Berühmt durch die rhetorische Exzellenz seiner Seminarvorträge und als Enfant terrible seiner Zunft berüchtigt, hat Jacques Lacan (1901-1981) wie kein anderer psychoanalytischer Gelehrter nach Freud über die Grenzen seiner Wissenschaft hinaus gewirkt und die Psychoanalyse zur Linguistik, Ethnologie und Philosophie geöffnet. Das lebenslange Bemühen Lacans gilt dem Aufweis, dass alle menschlichen Erfahrungen und Äußerungen in eine dem Subjekt vorgegebene sprachliche Struktur eingebettet sind. Wie Lacan die Gesetzmäßigkeiten dieser Struktur in seinen nicht nur für Laien schwer durchschaubaren Texten genauer fasst, erläutert Gerda Pagel in dieser Einführung
lacans spiegelstadium ist durch ovids narziss und hegels dialektik von herrschaft und knechtschaft inspiriert. es besagt, dass kleinkinder früh lernen, sich mit ihrem vermeintlich einheitlichen ich zu identifizieren. aber moi ≠ je. diese vermeintlichkeit bzw. die daraus resultierende diskrepanz führt zu permanentem frust. dieser drang nach einssein mit dem scheinbaren selbstbild umfasst auch das zerstörenwollen alles identitätsbedrohenden. (exkurs in massenpsychologie:) und das kann in letzter instanz im denken hitlers münden: "ein volk, ein reich, ein führer" " du oder ich"
kap. 2: das symbolische
es gibt: - Imaginäres (bilder, ich-illusion) - Symbolisches (sprache, ordnung, gesetze) - Reales (das unfassbare) das subjekt ist von anfang an in die ordnung von sprache, gesetz und bedeutung (Symbolisches) eingeschrieben. das unbewusste ist strukturiert wie eine sprache (in anlehnung an Ferdinand de Saussure): es operiert über signifikantenketten, wobei der vorrang des signifikanten (zeichen) über dem signifikat (bedeutung) gilt (S/s) – bedeutung ist nie fix, sondern entsteht durch differenz und verschiebung. entsprechend muss man zwischen den zeilen lesen: symptome, versprecher etc. funktionieren wie metapher und metonymie (verdichtung/verschiebung). zeitlich arbeitet das symbolische oft im futur anterieur (futur II): sinn ergibt sich nachträglich („es wird gewesen sein“). das subjekt ist daher gespalten: „ich denke, wo ich nicht bin, also bin ich, wo ich nicht denke“ (trennung von bewusstem ich und unbewusstem sprechen). schließlich gilt: „das unbewusste ist der diskurs des Anderen“: es zeigt sich nur dialogisch, im sprechen mit einem anderen, nicht als innerer kern
kap. 3: das begehren
das Reale (≠ realität) ist das unfassbare. es manifestiert sich zB in träumen und in grenzsituationen des daseins. darauf basiert lacans "dialektik des begehrens": er unterscheidet zwischen "wunsch nach befriedigung" (zB nahrung) und "anspruch auf liebe" (zB liebe: das kind ist auf die mutter angewiesen, diese gibt einerseits mehr als nahrung (liebe & zuneigung), aber weniger als dauerhafte bedürfnisnefriedigung. daher kommt die unersättlichkeit menschlicher wünsche.) die dialektik des begehrens besteht nun darin, dass begehren weder einfach befriedigung eines bedürfnisses noch erfüllung eines liebesanspruchs ist, sondern genau aus der differenz zwischen beiden hervorgeht. genauer: begehren ist das, was übrig bleibt, wenn das bedürfnis durch den anspruch vermittelt wird – also ein strukturierter mangel, der den wunsch immer neu antreibt. diese unbedriedigbarkeit ist entscheidend: "das begehrenswerte sättigt nicht das begehren, sondern vertieft es, es nährt mich gewissermassen mit neuem hunger" (e. levinas) die tücke ist nun, dass uns in der konsumgesellschaft eingeredet wird, dass der mangel in uns ein materieller und (käuflich) durchaus behebbarer sei. das zielt auf ein 'haben-wollen' ab, um 'sein' zu können. das "unbehagen in der kultur", von dem freud sprach, ist - und darin liegt die erkenntis lacans - kein mangel an haben, sondern ein entzug an sein.
