein Nachwort gelesen, welches so wichtig für ein Buch war. Meiner Ansicht nach ein wichtiges Buch, dass als Schullektüre dienen sollte. Auf jeden Fall lesenswert.
Dieses Buch behandelt ein Thema, das uns alle seit gut einem Jahr beschäftigt, die Flüchtlingskrise und ihr Umgang damit. Jennifer Benkau beschreibt in ihrem Buch den Alltag einer Flüchtlingsunterkunft, die Schwierigkeiten der Helfer bei ihrer Arbeit, den Alltag der Flüchtlinge, die vieles nicht verstehen, sei es weil sie kein deutsch oder englisch sprechen, oder weil ihnen die deutsche Kultur einfach fremd ist. Erzählt wird das Ganze aus der Perspektive von Toni, einer 16-jährigen die direkt neben der Erstaufnahmeeinrichtung lebt und bei der Rückkehr aus dem Urlaub davon überrascht wird. Ihre Familie spiegelt das wieder, was bei vielen in den Köpfen vorgeht, wenn es um Flüchtlinge geht: Angst vor dem Fremden, Bedenken wegen der Sicherheit, das berühmte Flüchtlingen muss geholfen werden, aber doch bitte nicht vor meiner Haustür. All das, über das überall wieder diskutiert wird, auch ich habe diese Diskussionen bereits geführt.
Ich fand dieses Buch einfach grandios. Jennifer Benkau schafft es zu berühren. Man kann sehr gut nachvollziehen, warum Toni handelt wie sie handelt, aber auch das Verhalten von Shirvan und den anderen Flüchtlingen in der Einrichtung sind verständlich. Nebenbei erfährt man aus Shirvans Erläuterungen auch, was in Syrien passiert und warum es nicht so einfach ist den Krieg da unten zu beenden. Ich hoffe sehr, dass das Buch vielleicht auch an Schulen gelesen wird, meines Erachtens kann so dieses schwierige Thema altersgerecht vermittelt werden.
Für mich ist dieses Buch definitiv eins meiner Jahreshighlights, ich werde es sicher weiterempfehlen und es, sobald eine Printausgabe erscheint, auch verschenken.
Die 16-jährige Antonia kommt mit ihren Eltern aus dem Sommerurlaub zurück und steht vor einem neu errichteten Flüchtlingsheim. Nur Männer sollen dort untergebracht sein und das alles, ohne die Anwohner vorher zu informieren. Ihre Eltern sind außer sich. Und auch Antonia und ihr Bruder sind schockiert. Antonia hat gleich Bilder eines Überfalls auf ihren Vater vor Augen, den sie miterleben musste und der offenbar von Ausländern verübt worden ist. Kann sie sich jetzt noch alleine auf die Straße wagen? Ihre beste Freundin Fee sieht die Sache gänzlich anders. Sie versucht sich sofort, im Camp als Helferin einzubringen und Spenden zu sammeln. Sie nimmt Toni mit ins Camp und so findet sich Antonia plötzlich inmitten der geflüchteten Menschen wieder.
Das Buch hat mich gepackt und zwar von der ersten Seite an. Die Autorin hat diese wichtige Geschichte ganz wunderbar in ein Jugendbuch verpackt und es geschafft, die Dringlichkeit von Hilfe für geflüchtete Menschen rüberzubringen, ohne zu sehr die Grausamkeiten des Krieges zu beschreiben. Da das Buch ab 12 empfohlen wird, fand ich diesen Weg sehr gut. Man bekommt einen ersten Eindruck.
Antonia nimmt in der Geschichte eine tolle Entwicklung. Ihre anfängliche Skepsis legt sie nach und nach ab und wird für die Campbewohner zu einer großen Unterstützung. Das liegt zum Teil auch an Shirvan, den Toni im Camp kennenlernt und der ihr nach und nach seine Geschichte erzählt. Die beiden kommen sich näher, doch die Liebesgeschichte nimmt hier keinen zu großen Raum ein, was mir sehr gut gefallen hat.
Ein sehr wichtiges Buch, das ich unbedingt weiterempfehlen möchte! Nicht nur für Jugendliche geeignet, auch Erwachsene können eine Menge mitnehmen.
