Sexual Solipsism: Philosophische Essays über Pornografie und Objektivierung von Rae Langton
Einleitung
Das Buch „Sexual Solipsism: Philosophical Essays on Pornography and Objectification“, veröffentlicht im Jahr 2009 von Rae Langton, Professorin für Philosophie am Massachusetts Institute of Technology, derzeit Knightbridge Professor of Philosophy an der University of Cambridge, vereint Langtons bahnbrechende Arbeiten zu Pornografie und Objektivierung. Langton, die stark von den Arbeiten Catharine MacKinnons, J. L. Austins und Immanuel Kants beeinflusst ist, argumentiert, dass sowohl Pornografie als auch Objektivierung eine Form von „Solipsismus“ darstellen – das Versagen, Frauen als voll menschlich zu behandeln. Die Essays bewegen sich zwischen argumentativer und explorativer Form und behandeln die moralischen wie auch epistemologischen Dimensionen der Objektivierung. Das Werk ist als direkter Beitrag zur politischen Philosophie und zur feministischen Ethik konzipiert.
Pornografie als konstituierende Sprechakte der Unterordnung und des Schweigens
Langton vertritt die These, dass Pornografie Frauen unterordnet (subordinates) und zum Schweigen bringt (silences), indem sie diese Handlungen als illokutionäre Akte interpretiert – also als Handlungen, die im Sprechen selbst vollzogen werden, gestützt auf die Sprechakttheorie von J. L. Austin. Pornografie wird somit nicht nur als Ausdruck oder Ursache von Schaden verstanden, sondern als autoritative Rede, die den Status von Frauen aktiv konstituiert. Ähnlich wie ein Gesetzgeber durch seine Worte autoritativ eine Rangordnung festlegt oder diskriminierendes Verhalten legitimiert, fungiert Pornografie als eine Stimme mit normativer Kraft im Bereich des Sexuellen. Wenn Pornografie die nötige Autorität besitzt (eine kontextabhängige, empirische Frage), erfüllt sie die notwendigen Glücksbedingungen (felicity conditions), um Frauen herabzustufen, ihnen Befugnisse zu entziehen und diskriminierendes Verhalten zu normalisieren.
Das Konzept der illokutionären Deaktivierung
Das Schweigen von Frauen durch Pornografie beschreibt Langton als illokutionäre Deaktivierung (illocutionary disablement). Es handelt sich um eine wörtliche Form des Scheiterns, bei der Frauen zwar die Worte äußern (Lokution), aber die beabsichtigte Sprechhandlung nicht vollziehen können, weil die für den Erfolg notwendigen sozialen Bedingungen untergraben sind. Ein zentrales Beispiel ist die sexuelle Verweigerung („No“): Pornografie kann ein kommunikatives Klima schaffen, in dem das „Nein“ einer Frau nicht als Akt der Ablehnung (Refusal) anerkannt wird, weil die notwendige Aufnahme (Uptake) fehlt. Ebenso kann ein Protest – wie Linda Marchianos (Lovelace) Buch „Ordeal– illokutionär“ deaktiviert werden, wenn er gesellschaftlich als weitere Pornografie und nicht als Zeugenaussage gegen Missbrauch rezipiert wird. Diese Deaktivierung entzieht Frauen die Fähigkeit zur Ausführung zentraler Sprechakte und stellt damit einen Entzug negativer Freiheit dar.
Leslie Greens Kritik an der Autorität der Pornografie
Leslie Green kritisiert Langtons Argument der Unterordnung, indem er die Annahme der Autorität der Pornografie in einer liberalen Gesellschaft infrage stellt. Pornografie, so Green, sei private, nicht-autoritative Rede und falle daher nicht in den Zuständigkeitsbereich (jurisdiction) über Frauen, da staatliche und gesellschaftliche Institutionen sexuelle Gewalt verurteilten. Langton entgegnet, dass Autorität nicht notwendigerweise staatlich legitimiert oder allgemein anerkannt sein müsse; es genüge, wenn lokale Autoritätsbedingungen erfüllt seien – etwa in Gemeinschaften oder Beziehungen, in denen die Normen der Pornografie akzeptiert und auf Frauen angewendet werden. Autoritative Sprechakte (wie verdictives) können Realität konstituieren, indem sie soziale Tatsachen schaffen: Wenn Mächtige sagen „so ist es“, kann die Welt dazu gebracht werden, dieser Aussage zu entsprechen. Green selbst äußerte später die Vermutung, dass Pornografie möglicherweise überhaupt keine kommunikative Rede sei.
