Nun da sich Werfels Tod gerade erst zum 81. Mal jährte und bald auch sein 136. Geburtstag ansteht, habe ich eine weitere seiner Geschichten gelesen. „Kleine Verhältnisse“ schildert die Verwirrungen des elfjährigen Knaben Hugo, der in der Geborgenheit einer gutsituierten Familie aufwächst und durch seine neue Erzieherin, Erna Tappert, erfährt, was es heißt, aus kleinen Verhältnissen zu stammen und sich als junge Frau ein bisschen Liebe und Vergnügen zu gönnen.
Den Begriff „kleine Verhältnisse“ lernt Hugo erst gegen Ende des Buches kennen, als er (Achtung Spoiler!) von seiner Mutter für die zur Abtreibung genötigte Erna Hilfe erbittet, wobei er die Schwierigkeiten, in denen Erna steckt, nicht benennen und nur erahnen kann.
Durch Erna tritt er davor in eine Welt ein, die bislang außerhalb der Wahrnehmung dieses behüteten Knaben war. Er versucht die Treffen zwischen Erna und dem Offizier Zelnik und später dem Konzipisten Tittel in das einzuordnen, was er in Büchern gelesen hat, doch kann er das Gelesene mit dem Gesehenen und Gehörten nicht in Einklang bringen. Überhaupt die Wörter. Sie sind seine eigentliche Welt. „Er liebte es sehr, wenn Zelnik die strammen Ausdrücke des Dienstes in seine Rede flocht. Dann prägte er diese Worte seinem Gedächtnis ein wie etwas Kostbares und Vornehmens, dessen Gebrauch auszeichnet.“
Die Sprache ist für den Knaben ein Reich, das ihm erlaubt, sich auszutoben mit erfundenen Geschichten, die er Erna vorträgt, mit linkischen Gedichten, die er niederschreibt. Hugo ist unschwer als das Kind zu erkennen, das Franz Werfel einst in Prag war und der uns nun in diesem Buch mit Ausdrücken wie das „lichtzerklirrende Spiel eines Springbrunnens“ beglückt oder einen Leichenwagen schildert, der „von Quasten und Draperien umschlottert“ ist.
Warmherzig zeichnet Werfel seine Zeit zwischen Kindheit und Jugend nach, als die „kleinen Verhältnisse“ für ihn Gestalt annehmen, zuerst, ohne den Begriff zu kennen, durch den Besuch in Erna Tapperts Zuhause und dann durch die Erklärung seiner Mutter, dass Erna nicht arm sei, sondern in kleinen Verhältnissen lebe. „Er lehnte sich zurück und richtete den Sinn auf dieses Wort. Mit Frau Tapperts Wohnung also war die Welt nicht zu Ende. Hugo sah deutlich eine schier endlose Zimmerflucht vor sich. Und Erna entfernte sich, indem sie langsam von Kammer zu Kammer schritt. Die Türen […] wurden immer ärmlicher und niedriger. […] Vielleicht war der letzte Raum die Totenkammer.“
Eine inhaltlich zum Nachdenken anregende und sprachlich zum Genießen einladende Erzählung.