Band Eins war ein extrem harter Hard-boiled-Thriller, der über mindestens ebenso extremen Witz verfügte - er führte den Leser in die zugegeben etwas seltsame Welt des Südstaatenstädtchens Niceville ein, wo erstaunlich viele Menschen zu verschwinden pflegen, was erstaunlich wenige Menschen sonderlich aufzuregen schien. Doch die Vorkommnisse - ein brutaler Bankraub, Industriespionage, ein verschwundenes Kind – waren dann selbst für solch einen hartgesottenen Ort wie Niceville zu viel. Etwas kam in Bewegung und einige spürten das schon damals.
Band Zwei vertiefte dem Leser die mysteriösen Vorgänge vor Ort und auch die Charaktere des führenden Personals. Die Geschichte nahm nicht nur an Fahrt auf (obwohl das Tempo von Teil Eins schon rasant war), sondern gewann auch an Sinn und Bedeutung. Konnte man Band Eins vorwerfen, manchmal allzu sehr in seinem zynischen Witz zu baden, erging sich Band Zwei manchmal zu arg in den Untiefen des Mystery Thriller. Der nun vorliegende, die Erzählung abschließende Band Drei führt nicht nur die losen Enden zusammen, sondern es gelingt ihm auch, die Vorteile seiner Vorgänger zusammen zu führen und daraus einen würdigen Abschluß der Trilogie zu flechten.
Der Witz des ersten Bandes und die den Topos des „what lies underneath“ sehr ernst nehmende Erzählung des zweiten Bandes, werden von Autor Carsten Stroud nun zu einem manchmal arg bizarr anmutenden Potpourri amerikanischer Mythologie verquirlt, das trotz des Geschmacks eines extrem scharfen Chili, der Farbe frisch vergossenen Blutes und dem Personal einer Geisterbahn (im wahrsten Sinne des Wortes) zu einer großen Erzählung über die Verfasstheit des Landes, das kollektive Unterbewusste seiner Bevölkerung und den Umgang mit der eigenen Geschichte mutiert.
Die Story im Einzelnen wiederzugeben, ist nahezu unmöglich. Angesiedelt an einem Wochenende, werden auf drei Ebenen die in Band Eins und Zwei ausgelegten Spuren und Stränge aufgegriffen, teils zusammengeführt, wodurch der Leser endlich erfährt, was es mit Niceville und seinen Geheimnissen nun wirklich auf sich hat, teils werden sie aber auch separat behandelt, berühren sich die Geschichten nur marginal und sind am ehesten dadurch verbunden, daß die Ereignisse der einen Ebene sich indirekt auf die der nächsten Ebene auswirken. So haben die Band Eins dominierenden Gangster und ehemaligen Cops, die einen ultrabrutalen Überfall auf einen Geldtransporter begehen, eben nur indirekt mit den Geschehnissen um Crater Sink, den wieder auferstandenen Charlie Danzinger und den im Körper eines 13jährigen hausenden Dämon zu tun. Allerdings begreifen wir nun, wieso Männer, die in Band Zwei als ehrlich, aufrecht und gesetzestreu bezeichnet werden – so der ehemalige Scharfschütze Coker – uns in Band Eins als grausame und vollkommen skrupellose Killer begegnen. Denn – so viel sei verraten – in Niceville ist vorübergehend kaum wer Herr seiner Sinne, einige sind es schlicht gar nicht mehr, andere haben probate Mittel gefunden, die „Stimmen im Kopf“ zumindest zu übertönen – Chopin zum Beispiel hilft…
Wo Cormack McCarthy seine Weltuntergangsphantasien meist in heiligem Ernst vorträgt und Pete Dexter gern in einen trockenen Sarkasmus verfällt, um seine sozial- und gesellschaftskritischen Romane nicht zu didaktisch wirken zu lassen und seinen manchmal etwas gedehnten Stories den nötigen Schmiss zu verleihen, wirkt Strouds Schreiben erstmal bunt, brutal und comichaft bis zur Hysterie. Er spielt ungeniert mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln und Klischees, lässt seine Protagonisten Sätze wie aus den allerbilligsten B-Movies der 40er und 50er Jahre aufsagen, treibt die Handlung mit einem Tempo voran, wie man es ebenfalls von plattesten Splatterfilmen erwarten würde, die ihre Logiklöcher mit andauerndem Krachen, mit Rauch und Explosionen und ununterbrochenem Spektakel zu übertünchen suchen. Doch sollte man die ganze Angelegenheit nicht unterschätzen oder gar abtun.
