Bald werden uns kleine Reaktoren im Garten mit Energie versorgen. Das Waldsterben lässt sich nicht mehr aufhalten. Der Sozialismus macht ein Ende mit der sozialen Ungerechtigkeit. Wirklich? Joachim Radkau hat erforscht, wie sich die Deutschen seit 1945 ihre Zukunft ausgemalt haben. Hoffnungen und Ängste, Prognosen und Visionen, fatale Irrtümer und unerwartete Im Rückblick staunt man, wie sicher wir zu wissen glauben, was auf uns zukommt. Dabei sind diese Vorstellungen oft Grundlage weitreichender Entscheidungen, ob es nun um die Umwelt geht, um die Rente oder die Bildung. Ein ungewöhnlicher Blick auf die deutsche Geschichte von einem der originellsten Historiker unserer Tage.
Eine Geschichte der Zukunft zu schreiben, ist natürlich gewitzt. Joachim Radkau hat dies (hauptsächlich) für die alte BRD getan und herausgekommen ist eine oft süffig, geradezu amüsiert zu lesende Aufreihung etlicher „falscher“ wie manchmal „richtiger“ Zukünfte, die in Westdeutschland nach 1945 prophezeit wurden, aber auch überraschender Wendungen und völlig unerwarteter Entwicklungen.
Radkau, bis 2009 Professor für Neuere Geschichte in Bielefeld, studiert, untersucht und analysiert Visionen und Ankündigungen von der Agrarwirtschaft, über das vorausgesehene, aber nie eingetretene „Ende der Arbeit“, die „Dialektik des Atoms“, neue alte Heimatgefühle im Angesicht nie gekannter Reiselust und -möglichkeiten, etliche Bildungskatastrophen, ideologische Fehlleistungen in Hinblick auf eine planbare Zukunft in Anbetracht einer fürchterlichen Vergangenheit, bis zu jenen fast apokalyptisch anmutenden Katastrophenszenarien ökonomischer Natur, die zu Beginn des 21. Jahrhunderts ausgerechnet eine sozialdemokratische Partei dazu veranlassten, die weitreichendsten Einschnitte und Änderungen in die Sozialsysteme vorzunehmen, die das westliche Nachkriegsdeutschland bis dato gesehen hatte. Zugleich gelingt es ihm, einen Blick auf die Motive, die Mentalität und grundlegenden Verfasstheiten hinter einigen dieser Zukunftsaussichten zu vermitteln.
Einiges davon ist natürlich amüsant, weil wir im Rückblick so klar, so einleuchtend zu erkennen meinen, wieso diese Ideen und Prognosen kaum in Erfüllung gehen konnten – Radkau weist aber immer wieder darauf hin, daß man eben diesen Kardinalfehler rückblickender Rechthaberei nicht begehen darf. Er ist Historiker und weiß genau um die Fallstricke seiner Profession, weiß, wie leicht man sich verheddert und zu urteilen beginnt. Deshalb ist es gerade die Erkenntnis, weshalb viele Prognosen dem Test der Wirklichkeit nicht standhalten können, die das Buch so wertvoll macht: Es passiert eben doch und immerzu Überraschendes, Unerwartetes, Unbedachtes, nicht zu Bedenkendes. Die Wirklichkeit wird von etlichen Einflüssen definiert und diese alle zu kalkulieren ist schlicht nicht möglich. Auch nicht mit den tollsten Berechnungsprogrammen und computergestützten Modellen zu Klimawandel, Ressourcenverbrauch oder Bevölkerungsentwicklung. So war das Wirtschaftswunder – seit den 1960er Jahren Gründungsmythos der BRD – so nie geplant, wenn, hatte man mit einer weitaus längeren Erholungsphase der deutschen Wirtschaft nach den Zerstörungen des Krieges gerechnet; die Atomkraft erlebte eine sehr wechselseitige Entwicklung zwischen angeblich der saubersten Energiegewinnung seit Menschengedenken und ihrem Potential, zur finalen Waffe der Menschheit zu avancieren; die Arbeitsmarktbedingungen haben sich eklatant anders entwickelt, als oftmals berechnet, weil bestimmte Aspekte, bspw. demographischer Natur, nicht „richtig“ berechnet werden konnten. Wissenschaftliche Neuerungen – Bsp. „die Pille“ – lassen alle vorherigen Prognosen plötzlich alt aussehen.
Ebenfalls angenehm an Radkaus Studie ist die Erkenntnis, daß die Entwicklung in den allermeisten Fällen – vor allem in politischen Prognosen – meist doch weitaus glimpflicher abgelaufen ist, als angenommen. Weder entwickelte sich die BRD zu dem faschistischen Staat, den die RAF in ihr bereits sah, noch bedeutete der Einzug der Grünen in den Bundestag 1983 den „Untergang des Abendlandes“. Prognosen gleich welcher Couleur werden von Radkau untersucht, an ihnen kann er die Problematik einer sich als akademisch verstehenden „Wissenschaft der Zukunft“ ebenso verdeutlichen, wie er belegen kann, daß es kaum möglich ist, Prognosen gänzlich zu verwerfen. Teile dessen, was sie beinhalten, bilden zumindest eine Wahrnehmung der Wirklichkeit ab, die viel über zeitgenössische Hoffnungen, Ideen, aber auch Ängste und Befürchtungen aussagt. So räumt Radkau mit der Annahme auf, die Antiatomkraftbewegung sei eine verzagte, zukunftsängstliche Bewegung gewesen, die von apokalyptischer Furcht auf die Straßen getrieben wurde. Daß gerade den Bürgerbewegungen der 1970er Jahre eine zukunftsoffene und zukunftszugewandte Mentalität zugrunde lag, die eben verhindern wollte, daß solche Befürchtungen auch nur in den Bereich des Möglichen gelangen, mag denen, die dabei gewesen sind, nun wahrlich keine neue Erkenntnis sein, doch in Zeiten, in denen Jüngeren vermittelt wird, die „Generation 68“ habe diesen Staat an den Rand des Zusammenbruchs geführt, kann es nicht schaden, gerade solche Zusammenhänge noch einmal zu beleuchten und zu verdeutlichen.