Als Antonia mit ihren Eltern und ihrem Bruder aus einem handy- und internetfreien Sommerurlaub zurück kommt, fällt die Familie aus allen Wolken: Der ehemalige Tennisclub direkt gegenüber wurde von der Stadt in ein Erstaufnahmelager für Flüchtlinge umfunktioniert. Ihr Vater ist außer sich vor Wut und verfällt in kleinbürgerlichen Aktivismus, doch auch Toni macht das Lager Bauchschmerzen. Bis ihre beste Freundin sie als freiwillige Helferin einspannt und Toni auf Shirvan trifft. Je mehr sie dem in sich gekehrten Syrer zuhört, je mehr sie über den Krieg und seine Opfer lernt, desto komplizierter wird es.
***
Jugendbücher gehörten schon immer zu meinem liebsten Lesestoff, weil sie sich wunderbar dazu eignen, reale Problematiken so aufzubereiten, dass junge Menschen einen Zugang dazu finden, ohne sich belehrt zu fühlen. Jennifer Benkau, die sonst eher in der Urban Fantasy zu Hause ist, begibt sich mit "Es war einmal Aleppo" auf ungewohntes Terrain mitten in der Realität: Toni, ein ganz normaler deutscher Teenie, gerät unverhofft in eine Situation, die ihr eigentlich viel zu groß ist, und lässt den Leser an ihrem Erleben und ihrem Gedankenchaos teilhaben. Das liest sich gerade deshalb so authentisch und als Szenario absolut vorstellbar, ohne reißerisch zu sein, weil Jennifer Benkau für diese Geschichte nicht nur monatelang Schicksale und Hintergründe recherchiert hat, sondern auch persönliche Erfahrungen aus der ehrenamtlichen Flüchtlingsarbeit einfließen lässt.
Das Ergebnis ist ein gesellschaftskritischer All Age-Roman über Zivilcourage und den Mut, über den eigenen Tellerrand zu sehen, der wachrüttelt und Mitgefühl auslöst: "Es war einmal Aleppo" hat mich berührt und in seiner unaufgeregten Schlichtheit umso mehr von seinem Anliegen überzeugt. Unbedingt lesenswert, nicht nur für Jugendliche.
‚Es war einmal Aleppo‘ von Jennifer Benkau ist ein Buch, über das man reden sollte. Oft und immer wieder. Mit so vielen Leuten wie möglich. Denn die Geschichte ist Alltag in Deutschland. Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Demonstrationen gegen Asylunterkünfte. Hass gegen Menschen, die so sind wie du und ich. Mit dem einzigen kleinen Unterschied, dass sie nicht hier geboren sind. Sondern z. B in Aleppo, in Syrien. Einem Land, das vom Krieg geprägt ist, von gewalttätigen Auseinandersetzungen verschiedener Gruppierungen, so unübersichtlich, das man sich damit intensiver auseinandersetzen muss, als der kurze Einblick im Laufe der Geschichte es ermöglicht, um die Zusammenhänge zu verstehen. Und selbst dann bezweifle ich, dass man alles überblicken und beurteilen kann. Aber das Ergebnis ist klar: Das ist keine Umgebung, in der man leben kann und möchte. Wer will es den Geflüchteten verdenken, dass sie ihr Land verlassen haben? Ihre Stadt, die zerbombt ist, ihre Familie, da der Weg nach Europa für alle zusammen einfach zu gefährlich ist?
Ich habe während des Lesens so viel gelernt, denn Sharvin erzählt nicht nur Toni von seinem Schicksal, sondern auch mir. Er schildert seinen Alltag in Aleppo, als es dort noch lebenswert war. Freunde treffen, im Café entspannen, die Stadt erkunden. Kommt dir bekannt vor? Und dann der Umschwung. Die immer lauernde Gefahr, das Leid, der Tod und der einzige Ausweg fort, in Sicherheit, vielleicht nach Europa? Ein grausamer und gefährlicher Weg.
Als ich die Geschichte begonnen habe, dachte ich, sie hätte genauso gut in meinem Heimatort spielen können. Dieselben Reaktionen gab es hier auch. „Flüchtlinge aufnehmen? Gerne. Aber nicht hier.“ „Die Gefahr für unsere Frauen ist zu groß.“ „Ich kann mein Kind nicht jetzt nicht mehr allein auf die Straße lassen.“ „Die klauen doch bloß.“ „Das sind alles Terroristen…“ Ich denke, das kennst du. Gerade diese Identifikation mit der Situation hat mich so mitgenommen. Denn was habe ich getan, damit diese Vorurteile verschwinden? Ich habe anfangs versucht, aufzuklären. Doch ich bin schnell gescheitert, da ich mich auch nicht wirklich auskenne und die Lage in Syrien immer noch so unübersichtlich finde. Und dann dachte ich mir: Muss man Menschen mit Argumenten kommen, dass sie andere Menschen nicht pauschal verurteilen und nur das Schlechteste von ihnen denken? Nein. Denn ich finde, das sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Menschlichkeit, Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft sind die Attribute, die nicht nur in Zeiten der Not ganz groß geschrieben werden sollten. 5 Sterne.
