Als Europas Herrscher eine große Familie waren - das schwungvoll erzählte Panorama einer Zeit, die sich uns faszinierend fremd und doch seltsam vertraut darstellt. Ein eigenartiger Kontinent ist das Europa der Könige: Hier kann ein König von England, der kein Englisch spricht, auf die Idee kommen, die Pläne eines kein Spanisch sprechenden Königs von Spanien zu durchkreuzen, indem er dem kein Polnisch sprechenden König von Polen anbietet, König von Sizilien zu werden. Hier residiert die Macht in überfüllten Schlössern, deren Höflings-Bewohner sich den ganzen Winter über um das Recht streiten, in Gegenwart der Königin auf einem Hocker sitzen zu dürfen, bevor sie im Sommer losziehen, um an der Spitze knallbunt uniformierter Truppen direkt in das Musketenfeuer der Kriegsgegner hineinzumarschieren. Hier lebt eine Gesellschaft, in der ein Edelmann, der erst mit dreiundzwanzig Jahren feststellt, keinen Vornamen zu haben, weniger auffällt als einer, der seine Frau mit ihrem Vornamen anredet. Hier schart sich der höfische Adel um Herrscher, die in einem dichten Netz aus diplomatischen Beziehungen, Intrigen und Verschwörungen gefangen sind: Nationalität und Ideologie sind ihnen nichts, die eigene Dynastie dagegen alles. Leonhard Horowski führt uns kenntnisreich und unterhaltsam durch untergegangeneWelten, deren Bewohner er auf die Schlachtfelder des Krieges wie auf die der Heiratspolitik begleitet; er folgt Edelleuten und Prinzessinnen durch labyrinthische Palast-Korridore und sieht zu, wie mit Duellen und Zeremonien Politik gemacht wurde. Er zeichnet ein schillerndes Porträt des Adels in jener Epoche, als er noch keine natürlichen Feinde kannte - im Europa der Könige, das an sich und seinem dynastischem Denken schließlich gescheitert ist.
Ich wollte nur kurz ins PDF hineinsehen, dann wollte ich es ganz lesen, im Glauben, es seien vielleicht 300 Seiten. Erst am nächsten Tag wurde mir klar, dass das Buch 1119 Seiten hat. Aber da war es zu spät zum Aufhören.
Für die nur vier Sterne kann der Autor nichts; das Buch hätte nicht besser und lustiger sein können. Ich hatte nur Schwierigkeiten, die ca. 700 Protagonisten auseinanderzuhalten und werde mit dem fünften Stern auf die Verfilmung warten müssen (Serie in nicht unter zehn Staffeln).
Von dem Werk von Leonhard Horowski „Das Europa der Könige“ habe ich einen sehr guten Eindruck gewonnen. Ich habe es gerne gelesen und empfehle es auch gerne weiter. Es gibt 20 Kapitel auf ca. 1017 Seiten verteilt. Mal sind es 23 S. (Kap. 1), mal sind es 80-90 S. (Kap. 19-20). Zum Vorwort (10 S.) und Epilog (8 S.) kommt ein üppiger Anhang, darin kurze Beschreibung der Feudal- und Amtstitel (4 S.), der wichtigsten männlichen und weiblichen Hofämter (4 S.). Nachweise der Quellen und Literatur gibt es nach Kapiteln unterteilt (20 S.), gefolgt vom Nachweis der Bildquellen (5 S.), kurzem Dank und Namensregister auf 32 S. Sehr schön, dass Horowski gleich zu Anfang seine Gedanken über das Wie der Geschichtsschreibung mit seinen Lesern teilt, S. 51-53. Er spricht unter anderem „das Problem der Idee von relevanter und irrelevanter Geschichte“ an und erklärt anschaulich, warum es problematisch ist, die Geschichte unter diesem Blickwinkel zu betrachten. Vor diesem Hintergrund wird es klar, warum er „Das Europa der Könige“ in einer Art von Essaysammlung dem Leser präsentiert. Abgesehen davon, dass diese Erzählform eine eher ungewöhnliche Herangehensweise an die Schilderung der vergangenen Ereignisse darstellt, denn von einer bloßen Nacherzählung der Quellen ist das Ganze Lichtjahre entfernt, vermittelt sie mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und Dichte die Inhalte, für die man sonst etliche Bänder hätte durcharbeiten müssen. Man bekommt detaillierte Einblicke in nahezu alle Bereiche des damaligen Lebens der (Hoch-) Adeligen in Europa, mit etlichen Beispielen untermalt. Liebe, Erotik, die allseits bekannten Liebschaften parallel zur Ehe insb. bei den Königen und ihren Mätressen, der Ehebruch und seine Folgen für Niederadeligen, Ehe/Familienleben, Kinderkriegen, etc. kommen in