kap. 4: der sexualtrieb
der umstand, dass das begehren sich nur diesseits der realen bedürftigkeit und jenseits des imaginären anspruchs auf liebe verwirklichen kann (vgl. kap. 3) führt dazu, dass der sexualtrieb immer zwischen der echten befriedigung und der imaginären erfüllung verläuft. der trieb richtet sich also weder auf ein objekt noch auf ein ziel. der trieb ist also kein bedürfnis, sondern eine "not des lebens" (freud) dort begegnen wir dem realen: der moment, in dem beim sex das sexualobjekt zu einem blossen stück fleisch wird, und dadurch eine ekelreaktion hervorgerufen wird, bedeutet, dass das unmittelbare sexuelle bedürfnis sich von der gewalt des realen verschlungen sieht. der trieb wechselt seine objekte und verlagert sich so ins unendliche: das letzte ziel des triebs ist der tod (-> freuds todestriebhypothese) kreisbahn des triebes: der trieb ist vermeintlich auf das begehrensobjekt (objet petit a) ausgerichtet. in wahrheit verläuft er aber nur darum herum. zB beim bogenschiessen ist das eigentliche ziel nicht der vogel, sondern dass der schuss gut ist und man dadurch sein ziel erreicht. der getroffene vogel wird zu einem blossen stück (totes) fleisch. "die unmöglichkeit, bedürfnis und begehren zur deckung zu bringen, schreibt der triebstruktur eine unafhebbare negativität ein, die die seinserfahrung des menschen als die des mangels, des entzugs an sein bestimmt." in diesem "seinsverfehlen" sieht lacan die "condition humaine". bei lacan kommt aber nun ein twist, indem sich der trieb eben doch auf ein objekt ausrichtet und zwar auf den phallus. dies betrifft beide geschlechter, denn beide unterliegen dem kastrationskomplex. der phallus ist für lacan aber weder objekt, noch organ, noch penis, noch klitoris, sondern ein signifikant (bzw. sogar der signifikant des signifikanten), der in ein soziales beziehungsgefüge eingebettet ist -> es geht also eher um die sozial mächtige position des männlichen. dasselbe gilt für den ödipuskomplex und die figur des vaters, der ein verbot ausspricht. all diese begriffe repräsentieren vielmehr die symbolische dimension ihrer selbst als deren konkrete bedeutung (echter vater etc.) und nun kommt noch ein twist: die im begehren inhärente negation rührt daher, dass die mutter keinen phallus hat. das subjekt begehrt aber die vollkomenheit der mutter, mit der es eins sein will (i.S. einer phantasmischen vollständigkeit) die autorin (gerda pagel) setzt sich an diesem punkt mit der feministischen kritik an der psychoanalyse auseinander und findet sie nur z.T zutreffend, weil freuds analyse v.a. deskriptiv und nicht normativ war. das potential der psychoanalyse, geschlechterrollen zu hinterfragen, werde übersehen.
kap. 5: sprechen und sprache in der psychoanalyse
das sprechen ist so zentral, dass es unter keinen umständen übergangen werden darf. mit dieser feststellung kritisiert lacan jene auffassungen von psychoanalyse, die v.a. verhaltensmuster aufdecken wollen und zum ziel haben, das individuum seiner sozialen umgebung anzupassen. dies entfremdet das individuum nur erneut von sich selbst. psychoanalyse soll vielmehr das verhältnis des sprechenden subjekts zu seinem begehren und zur begierde des anderen betrachten. dies, indem sie auf das sprechen jenseits des bewusst gesprochenen hört. denn körperreaktionen, stimmmodulationen, redefluss etc. sind sprechende symptome, erzählende phantasien und sich artikulierende wünsche. sie sind analog einer sprache strukturiert und enthüllen sich als ein diskurs mit dem Anderen. indem der analytiker schweigt und den patienten ins frustrierende "echo des eigenen nichts" zwingt, macht er dem Anderen platz. im schweigen sieht lacan eine entscheidende bedingung der möglichkeit für ein "volles" sprechen. der analytiker ist einerseits reiner zeuge des gesprochenen (des Anderen), andererseits ist er es, der die interpunktion vornimmt. vor diesem hintergrund ist auch seine umstrittene praxis der flexiblen sitzungsdauer zu verstehen. indem der analytiker schweigt und die sitzung jederzeit plötzlich beenden kann, kann sich das ich (moi) des analysanden nicht in falscher sicherheit wähnen, die es aus den reaktionen des analytikers oder aber aus der terminiertheit der sitzung ziehen will. zum schluss wird nochmal der satz "das begehren ist das begehren des anderen" angesprochen: lust entsteht nicht primär im inneren, sondern am rand, wo der körper sich zur welt hin öffnet. diese zonen sind stark symbolisch besetzt, weil sie mit begehren, mangel und beziehung zum Anderen verknüpft sind. deshalb sind v.a. die ränder (bordures) der körperöffnungen (lippen, schamlippen, analöffnung) erogene zonen.
-> ich habe diese einführung gelesen, weil žižeks einführung zwar spannend ist, aber halt eher keine lacan-, sondern eine žižek-einführung mit ein paar lacan-zitaten. und ich finde, dieses buch hat meinen vorstellungen besser entsprochen (nicht zuletzt auch, weil die autorIN eine kritische betrachtung der stellung der frau bei freud und lacan vornimmt). stellenweise unverständlich, aber ich weiss nicht, wieviel davon lacan selber zu verschulden hat. im grossen und ganzen vermittelte mir diese darstellung einen ersten überblick und spannende denkanstösse.