# Zitat # Nun bin ich plötzlich mittendrin, ob ich das will oder nicht. Flüchtlingskrise. Das Wort steht da draußen vor der Tür, direkt vor meinem Fenster.
Lieblingsbuch. Muss ich mehr sagen?
Seit einigen Tagen oder nun mittlerweile schon Wochen grübele ich über diese Rezension. Wie soll ich die Gedanken, die Gefühle in Worte packen? Wie kann ich dieses Buch so vorstellen, dass es seiner würdig ist? Und wie genau soll ich es schaffen, dass ihr alle danach sagt: „ja, genau dieses Buch muss ich lesen!“? Ich weiß es noch immer nicht. Ich weiß nur, dass mich dieses Buch im tiefsten Herzen berührt hat und dort nun einen großen Platz für sich beansprucht. Es lag nicht an einer herzzerreißenden Liebesgeschichte, nein, es lag an der Wahrheit, die in diesem Buch wohnt. Es ist keine wahre Begebenheit, aber ich kann mir vorstellen, dass es sich so irgendwo in Deutschland im August 2015 zugetragen hat. Die vielen, besorgten Gespräche der Familie wurden irgendwo in der Nähe eines Flüchtlingsheims ebenfalls so geführt und an einer anderen Stelle wurde jemand von der puren Not der Flüchtlinge überrollt. Jemand kämpfte für die Gestrandeten und ein Anderer bekämpfte die Vorurteile. Jennifer Benkau fand die richtigen Worte um das auszudrücken, was sie im Sommer 2015 so schmerzhaft beschäftigte und ich danke ihr von Herzen für diesen Roman. Danke, liebe Jennifer. Es war mein Jahreshighlight. Und deshalb steht der Roman nun bei meinen Lieblingsbüchern und wird dort bleiben. Ich empfehle diesen Roman jedem. Ob jung, ob alt. Lasst euch von Jennifer Benkau und ihrem Werk überzeugen und berühren.
Eine unglaublich ehrliche Geschichte mit einem gesellschaftlich brennendem Thema
Lenas Meinung: Die Geschichte ist sehr informativ, ehrlich und auch ein wenig lehrreich. Eine Prise Romantik darf natürlich nicht fehlen, wodurch Toni und Shirvan immer mehr zusammenrücken. Dadurch lernt der Leser auch mehr über Shirvan und über Syrien kennen.
Ich fand das Buch unglaublich authentisch und herzerwärmend. Die Thematik brennt so stark in unserer Gesellschaft. Ich kann nicht verstehen, dass im Jugendbuch Bereich dieses Thema kaum behandelt wird. Jennifer Benkau bricht diese Angst vor dem Thema Flüchtlingskrise auf sehr geschickte Art und Weise. Dabei bleibt sie durchweg sehr ehrlich. Dennoch blieb das Level für mich immer ertragbar. Gerade diese Ehrlichkeit macht dieses Jugendbuch zu etwas wirklich besonderem. Denn hier gibt es wahre Hoffnung und keine reine Zaubermalerei.
Wow... Ein großartiges Buch - in Form eines Jugendbuches - über die aktuelle Lage mit den Flüchtlingen... Es schildert die Situation ziemlich gut. Die Ängste und Sorgen der Leute und das Elend der Flüchtlinge... Ein Buch was man gelesen haben sollte finde ich...
Die zweite Hälfte habe ich nur noch quergelesen. Die erste Hälfte war gut und ich hatte mich auf das Buch gefreut. Nach 200 Seiten wollte ich ganz abbrechen. Am Besten sind am Ende die Rezepte.
Ich habe keine Ahnung, wie ich dieses Buch rezensieren und bewerten sollte. Den Schreibstil? Der ließ mich durch die Seiten gleiten, ließ die Gefühle wirklich werden und fasste so manche Grausamkeit eiskalt in Worte. Die Charaktere, die an echte Menschen angelehnt sind? Die Handlung, die so in etwa tausendfach passiert ist, ausgenommen die sich wirklich nachvollziehbar und süß entwickelnde Liebesgeschichte?