mehreren Kapiteln in unterschiedlichen Kontexten zur Sprache, denn bei den Herrschaften des blauen Blutes geht es gleich um ein beachtliches Vermögen, gesellschaftliche Stellung, Machtanspruch. Der Autor weist auch auf den Wandel hin, der sich im Laufe der Zeit vollzog, z.B. was die Ehe oder Stellenwert von Sex angeht. Hochadel hat vorzugweise in der Familie geheiratet: ein Onkel seine Nichte, Cousins ersten Grades als Mann und Frau gab es oft. Die Ehen waren immer arrangiert und oft unter Kindern und Minderjährigen geschlossen. Auch zum Thema Krieg und Frieden gibt es hunderte von Seiten voller spannender Ausführungen, denn schon allein Frankreich hat etliche Kriege vom Zaun gebrochen, weil sich Ludwig XIV als Herrscher des Kontinents anschickte. Weiter im Osten wird ein nicht zu enden wollender Krieg zwischen Russland und dem osmanischen Reich geführt. Ab 1711 wird auch aktiv nach Russland geheiratet. Der Autor liefert auch eine recht plausible Erklärung, warum und was sich die europäischen Herrscher davon erhofft haben. Man kann mit den Ausführungen einverstanden sein, was bei den Darstellungen geschichtlicher Ereignisse keine Seltenheit ist, oder auch nicht ganz, aber es ist eine spannende Sicht der Dinge, die es zweifelsohne wert ist, sie kennenzulernen. Eine Bereicherung des bereits vorhandenen Wissens ist es auf jeden Fall. Es ist schon besser, wenn man Vorkenntnisse mitbringt, um in vollen Genuss des Werkes zu kommen, denn den Ausführungen liegt so ein fundiertes Wissen der Materie zugrunde, dass sie für Einsteiger wie böhmische Dörfer vorkommen können. Der Text ist schon recht dicht, im direkten und übertragenen Sinne des Wortes.
Horowski beweist sich auch als ein vorzüglicher Unterhalter: Sein Narrative, oft leicht ironisch, der sich wie ein gutes Gespräch unter Freunden liest, bereichert er mit anderen Erzählformen, die das Ganze prima auflockern: Mal gibt es nachgeahmte Dialoge der adeligen Kontrahenten, mal sind es Szenen, die auch recht bekannte Figuren, wie Ludwig XIV, von einer sehr ungewöhnlichen und sehr persönlichen Seite zeigen, mal spricht der Autor den Leser direkt an und leitet ihn zum nächsten Thema. Das Lesen erfordert gewisse Konzentration, denn oft springt die Erzählung rein assoziativ zum anderen Thema oder anderem Adeligen und seiner Vorgeschichte/seiner Dynastie und den dort herrschenden Verhältnissen rüber, oder zur anderen Zeit, denn der Autor stellt auch gerne Vergleiche auch mit der heutigen Politik an. Aber einmal reingekommen, kann man nicht so leicht aufhören. Wer es gewohnt ist, die Bücher beim Lesen in den Händen zu halten, muss mit 1324Gr rechnen. Das Buch liegt aber gut in der Hand und lässt sich insg. prima lesen. Das im Titel Versprochene bekommt man auf jeden Fall und noch viel mehr geliefert: Die einleuchtende Beschreibung des Werte- und politischen Systems, der Beweggründe, der verzwickten familiären Verbindungen und die daraus folgenden Handlungsmotive der Adeligen zunächst am Beispiel des Lebens am Hof des Ludwig XIV und später einigen anderen wird bildhaft vor Augen geführt. Man erhält tiefe Einblicke wie umfassenden Überblick, wie das Leben im Europa der Könige war. Manche Figuren kommen mehrmals vor, wenn sie z.B. wie Grumbkow eine beachtliche Karriere hingelegt oder eine beachtliche Rolle in der Geschichte gespielt haben. Und es ist auch spannend zu sehen, wie sie sich im Laufe der Zeit entwickelt haben. Dabei kann es mit der Karriere den Berg hinauf oder hinab, oder mehrmals rauf und runter gegangen sein. Das Buch ist schön gestaltet: Fester Einband, Umschlagblatt, Lesebändchen farblich auf den Titel und den Rücken des Umschlagblattes abgestimmt. Im Buch gibt es etliche Fotos der Portraits der Adligen. Sie kommen in 4 Blöcken von 4-5 Seiten, gleichmäßig im Buch verteilt. Manchmal sind es 3 Abbildungen, manchmal eine große pro Seite, ein kurzer begleitender Text ist immer dabei. Vorne und Hinten am Einband gibt es zwei Stammtafeln, die die familiären Verbindungen der königlichen Familien, samt Lebensdaten jedes einzelnen Mitglieds, präsentieren.