Stroud weiß genau, was er tut und er weiß genau, wo er seine Leser haben will. Und er weiß, wie er sie da hinbekommt, sie bei der Stange hält und dennoch subversiv lauter Themen und Aspekte der amerikanischen Gegenwart einfließen läßt, die ihm offenbar auf den Nägeln brennen. Ohne ins Detail zu gehen, wo man einfach zu viel verraten würde, kann man durchaus sagen, daß es für Stroud ganz offensichtlich ist, daß eine Gesellschaft, die ihre Schuld verdrängt, die sich ihrer Geschichte nicht bewußt ist und die sich dem Offensichtlichen nicht stellen will, dazu verdammt sein wird, sich selbst zu zerfleischen. Daß er in seiner Mixtur moderne Gangsterstory auf romantischen Grand Guignol, Jugenddrama auf Industriespionage, den Hard-boiled-Thriller auf die klassische Geistergeschichten treffen und das Personal eines Stephen-King-Romans im Format des Groschenheftchens (wo manche es sowieso verorten) auftreten lässt, sollte man keinen Moment lang als Parodie oder gar Abwertung begreifen, sondern sich schlicht vor Augen führen, daß die amerikanische Kultur im Kern immer eine des ‚Pulp‘ und durchaus stolz darauf war. So, wie im Blues und Jazz – originären amerikanischen Musikformen – das „Klauen“ einzelner Phrasen zum guten Ton gehört, weil man gerade so den Großen seine Referenz erweisen kann, so nutzt Stroud das Füllhorn der amerikanischen Literatur und Populärkultur nicht nur, um seinen Gruß an die (berühmteren) Kollegen zu entrichten, sondern er versteht es eben nahezu perfekt, aus diesen Zutaten das zu destillieren, was die U.S.A. heute ausmacht. Es waren immer die Genrewerke – egal ob Film oder Literatur – die die besten, weil lebensnahsten Analysen der amerikanischen Gegenwart lieferten. Stroud erzählt mit vulgären Mitteln aus einer vulgären Gesellschaft, die sich (großteils) einer vulgären Kultur hingibt. Seine Mittel, sein Stil und sein Wille zum Genre sind absolut kohärente Mittel zum Zweck. Und das Urteil, daß der Autor über dieses Land, seine Gesellschaft und seine Kultur fällt, ist vernichtend.