Die zentralen Thesen Langtons zu Pornografie und Objektivierung lassen sich wie folgt zusammenfassen:
Rae Langton argumentiert in Sexual Solipsism, dass Pornografie ein autoritativer Sprechakt ist, der Frauen unterordnet und zum Schweigen bringt (silencing). Gestützt auf J. L. Austins Sprechakttheorie interpretiert sie Pornografie als illokutionäre Handlung der Unterordnung, die Frauen illokutionär deaktiviert, indem sie die notwendigen Glücksbedingungen (felicity conditions) für wesentliche Sprechakte wie Verweigerung oder Protest untergräbt. Diese Unterordnung bildet das Herzstück des sexuellen Solipsismus – eines Scheiterns, Frauen als vollständig menschlich zu behandeln. Die Objektivierung entsteht dabei durch eine sich selbst erfüllende Projektion von Überzeugungen über Frauen und manifestiert sich in der Verbindung zweier Formen des Solipsismus: derjenigen, Dinge wie Menschen zu behandeln, und derjenigen, Menschen wie Dinge zu behandeln.
Pornografie wird dadurch klar von Erotika abgegrenzt, da letztere zwar sexuell explizit, aber frei von Unterordnung ist. Leslie Green kritisiert Langtons Argument, indem er Pornografie die notwendige Autorität abspricht, um Unterordnung zu vollziehen, da Frauen außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs (jurisdiction) stünden. Langton hingegen verankert ihre Analyse in der kantischen Idee der Objektivierung – in der Pflicht, Personen niemals bloß als Mittel zu behandeln – und knüpft an Kants Überlegung zur solipsistischen Tendenz sexueller Liebe an, die den anderen zum Objekt des Begehrens macht. Freundschaft erscheint ihr dabei als moralisch gebotener Ausweg aus dieser Isolation: als Beziehung, in der Gegenseitigkeit und Anerkennung das solipsistische Muster durchbrechen.
Die Abgrenzung von Pornografie und Erotika
Die feministische Analyse, der Langton folgt, unterscheidet Pornografie klar von Erotika. Diese Unterscheidung beruht nicht auf dem Grad sexueller Explizitheit oder der Erregung, sondern auf dem Element der Unterordnung. Pornografie ist definiert als die grafische, sexuell explizite Unterordnung von Frauen, die sie als Objekte, Dinge oder Waren dehumanisiert oder Darstellungen von Schmerz, Demütigung oder Vergewaltigung als lustvoll präsentiert. Erotika hingegen ist sexuell explizites Material, das diese Definition nicht erfüllt. Dieser Fokus auf Ungleichheit und Subordination erlaubt es der feministischen Kritik, sich von traditionellen moralistischen Einwänden gegen sexuelle Darstellungen abzugrenzen.
Die Entstehung des sexuellen Solipsismus
Der Begriff des sexuellen Solipsismus bezeichnet das Versagen, Frauen als vollständig menschlich zu behandeln, indem sie zu Objekten gemacht werden. Langton beleuchtet die Verbindung zwischen zwei lokalen Formen des Solipsismus, die in der Pornografie zusammenkommen: das Behandeln von Dingen als Menschen (Animation von Artefakten) und das Behandeln von Menschen als Dinge (Objektivierung). Einerseits entsteht Solipsismus kausal – wenn pornografische Artefakte als Ersatz für Sexualpartner verwendet werden („Sex zwischen Menschen und Papierstücken“), neigt dies dazu, reale Frauen ebenfalls als „masturbatorisches Zubehör“ oder Objekte zu behandeln. Andererseits entsteht Solipsismus epistemologisch durch Projektion: Die mächtigen Überzeugungen des Konsumenten (z. B. dass Frauen unterwürfig seien) werden wunschgesteuert auf Frauen projiziert und können sich durch selbsterfüllende Dynamiken manifestieren. Pornografie liefert dabei die „Beweise“ für diese falschen Überzeugungen und verhindert durch illokutionäre Deaktivierung (Schweigen), dass Gegenbeweise gehört werden. Die Folge ist eine solipsistische Isolation, in der „der Mensch zur Sache wird“ (the human becomes thing).
Diese Zusammenfassung kann nur einige Aspekte des Buches „Sexual Solipsism“ beleuchten; eine vollständige Lektüre eröffnet weitere, oft unbequeme Perspektiven. Langtons Analysen führen tief in die Mechanismen sprachlicher Macht – in jene Zonen, in denen Rede nicht nur beschreibt, sondern Wirklichkeit herstellt, indem sie andere Stimmen zum Verstummen bringt. In diesem Sinne erinnert die von ihr beschriebene illokutionäre Deaktivierung an die politische Rhetorik eines Donald Trump, der den Begriff des „Deals“ monopolisierte: Was ein Deal ist, entscheidet allein er – gleichgültig, was die Gegenseite sagt. Auch hier wird Sprache performativ, autoritär und selektiv hörend: Macht spricht, die Welt antwortet – oder eben nicht. Langtons Buch zeigt, wie tief diese Struktur in unseren Diskursen verankert ist – und wie schwer es ist, sie zu unterbrechen.