Das Thema dieses Buches ist wirklich interessant. Ich finde die Diskussion wichtig, und beeindruckend, dass dieses Buch bei einem großen Publikumsverlag erscheint und gleichzeitig sehr fortschrittliche Ansichten zeigt.
Die Darstellung der Geschichte und Entwicklung der romantischen Zweierbeziehung ist sehr bereichernd, und auch Karigs explizite und ausführliche Schilderung sexueller Handlungen, ohne sie zu romantisieren oder tabuisieren, ist erfrischend.
Der Autor positioniert sich einige Male uneingeschränkt im Feminismus, was für mich überraschend und sehr positiv war. Karig argumentiert zugunsten der sexuellen Befreiung, die immer noch nicht selbstverständlich ist. Es war bestätigend und gleichzeitig lehrreich, wie Karig die gesellschaftlichen Erwartungen, Normen usw. hinterfragt und sachlich darlegt.
Letzten Endes kommt er zu dem überzeugenden Schluss, dass man frei wählen können sollte, und dass die Hinterfragung der Monogamie uns allen guttut. Es geht nicht darum, aus Streitlust anderen Menschen ihr gut funktionierendes Modell schlechtzumachen. Vielmehr können Unzufriedenheiten, die weit verbreitet sind, auf zwanghafte, das heißt unpassende und beengende, Monogamie zurückgeführt werden. In diesen Fällen kann es, wie Karig in Beispielen seiner Protagonisten zeigt, allen entgegenkommen, auf die eigenen Bedürfnisse zu achten und das Beziehungsmodell danach zu richten und nicht umgekehrt.
Zugegebenermaßen werden Leser*innen, die sich auch in anderen Bereichen bereits mit gesellschaftlicher Ungerechtigkeit und tradierten, aber überkommenen Normen auseinandergesetzt haben, diesem Buch leichter zustimmen können als Leser*innen, die sich hier zum ersten Mal mit unkonventionellen Ansichten beschäftigen. Durch den angenehmen, gut lesbaren und überzeugenden Schreibstil ist „Wir wir lieben“ jedoch generell empfehlenswert, auch als Einstieg in das Thema.
Es ist verständlich, aber doch schade, dass die Diskussion und die Beispielgeschichten in diesem Buch sehr heteronormativ sind. Alle Protagonisten bis auf das letzte Beispiel sind offenbar heterosexuell und nicht an gleichgeschlechtlichen Beziehungen interessiert. Wünschenswert wäre zumindest einmal die Erwähnung von Bisexualität gewesen, da einige der Protagonisten offensichtlich sexuelle Anziehung zu mehreren Geschlechtern ausleben.
Leider wird in diesem Buch der Reiz einer "offenen Beziehung" nur mit dem Wunsch eines oder beider Partner begründet, mit einer anderen Person Sex zu haben. Es wird zwar auch generell argumentiert, dass die Öffnung einer Beziehung leichter zur Befriedigung aller Bedürfnisse dient als Zweisamkeit, doch dies wird nur am Beispiel des sexuellen Kontakts gezeigt.
Durch die nicht gegebene Hinterfragung dieser allosexuellen und zwanghaft sexuellen Annahme hat sich der Autor die Chance genommen, alle Leser*innen verschiedener Orientierungen anzusprechen. Als nicht-heterosexuelle*r Leser*in lebt man in diesem Buch in einem Paralleluniversum, das zwar interessant und exotisch ist, aber nicht der eigenen Lebenswirklichkeit entspricht und sich demzufolge in Aussagen wie „alle Menschen wollen Sex“ explizit distanziert.
Immer wieder haben die Protagonisten in diesem Buch die feste Regel, Sex mit anderen sei okay, Liebe jedoch nicht. In dieser Hinsicht hätte ich mir mehr Offenheit, seitens des Autors, für polyamore Beziehungen gewünscht. Zum Glück werden diese zumindest einmal erwähnt (wie auch asexuelle Personen), wofür ich dem Autor dankbar bin. Aber besonders für Menschen, die sich nicht oder nicht nur für Sex mit anderen interessieren, kann das Konzept Polyamorie, also ernsthafte und ggf. liebevolle Beziehungen mit mehr als einer Person, sehr nützlich sein. Davon ist nur kurz in diesem Buch die Rede, und die meiste Zeit geht es um Sex – was auch löblich ist, gerade da der Autor das Thema sehr offen und positiv behandelt, was immer noch eine Rarität in den Medien ist.
Insgesamt ist "Wie wir lieben" als aktuelle, soziologisch orientierte Diskussion von romantischen und sexuellen Beziehungen empfehlenswert. Wer allerdings mehr über psychologische Erklärungen und queere Beziehungsmodelle (die meiner Meinung nach definitiv unter den Titel "Wie wir lieben" fallen!) erfahren möchte, ist bei diesem Buch, vielleicht naturgemäß, nicht an der richtigen Adresse. Trotzdem ist es unterhaltsam und interessant zu lesen, ein Gewinn an Perspektiven und Stoff zum Nachdenken und Hinterfragen der eigenen Einstellungen.