Es wurden vereinzelt Stimmen laut, das Ende, die Auflösung des dritten Bandes würde den Erwartungen nicht gerecht, sei zu unaufregend, ja, man habe mehr erwartet, Geheimnisvolleres, Aufwendigeres. Nun soll hier keinesfalls auch nur irgendetwas verraten werden – wobei sich mancher durch die Hinweise in Band Zwei durchaus schon ausgerechnet haben mag, wohin die Reise führt – , doch sei angemerkt, daß die Lösung so, wie sie nun ist, brillant gewählt wurde. Das, was alle möglichen sehr gegenwärtigen Probleme – Geldflüsse und die Wäsche derselben, die nun schon mehrfach erwähnte Industriespionage, Pubertätsprobleme Heranwachsender und Eheprobleme gelangweilter Kleinstädter – extrem klein, unwichtig und nichtig erscheinen läßt, ist älter als alles, was diese Probleme verursacht, ist stärker und mächtiger, als die dickste Wumme und es ist gnadenloser als Coker und Charlie Danzinger es in einer Person wären. Es ist vor allem nicht menschlich und also jenseits von Gut und Böse und somit menschlicher Moral enthoben. In einer Gesellschaft, wie Stroud sie beschreibt, wirkt das Auftauchen von etwas per se Amoralischen nicht nur wie ein Treppenwitz der Geschichte, sondern es stellt das Personal des Buches, ergo die Bewohner der Südstaatenkleinstadt Niceville, vor existentielle, vor wesentliche Probleme. ‚Niceville‘, was so viel bedeutet wie ‚Netthausen‘ oder „Schönburg“, sieht sich selber als amerikanische Musterstadt, alles ist an seinem Platz, mit fünf, sechs „alten“ Familien hat man auch die nötige historische Vertiefung, und die Dinge des Lebens laufen in gemächlichem Tempo vor aller Augen ab; was nicht passt, wird unterdrückt oder verdrängt. Umso schlimmer, wenn Verdrängtes oder Unterdrücktes plötzlich machtvoll an die Oberfläche steigt, sich sichtbar macht. Oder – um im „Sound“ des Romans zu bleiben – in die Köpfe der Menschen eindringt und dort insofern verheerend wirkt, als daß es nicht nur die tollsten Ideen fördert, sondern auch einen von Stroud als dem amerikanischen Wesen eigen definierten Hang zur Gewalt. Allerdings – das muß Stroud sich dann als Kritik doch gefallen lassen – geht die Geschichte so gut wie gar nicht auf die Rassenkonflikte ein, die es gerade in einer Stadt, die man wohl im südlichen Alabama oder nördlichen Louisiana verorten muß, zuhauf gäbe.
Doch selbst das kann man als subversives Element verstehen: Eine Nation, die in ihren Sonntagsreden gern darauf abhebt, ein ‚melting pot‘ zu sein, das gelungene Experiment eines Vielvölkerstaates, die ansonsten aber gern Gettoisierung betreibt und mit Minderheiten (selbst wenn sie keine mehr sind) niemals zimperlich umgegangen ist, wird hier in ihrer vollkommen falschen, weil blauäugigen Selbstwahrnehmung entlarvt. Zugleich zeigt Stroud, daß man keinesfalls, niemals, auf das „alte“ Wissen, daß Rüpel wie der momentan den amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf aufmischende Donald Trump so gern verächtlich abtun und mit Füßen treten, wird verzichten können. Wenn einige Bewohner der Stadt – schließlich viel mehr, als es die Helden des Romans und der Leser je ahnten – ein Summen im Kopf sich zu Worten, ja Befehlen verdichten spüren, dann will Stroud seine Landsleute sicherlich nicht von Eigenverantwortung freisprechen, sondern er macht sich – indem er sich des Verschwörungstopos´/klischees der „Stimmen im Kopf“ bedient, oft gepaart mit der Vorstellung, geheime Dienste hätten den Betreffenden Chips in den Kopf gepflanzt – sowohl darüber lustig, wie die Amerikaner selbst noch im Angesicht des Offensichtlichen versuchen, die Augen (aka die Ohren) zu verschließen, warnt aber ebenso davor, wie leicht es ist, auf „fremde“ Stimmen im eigenen Kopf zu hören und zu welch fürchterlicher Gewalt es führen kann, wenn man dazu bereit ist.
Das alles läßt sich gut aus Strouds Romantrilogie, die mit jedem Band komplexer und vielschichtiger und damit auch tiefsinniger wird, herauslesen. Es geht aber auch anders: Man könnte auch sagen, daß Carsten Stroud ein hinreißender, temporeicher Megathriller aus all den Versatzstücken des Actionkinos und -romans gelungen ist, die der gemeine Konsument dieser Filme und Literatur eben genau so liebt. Und deshalb sollte man sich die drei Bände einfach (noch mal) vornehmen und sich einige vergnügliche Stunden ins gefährliche Niceville entführen lassen, um anschließend das alltägliche Leben in einer alltäglichen, durchschnittlichen Großstadt Mitteleuropas zu genießen, wo „sowas“ ja zum Glück nie passieren könnte…niemals vorkommt…nie…niemals…