1961 hat sich Peter Weiss mit der Beziehung zu seinen Eltern zu seiner Kindheit und zum gespannten Verhältnis zu diesen auseinandergesetzt. "Abschied von den Eltern" heisst die Erzählung, ausschlaggebend war deren beider Tod innerhalb eines Jahres 1958 und 1959 (das erinnert mich natürlich an meinen Abschied von den Eltern 2015 und 2016). Weiss beschreibt in dem 145seitigen Absatz (ja, der Text geht ohne Absatz über die volle Länge) in einer Retrospektive die schwierige Beziehung zu den beiden strengen im Lebenskampf gefangenen Personen, zu denen er keine echte Liebesbeziehung entwickeln konnte, wie auch sie ihm gegenüber keine liebevollen Emotionen zeigten. Jetzt im Nachhinein als 45jähriger, der er 1961 ist, kann er die Situation analytisch reflektieren, auch die Eltern waren Gefangene ihrer Biografie, die Mutter, eine ehemalige Schauspielerin aus einem strengen lieblosen Elternhaus, der Vater als Jude ein halbes Leben lang seine Identität verdrängend, verschweigend, bis sie in der Nazizeit dann existenzbedrohend durchbricht.
Peter Weiss sieht sich aber bereits als Schüler in der verspotteten und auch physisch bedrängten Außenseiterrolle, ohne selbst noch von seiner "rassischen" (dieses Naziwort muss man hier leider verwenden) Herkunft zu wissen. Er erzählt von Ausgrenzung und Übergrifflichkeiten durch die Mitschüler angeleiert von seinem scheinbaren Freund Friederle. Er würde ja gerne dazugehören, der kleine Peter, doch von seinem Halbbruder Gottfried (aus Mutters erster Ehe) wird er erfahren, dass er das aufgrund der väterlichen Herkunft nie erreichen wird.
Weiss flüchtet sich in Träumereien, Malerei und Leseleidenschaft, alles Eigenschaften, die vom Vater, einem Textilingenieur, abgelehnt werden. Peter soll einen ordentlichen Beruf erlernen. Auch die kränkelnde und gestrenge Mutter unterstützt das Kind nicht.
Weiss erzählt vom Unfalltod der Schwester, zu der den Jungen auch eine erotische Anziehung verband, von der Kinderfrau Elfriede, die dem Jugendlichen die Scheu vor der geschlechtlichen Weiblichkeit nicht nehmen kann, von einigen homosexuellen Annäherungen, die ebenfalls keine Befreiung der unterdrückten, verklemmten Sexualität bringen.
Schlussendlich, nach Auswanderungen und scheiternden Arbeitsversuchen in England, Böhmen und Schweden löst sich der Autor von den Eltern, zieht nach einer Vision aus dem unterdrückenden, dann aber doch wieder Sicherheit gebenden Elternhaus aus "auf der Suche nach einem eigenen Leben".
Die scheinbare Atemlosigkeit, mit der Weiss seinen Text schreibt, mit dem er mit seinen Eltern abrechnet, aber trotzdem immer wieder versucht, ihr Verhalten zu verstehen, seine Schwächen und wohl auch Bequemlichkeiten zu reflektieren zog mich in den Bann, aber es war klar, das ist kein Buch das man so einfach zum Einschlafen lesen kann.