Das Christentum hat seit der Antike nicht nur die Künste, sondern auch das Zusammenleben, Wirtschaften und Herrschen vor allem in Europa zutiefst geprägt und so die Welt immer mehr mit seinem Ausblick auf eine göttliche Dimension „verzaubert“, bis jeder Winkel der Kultur – und auch noch der Krieg – christianisiert war. Mit der Aufklärung setzte eine schrittweise Entzauberung ein, aber gerade mittels Kunst, Musik, Architektur und Literatur, die auch das Gefühl ansprechen, hat sich das Christentum seit der Romantik verwandelt und prägt die Kultur auch noch nach Nietzsches berühmtem Satz vom Tod Gottes. Jörg Lauster öffnet in seiner Kulturgeschichte die Augen für die religiöse Dimension der abendländischen Kultur. Ein gregorianischer Choral kann wie eine Kantate Bachs etwas von der Harmonie des Universums zum Klingen bringen, eine gotische Kathedrale göttliche Erhabenheit einflößen, ein Bild oder eine Skulptur Michelangelos die Pracht der Welt als göttliche Schöpfung feiern, ein Gemälde Caspar David Friedrichs das unfassbare Geheimnis des Daseins versinnbildlichen und ein Roman Leo Tolstois die sittliche Kraft des Christentums deutlich machen. Jörg Lauster zeigt auf faszinierende Weise, wie wir gerade auch da, wo die Kunst nicht im Dienste einer Glaubensbotschaft steht, ihre religiöse Signatur erkennen können. Dabei gelingt es ihm meisterhaft, entlang klug ausgewählter Beispiele einen großen erzählerischen Bogen vom Urchristentum bis heute zu spannen.
Die Verzauberung der Welt ist ein mehr oder weniger passender Titel für ein Buch, das die Kulturgeschichte des Christentums beschreiben möchte. Je nach dem, wie man es denn nun mit dem Christentum hält, fällt die Antwort entsprechend aus. Ich für meinen Teil bin eher auf der skeptischen Seite. Ich bin aber möglichst "neutral" an dieses Buch herangegangen, denn mich hat hauptsächlich die "kulturgeschichtliche Seite" des Christentums interessiert. Von den Anfängen bis zum 21 Jhr. gelingt hier ein durchaus gelungener Abriss über 2000 Jahre Christentum.
Interessant war zu beobachten, wie der Autor immer wieder den Spagat unternommen hat zwischen den theologischen Inhalten des Christentums und seinen Auswirkungen auf Kunst und Kultur zu vermitteln. Dabei merkt man deutlich, dass das Buch von einem Theologieprofessor geschrieben ist, für den das Christentum mehr ist, als nur seine Kulturgeschichte.
Wenn man es nicht schon vorher gewusst hatte, so verdeutlich das Buch, dass selbst wenn das Christentum nur eine Hirngespinst einer kleinen Gruppe von Jüngern gewesen sein sollte, so hat es doch die Geschichte der Menscheit enorm mitgestalten. Im positiven wie im negativen. Dabei lernt man sogar den einen oder anderen Funfact über das Christentum, wie z.B. dass die spanische Inquisition keine Hexen verbrannt hat und deren Existenz auch theologisch nicht akzeptiert hat.
Eine phantastische Reise durch 2000 Jahre Kulturgeschichte. Von den Wurzeln im jüdischen Glauben bis zu den Aufbrüchen im 21. Jahrhundert, einen neuen Standort des Menschen in der Natur und der Gesellschaft zu finden, schildert Jörg Lauster wie sich die christliche Religion und die "westliche" Kultur in Dialog und Auseinandersetzung miteinander durch 2 Jahrtausende beeinflusst und bereichert haben. Der Autor schreibt mit deutlicher Symphatie für die christliche Religion, aber er läßt die dunklen Kapitel der Religion und der Kirche nicht aus. Er schildert, wie Licht und Dunkelheit der Religion den Kontrast bilden, in dem sich die Kultur Europas und der "westlichen" Welt darstellt und wie die Kultur des "Westen" und die christliche Religion an den Herausforderungen ihres Gegenübers gewachsen sind und sich verändert haben. Der Schwerpunkt der Darstellung liegt auf der katholischen und protestantischen Richtung des Christentums und der Kultur West- und Mitteleuropas und der Amerikas. Eine Kulturgeschichte der orthodoxen Kirchen, sowie Kulturgeschichten der nicht christlichen Religionen, wären eine willkommene Ergänzung. Das Buch fordert die Gläubigen, sich Gedanken über ihre Überzeugungen und Traditionen zu machen, aber auch für nicht Glaubende wird deutlich, dass sich die Skepsis und Ablehnung der Religion aus dem Gespräch zwischen Glaube und Kultur des "Westens" entwickelt haben. Eine Empfehlung für alle Menschen, die sich dem christlichen Glauben verbunden fühlen, und für alle die ein Interesse an der "westlichen" Kultur haben.
Jörg Lauster nimmt den Leser mit, auf eine Reise durch eine Geschichte, die an Fülle kaum zu überbieten ist. Die Breite an Entwicklungen, Lehrmeinungen und Ausdrucksformen, die in diesem Werk abgebildet werden, haben mich wirklich beeindruck. Gerade die größeren Linien in der Entwicklung von Weltverständnissen und deren Ausdruck sind etwas, was ich sicher mitnehmen kann, auch wenn die Details zu viel sind, um in meinen Kopf zu bleiben. Dafür wurde aber ein Rahmen mit ausführlichen Verzeichnissen geschaffen, der dieses Buch auch als Nachschlagewerk für den eigenen Bücherschrank tauglich macht.
Es ist schon erstaunlich, welche Veränderungen das Christentum im Abendland verursacht hat. Es begann mit den mystischen Erlebnissen und der Legende der Bekehrung Kaiser Konstantins und fand in Karl dem Großen seine gläubige Fortsetzung. Die Renaissance öffnete den Blick für die herrlichen Gemälde aus der Florentiner Schule. Auch Mozart's wunderbare Musik diente als Weg zur göttlichen Erbauung. Und dann kam das 20. Jahrhundert mir vielen Kriegen und Verfolgungen. Schrecklich! Hier herauszufinden, ist unsere gemeinsame Aufgabe. Ein sehr interessantes und lehrreiches Buch, für das man sich ausreichend Zeit nehmen sollte.