Fazit: Ein tolles, informatives, absolut lesenswertes Werk. Ein Muss für alle Geschichteliebhaber. Als Geschenk zum Geburtstag oder zu einem anderen Anlass sehr gut geeignet. Fünf wohl verdiente Sterne.
Wunderbar umfassendes und witziges (!) Sachbuch, was auf gut 1000 Seiten nicht einfach ist. Aber dieses unfassbar detaillierte Werk, das gleichzeitig unsere Ideen zu Geschichte und Weltsicht in Relation setzt, ist wirklich stellenweise zum Schreien komisch und dabei trotzdem nie schwachbrüstig. Was wir heute als normal ansehen ist, wie jeder Geschichtsinteressierte weiß, nur das was wir eben HEUTE als normal empfinden, und genau das macht der Autor immer wieder in schön platzierten Bemerkungen klar. Gleichzeitig setzt er vieles aus der Geschichte des 17./18. Jahrhunderts in Bezug zu späteren Entwicklungen, was das Ganze mMn noch mehr aufwertet. Einzig die Kapitel, die sich über Dutzende Seiten mit einer einzigen Schlacht auseinandersetzen waren nicht mein Fall, da ging sogar meine Liebe zum Detail baden. Aber da man dieses Buch auch gut einfach kapitelweise lesen kann, darf man auch gerne ein Kapitel nur überfliegen oder auslassen. Große Leseempfehlung für lange Wochenenden!
Das Buch ist großartig geschrieben und trotz der Fülle an Informationen habe ich den Überblick behalten. Die 1000 Seiten sind natürlich schon etwas anstrengend (vor allem wenn man die gedruckte Ausgabe in der Hand hält), aber da es einzelne Kapitel gibt, kann man es auch mal aus der Hand legen. Besonders die amüsante und leicht ironische Art, wie „trockene“ historische Fakten formuliert und dargestellt werden, ist großartig und fünf Sterne wert.
Es macht großen Spaß zu lesen, weil der Autor viele interessante Geschichten und Anekdoten nebst einem gigantischen Fachwissen hat. Zudem hat der Autor einen wirklich herausragenden Schreibstil. Allerdings erschlägt einen der Umfang. Den Überblick über die einzelnen Personen und deren Beziehungen hat man sowieso nach kürzester Zeit verloren und auch ansonsten hätten 600 Seiten dicke gereicht. Aber man kann ja einfach aufhören, wenns einem reicht.
Ein grandioses, farbenfrohes und humorvolles Panorama eines vergangenen Europas. Eines Europas in dem Religion nicht mehr und Ideologie noch nicht den Lauf der Politik bestimmte, wie der Autor treffend schreibt. Große Leseemphelung! Einziges Manko, ist die manchmal etwas ausufernde Länge der Kapitel.
Ich habe über ein Jahr gebraucht, dieses Buch fertig zu lesen, aber es war es wert! Ein großartiges Buch, das mit unglaublich viel geistreichen Humor die Verstrickungen des europäischen Hoflebens schildert. Ein absolutes Muss für jeden Geschichtsinteressierten.