Man merkt dem Buch die im Nachwort beschriebene sehr gute Recherche an und vor allem, dass Jennifer Benkau auf ihre eigenen Erfahrungen in ihrem Ehrenamt zurückgegriffen hat. Auf Erzählungen realer Menschen und auf zahlreiche Interviews und Besuche von Erstaufnahmeeinrichtungen. Es ist schwer, ein Buch zu bewerten, das irgendwie nur die Situation aus dem Sommer 2015 darstellt, eine Situation, die einem selbst aus den Nachrichten durchaus bekannt ist. Und die mit diesem Buch doch in gewisser Weise alltäglicher, realer wird.
In dem Buch wird man als Leser vor allem mit zwei Bereichen konfrontiert, die mich dazu veranlasst haben, dass ich das Buch teilweise beiseitelegen musste, weil ich fassungslos und wütend ob dieser Ungerechtigkeit war: Das Schicksal der Flüchtlinge und die Fremdenfeindlichkeit der Deutschen. Ersteres reicht von der Grausamkeit des Krieges bin hin zu der Flucht und den Hürden hier in Deutschland - mit Grenzsperrungen, undurchsichtiger Bürokratie oder eben Fremdenfeindlichkeit, ein Thema, das angesichts des steigenden Populismus immer aktueller wird.
Toni selbst lebt in einer Familie, die alles andere als begeistert davon ist, dass in ihrer Nachbarschaft plötzlich ein Flüchtlingsheim ist. Nachdem Toni als Kind ansehen musste, wie ihr Vater von südländisch aussehenden Männern krankenhausreif geschlagen wurde, hat sie Angst vor Migranten. Auch die Ressentiments in ihrer Familie teilt sie anfangs. Doch dann folgt sie zögernd der Aufforderung ihrer engagierten besten Freundin Fee, in dem Camp zu helfen und beginnt, ihre Ansichten zu überdenken. Gleichzeitig begegnet sie in ihrer Familie immer wieder Vorurteilen und hier zeigt die Autorin gekonnt, wie diese auch in einem scheinbar ganz gewöhnlichen, gutbürgerlichen und eigentlich doch gar nicht rassistischen Umfeld auftreten. In der eigenen Familie, bei Menschen, von denen man das so nicht erwarten wollte. Die Autorin zeigt auch, wie wenig hinter diesen Vorurteilen steckt, wie sehr diese die Augen vor dem Schicksal der Menschen verschließen und lässt sie so nur noch unfassbarer wirken. Sie gibt Einblicke die jeweiligen Kulturen, in die Hintergründe der Flucht und des syrischen Bürgerkrieges, alles, ohne dass Infodump auftritt. Nur Fassungslosigkeit angesichts der Ungerechtigkeit. Gleichzeitig hebt die Autorin auch das Engagement von Flüchtlingshelfern hervor - und deren Hilflosigkeit in Anbetracht der Lage.
Das Buch hat mich mitgenommen, zum Nachdenken anregt, hat mich berührt, wütend und ungläubig gestimmt und hat mich auch nach dem Lesen nicht losgelassen. In jedem Fall ist es ein sehr empfehlenswertes Buch, gerade weil es so gut geschrieben ist, mit unheimlich vielschichtigen Charakteren und einer mehr als authentischen Handlung.
Ein sehr lesenswertes Buch, dass ein schwieriges Thema auf sehr mitreissende, aber niemals vereinfachend darstellt. Wirklich toll! (wirkte stellenweise ein bisschen belehrend, daher nur 4 Punkte .. aber das mag daran liegen, dass ich der Jugendlichen-Zielgruppe nun schon ein paar Jaehrchen entwachsen bin)
für mich ist ein jugendbuch erst dann richtig gut, wenn ich will, dass meine eigenen kinder es später lesen & genau das wünsche ich mir bei diesem buch. ehrlich, unverschont und wichtig.