Da, wo sich einstmals als hundertprozentig abgegebene Prognosen als vollkommen unsinnig erwiesen haben, hat Radkau dann aber auch keine Hemmung, die Tatsache als solche zu benennen und durchaus auch dem Spotte preiszugeben. Da er seine Ergebnisse sprachlich zu gestalten, eine Balance zwischen unterhaltsamer Populärwissenschaft und durchaus tiefergreifenden Erläuterungen und Analysen zu halten versteht, macht es grundlegend Spaß, ihm auch zu folgen, wo er seine Parteilichkeit vielleicht nicht ganz zu verbergen weiß.
Jene Kapitel, die sich mit den Prognosen und Zukunftsaus- und -ansichten der 1950er, der 60er und 70er Jahre auseinandersetzen, sind deshalb so ansprechend, weil Radkau hier wie nebenbei eine kleine Geschichte der BRD gelingt, natürlich unter dem Aspekt der Zukunftsaussichten. Doch gerade der Vergleich mit dem tatsächlichen Geschehen erhellt etwas die Mentalität jener Jahre, in denen man ungern zurück, aber gern voraus in eine Zukunft schaute, die besser zu werden versprach. Man muß dem Autor wohl nachsehen, daß ihm nicht ähnlich erschöpfender Zugriff auf die Zukunftsgeschichte der DDR gelingen konnte. So werden die Entwicklungen in der DDR in einem vergleichsweise kurzen Kapitel gesondert und ansonsten parallel zu denen in der BRD abgehandelt, wobei Radkaus Fokus ganz klar auf Westdeutschland liegt.
Weniger spannend sind die späteren Kapiteln, die sich eher mit zeitnahen Problemen unserer Gegenwart beschäftigen – Migrationskrisen, Hunger, Klimawandel – und schnell ein wenig so wirken, wie Radkau dem Leser nun gerade 300 Seiten lang frühere Prognosen präsentiert hat: höchst fragil. Da das Buch noch Ereignisse aus dem Jahr 2016 kommentiert, liegt es natürlich auf der Hand, daß diese Überlegungen bei Weitem nicht mit der Genauigkeit und Kenntnisnahme der vorherigen ausgeführt wurden. Doch liest man das Einführungskapitel vorneweg, das nicht nur nützliche Einblicke in die Methodik und Herangehensweise Radkaus bietet, sondern auch notwendige zum Verständnis seiner Analyse, kann man anschließend ruhig nach Interesse vorgehen, da die Kapitel zwar Bezug aufeinander nehmen, dennoch gut für sich lesbar sind. Ein chronologischer Verlauf gerade in den ersten Abschnitten bietet allerdings ein besseres Verständnis historischer Zusammenhänge und eines fast schon mentalitätsgeschichtlichen Zugriffes, der dem Buch zusätzliche Spannung verleiht.
Ob Radkau da ein wegweisendes Werk gelungen ist? Die Zukunft wird’s weisen. Ein im Hier und Jetzt sehr gut lesbares Buch über Prognosen, Visionen und Irrungen in Deutschland nach 1945 ist ihm allemal gelungen. Soviel kann man jetzt schon sagen.
Einmal schreibt Radkau sehr komplex. Das hat es mir sehr schwierig gemacht seine Texte zu verstehen. Andererseits hat mir dieses Buch eine entscheidende Sache gelehrt: Zukunftsvisionen gehen selten auf. Ob uns nun die Roboter die Arbeitsplätze nehmen oder durch Insektensterben alle Wälder zugrunde gehen. Klar, in der aktuellen Situation gibt es viele Herausforderungen zu bewältigen um eine positive Zukunft für nachfolgende Gesellschaften zu schaffen ... Die Frage "was sein wird" beantworten wir dennoch oft falsch. Stattdessen sollten wir uns doch darauf konzentrieren, wie die aktuelle Lage wirklich ist und was wir tun können um die Dinge konkret, jetzt zu verändern. Das hat scheinbar tatsächlichen Einfluss auf die Entwicklung. Ein interessantes Beispiel der Geschichte Deutschlands: Viele Betriebe sahen sich in der Nachkriegszeit benachteiligt, da sie veraltete und teils zerstörte Maschinen besaßen. Aber statt "aufzugeben" und die alten Maschinen zu verwerfen, wurden die Maschinen restauriert, verbessert und weiterentwickelt. Das hat uns zum Teil aus einer schlechten Position in eine recht gute gerückt. Darauf können wir bauen. Damit können wir uns entwickeln.