Murata schreibt Schockliteratur, die man eher als Experiment betrachten muss, in dem Konsistenz und Logik keine Rolle spielen.
Ihre Figuren sind keine Subjekte, sondern stehen für ein System. Sie bilden gesellschaftliche Mechanismen ab, verkörpern Diskurse und erfüllen Rollen.
Um diesem Raster, in dem sie agiert, Ausdruck zu verleihen, verzichtet sie weitgehend auf Vermittlung.
Die Welt, in der das Buch spielt, wird ohne Übergänge gezeichnet. Eine Norm oder Ordnung muss hingenommen werden. Es gibt keine psychologische Entwicklung der meisten Figuren, die in einer Innerlichkeit nachvollziehbar wäre – jedenfalls nur andeutungsweise.
Ihre glatte, einfache Sprache verstärkt diesen Effekt. Sie möchte eine ästhetische Kälte erzeugen, die die dystopische Klarheit in ihrer Radikalität nicht zerstört. Daher erfahren wir kaum innere Widerstände der Figuren, sondern werden mit einer gegebenen Welt konfrontiert, die offensichtlich Individualität vernichtet und zu psychotischem, wahnhaftem Verhalten führen muss – und wir bekommen vor allem das Ergebnis dieses Prozesses zu sehen, nicht den Weg dorthin.
Eine Ausnahme stellt Amanes Entwicklung dar, insbesondere gegen Ende, die zumindest in Ansätzen und durch das, was sie erlebt, eine gewisse Prozesshaftigkeit durchläuft. Allerdings bleibt auch dies unvollständig.
Da Murata auf Verstörung setzt, den Tabubruch inszeniert und Realitätsverschiebung zum Prinzip erhebt, schert sie sich auch nicht um Logikfehler innerhalb der Trieb- bzw. Begehrensstruktur.
Wahrscheinlich setzt sie diese sogar bewusst, um den Verstörungseffekt auf die Spitze zu treiben.
Die Welt bleibt daher erschreckend unmotiviert. Für einen Leser, der gerne eine gesellschaftliche Entwicklung mitdenkt, ist das hart. Zumal Murata für einige der Entscheidungen und Argumentationen des Lebensstils in christlich motivierte Einheitsphantasien (Garten Eden) verfällt.
Auch die Mutter von Amane als „Trieb-Prophetin“ zu inszenieren, die eher über Effekt funktioniert, statt den Konflikt auszugestalten und zu reflektieren, grenzt für mich an formale Verantwortungslosigkeit.
Wer also reiner Dekonstruktion und Verrückungen bis zur Entmenschlichung in einem Buch folgen möchte und sich vielleicht durch die Schockmomente von symbolischer Last befreit fühlt, bekommt ein konsequent gearbeitetes, verstörendes Werk, das innerhalb seines Rasters gut funktioniert.
Für mich persönlich war das ein 1-Sterne-Read. Mich macht ein solcher Umgang mit Literatur regelrecht wütend. Da ich es als Hörbuch gehört habe und formal-ästhetisch kein Textmaterial habe, mit dem ich ausarbeiten könnte, warum die Form des Textes die fehlende Vermittlung nicht trägt – und auch keine Lust habe, es noch zu tun –, belasse ich es bei dieser Aussage.