"Aleppo" kennt heutzutage leider wohl jedes Kind. Es ist in aller Munde, in den Nachrichten, in Zeitungen, in Radios, im Internet. Eine einstmals wunderschöne syrische Stadt, die es so in naher Zunkunft nicht mehr geben wird. Sie lebt in Erinnerungen der Menschen weiter, die es geschafft haben, von dort zu fliehen und zu überleben. Viele dieser Menschen sind nach Europa geflohen, überwiegend nach Deutschland. Nach der ersten "Herzlich Willkommen-Welle" kippte die Stimmung in Deutschland. "Er [der Sommer 2015] wird mir in Erinnerung bleiben als der, in dem normale Leute begannen, Menschen zu hassen, weil sie die Frechheit besaßen, ihr nacktes Leben retten zu wollen. Und dabei eine fremde Sprache zu sprechen." (Aus dem Nachwort der Autorin) Die Angst, die Abneigung und der Hass machte sich breit - inmitten der Menschen, wie Du und ich es sind. Und genau da fängt die Geschichte von Toni und Shirvan an. Es mag wohl nach einer seichten Liebesgeschichte klingen, aber weit gefehlt!
Jennifer Benkau hat mit diesem Jugendroman, mit einfachen Worten die Stimmung und alle Blickwinkel aufgefangen und ihnen Namen gegeben. Jeder Protagonist steht für eine Strömung und eine Denkweise, die derzeit in der Bevölkerung präsent ist. Es gibt die Guten und die Bösen, die Ängstlichen, Unsicheren und die Tatkräftigen. Auch Wütende, Enttäuschte und Besorgte kommen zu Wort. All diese stehen sich gegenüber und betrachten die Situation der Flüchtlinge in Deutschland aus ihrer Motivation heraus.
Anhand von Tonis Familie wird deutlich, wie das Thema Flüchtlinge Menschen, ja sogar Familien spalten kann. Die Angst mit der neuen Situation, plötzlich ein Flüchtlingslager auf der anderen Straßenseite vorzufinden, umgehen zu müssen, sich alleingelassen zu fühlen, wird deutlich. Doch wie kann man damit umgehen? Wer sind diese Flüchtlinge überhaupt?
Ich finde, Jennifer Benkau hat mit ihrem Buch gute Argumente, Lösungen und Handlungsmöglichkeiten aufgezeigt, mit dieser Situation umzugehen. Sie hebt Flüchtlinge aus der Masse heraus und gibt ihnen ein Gesicht. Sie macht aus ihnen wieder Menschen, die so wie wir waren. "Wir sind nicht als Flüchtlinge geboren worden und nicht daran gewöhnt, so zu leben. Bis vor Kurzen waren wir normale Leute. Wir haben uns gut angezogen, Parfum aufgelegt, unsere Haare gestylt und sind ausgegangen." Die "Masse" Flüchtlinge wird zerteilt und es ergeben sich viele, viele Einzelschicksale, die untereinander wiederum kaum vergleichbar sind. Dahinter stehen Menschen mit Gefühlen, Ängsten aber auch Visionen und Vorstellungen für ihre Zukunft. Das darf nie vergessen werden! "Es war einmal Aleppo" erinnert uns daran.
Lasst uns Tonis Familie folgen. Artikuliert eure Unsicherheit, eure Ängste aber bleibt an diesem Punkt nicht stehen. Macht die Augen auf, schaut die Menschen an, wühlt in euch und kommt zum Ursprung der Menschlichkeit zurück! Es ist die Freundlichkeit, die uns Spaß macht, es ist die Empathie, die Gefühle weckt, es ist das Verständnis, das uns Handeln lässt, es ist das Teilen, das uns menschlich macht.
Wir alle sitzen in einem Boot, getauft auf den Namen Welt. Egal auf welche Seite dieses Boot kippt, wir alle sind betroffen, die einen purzeln früher, die anderen später heraus. Lasst uns das Gleichgewicht wiederfinden, uns aneinander festhalten, Halt geben und zufrieden im Gegleichgewicht der Sonne entgegenschippern. Alles könnte so schön sein...
Der Schock geht tief: Als die 16jährige Antonia mit ihrer Familie aus dem mehrwöchigen Sommerurlaub zurückkommt, ist der ehemalige Tennisclub gegenüber plötzlich in eine Flüchtlingsunterkunft umgewandelt worden, in der hunderte von Asylsuchenden untergebracht worden sind. Während Antonias Vater nun vor allem um die Sicherheit der Wohngegend (und um den finanziellen Wert seiner Immobilie) besorgt ist, schließt sich ihr Bruder mehr oder weniger offen der örtlichen rechten Szene an. Ihre beste Freundin aber beginnt sofort damit, ehrenamtlich in dem Flüchtlingscamp zu helfen und nimmt Antonia kurzerhand mit. Je öfter Antonia im Camp ist umso mehr freundet sie sich mit dem 2 Jahre älteren Syrer Shirvan an - und je mehr sie über sein Leben und seine Flucht erfährt umso mehr gerät ihr bisheriges Weltbild ins Wanken...
