Elsa Dorlins „La matrice de la race: Généalogie sexuelle et coloniale de la Nation française“ (2006, Neuauflage 2009) ist eine philosophisch-historische Untersuchung über die untrennbare Verflechtung von Geschlecht, Sexualität und – zu meinem Leidwesen verwendet Dorlin den Begriff – Rasse. Sie zeigt, dass die Geschichte dieser Kategorie nicht unabhängig von der Geschichte der sexuellen Differenz verstanden werden kann: Die medizinischen und moralischen Diskurse über das „weibliche Temperament“ lieferten das theoretische Modell (moule théorique) für die spätere Erfindung des „Rassetemperaments“.
So verschieben sich Kategorien von „gesund“ und „krank“, „männlich“ und „weiblich“ in den kolonialen Kontext, wo sie zur Legitimation von Herrschaft und Gewalt dienen. Dorlin analysiert diese Macht durch ihre Brüche: „mutierende Körper“, widerspenstige Figuren, inkonsistente Diskurse. Aus diesen Rissen wird das Denken selbst lesbar – als Versuch, Ordnung zu erzwingen, wo Vielfalt herrscht.
Philosophisch knüpft Dorlin an Colette Guillaumin an und erweitert die Epistemologie der Herrschaft. Ihr Werk bleibt dabei nicht in der Kritik verhaftet, sondern eröffnet eine Reflexion über die Bedingungen von Gleichheit, Körperlichkeit und Universalismus. „La matrice de la race“ ist eine dekonstruktive Genealogie der Moderne – und ein Aufruf, die Vernunft selbst zu dekolonisieren.