Dieses Buch, das mich unglaublich stark bewegt und nachdenklich gemacht hat, ist als Jugendbuch geschrieben, aber als All-Age-Roman zu empfehlen. Die Autorin hat hier mit beeindruckender Sensibilität das Thema "Flüchtlingskrise" aufgenommen. Dabei beschönigt sie nichts, sondern gibt allen Stimmen Raum: Dem gut situierten Familienvater, der nichts gegen Flüchtlinge hat, solange sie einfach nur woanders sind, ebenso, wie dem Teenager, der rechtsradikalem Einfluss unterliegt oder der verständnisvollen älteren Nachbarin, die die Situation mit ihrer Flucht aus Ostpreussen vergleicht. Dabei werden Ängste und Vorbehalte nicht pauschal als unsinnig abgetan sondern sehr ernst genommen und differenziert beleuchtet. Dieses Buch hat nicht auf alle Fragen Antworten parat: Aber dieses Buch rückt die wichtigen Fragen ins Licht!
Shirvans Geschichte, die hier nach und nach behutsam vor uns aufgerollt wird, hat mich sehr mitgenommen, und mehr als einmal habe ich einfach nur noch geweint. Denn obwohl sie fiktiv ist, steht sie eben doch für hunderttausende von Einzelschicksalen, die so oder ähnlich, oder vielleicht auch ganz anders aber nicht weniger leidvoll, tatsächlich geschehen sind und noch immer geschehen.
Ich konnte dieses Buch gar nicht mehr weg legen, weil ich so gefesselt und emotional involviert war. Die politischen Themen werden so leicht und selbstverständlich in die Geschichte hineingewoben, dass sie beim Lesen kein bißchen trocken oder sperrig wirken. Dieses Buch enthält nichts, was wir nicht aus den Nachrichten längst kennen würden - aber dieses Buch gibt uns ein Gesicht, stellvertretend für unzählige andere Gesichter, an dessen Beispiel wir das tagesaktuelle Geschehen in unserem Land vielleicht ganz neu und mit viel mehr Verständnis überdenken werden.
"Jeder Mensch hat eine Geschichte, die es wert ist erzählt zu werden."*
Als Toni (Antonia) und ihre Familie aus dem ruhigen (und handyfreien) Sommerurlaub zurückkehren, treffen sie die Nachrichten wie ein Schlag: Der alte Tennisclub in ihrer Strasse - genau gegenüber von ihrem Haus - wurde als Notunterkunft für Flüchtlinge eingerichtet. Die Familie ist sich einig: so geht das nicht. Es steht zwar ausser Frage, dass man Menschen in Not helfen muss, aber muss das unbedingt vor unserer Haustür sein? Fest entschlossen setzt Tonis Vater eine Unterschriftenliste auf, denn für ihn steht eins fest: das Flüchtlingsheim muss weg. Er muss schließlich zuerst an seine eigene Familie denken und er kann und will nicht dabei zusehen, wie sich sein schönes Viertel zu einem sozialen Brennpunkt entwickelt. Auch Toni setzt ihren Namen auf die Liste. Doch als ihre beste Freundin Felicitas (Fee), die ehrenamtlich im Flüchtlingsheim hilft, sie kurzerhand mitnimmt, ändert Toni ihre Einstellung mit jeder Lebens- und Leidensgeschichte mehr.
Ich habe "Es war einmal Aleppo" als Rezensionsexemplar bekommen und obwohl ich es sehr schnell durchgelesen habe, fiel es mir sehr schwer eine Rezension zu schreiben (eigentlich ist es immer noch schwer). "Es war einmal Aleppo" wäre ein wunderschöner, herzzerbrechender Roman, wenn er tatsächlich komplett fiktiv wäre. Das ist er allerdings nicht. Viele der geschilderten Schicksale sind so nah an der Realität, dass ich auch jetzt, wo ich alles noch einmal Revue passieren lasse, viel zu oft schlucken und ins Licht blinzeln muss. Was genau ich meine, werdet ihr sehen, wenn der Titel beim Lesen plötzlich Sinn ergibt. Alles in Allem finde ich dieses Buch sehr empfehlenswert. Hut ab, Jenny!
* das hat bestimmt schon mal jemand gesagt, der sehr viel klüger ist als ich