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Nichts bleibt

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Franz Mathys ist Kriegsfotograf. Eines seiner Fotos wurde mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet. Doch er hat tiefe Zweifel und Schuldgefühle, denn er profitiert von dem Leid anderer. Mathys spürt, dass sein Leben ihm mehr und mehr entgleitet. Er zieht sich auf einen abgeschiedenen Hof im Wald zurück. Lebt dort mit seinem Vater und seinem Sohn, kommt zur Ruhe und verliebt sich. Doch die Idylle trügt. Eines Nachts schlagen zwei Männer seinen Vater brutal nieder und er muss schwer verletzt ins Krankenhaus gebracht werden. Mathys will die Täter finden. Der immer stärker werdende Wunsch nach Rache und die Suche nach den Männern entfremden ihn von den Menschen, die er liebt. Wird er nun alles verlieren?
In einem zerklüfteten Tal in den Alpen trifft er eine einsame Entscheidung, die sein Leben kosten kann.

Willi Achten lotet die Abgründe der menschlichen Psyche aus.

283 pages, Kindle Edition

Published February 10, 2017

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Willi Achten

9 books

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September 23, 2017
In der Nachspielzeit des Lebens. „Nichts bleibt“ von Willi Achten

„Vor den Menschen, vor ihnen muss man Angst haben, immer.“ Dieses Zitat aus Célines „Reise ans Ende der Nacht“ ist Willi Achtens Roman „Nichts bleibt“, erschienen 2017 im Bielefelder Pendragon Verlag, vorangestellt. Und wirklich: Vor den Männern, die wenige Seiten später Franz Mathys' greisen Vater zum Pflegefall prügeln und seinen Hund erschießen, muss man sich fürchten. Sie sind Archetypen des Bösen, bleiben skizzenhaft, angedeutet, blutdurstige, sadistische Bestien. Mit ihnen bricht das Böse in Mathys' Leben ein. Ein Böses allerdings, mit dem er lange geliebäugelt hat: Die Romanhandlung ist durchsetzt von Episoden aus Mathys' Leben als Kriegsfotograf, Srebrenica, Somalia, Sudan. Diese Schilderungen sind nichts für schwache Nerven, schwindelerregend in ihrem schmerzhaften Detailreichtum. Nein: Mathys' Welt ist keine leichte, fröhliche, lebensfrohe. Mit Vater und Sohn bewohnt er ein Haus im Wald, eine karge, einsame Männerwelt, in der lediglich von der kindlichen Neugier des „Jungen“ und den Besuchen von Mathys' Freundin Karen menschliche Wärme ausgeht.
Nach dem Überfall auf ihren Vater beschließt die Hauptfigur schnell, den Tätern auf die Spur zu kommen, sie gemeinsam mit ihrem Kumpanen Noethen zu jagen, sich zu rächen. Auch vor Mathys muss man sich also ein wenig fürchten: ein schroffer, schwieriger Typ, der Pech hat und der das Pech anzieht. Von Anfang an ist eine Atmosphäre des Verlustes angelegt, und als mehr und mehr Quellen von Menschlichkeit und Sinn wegbrechen, schlittert der Sturkopf Mathys scheinbar unaufhaltsam auf einen Punkt zu, an dem „nichts bleibt“ und das Verlangen nach Rache einziger Antrieb ist.
So weit, so düster. Im Stil einer klassischen Tragödie ist das Desaster früh angelegt, durchweht es die Handlung von Beginn an. Gleichwohl liegt eine entscheidende Doppeldeutigkeit im Titel von Willi Achtens Roman: Denn natürlich handelt dieser einerseits von einem Mann, dem nichts bleibt, dem jeder Sinn abhanden gekommen ist, der „aus der Zeit gefallen“ ist: „Warten kann eine Qual sein. Die Zeit, in der es nicht mal mehr ein Warten gibt, ist qualvoller.“ Nachdem alles, worauf zu warten sich lohnen würde, weg ist, bleibt lediglich eine „Nachspielzeit“.
Dabei entdeckt Achten aber ebenso ein Nichts, das bleibt, hinter dem Verlust – hinter dem Sinn. Dies scheint in den skalpellscharfen Naturbeobachtungen auf. Achtens Schreibe ist Chirurgieprosa. Er nimmt sich alle Zeit, die er braucht (immerhin 374 Seiten umfasst das Werk), um Flora und Fauna des Waldes und der Berge, die Taubenzucht, den Wechsel der Jahreszeiten detailreich, aber nie schwatzhaft auszubreiten. Gerade in den „Bergetappen“ des Romans ragt ein außerordentlich stark beschriebenes Naturpanorama über der Handlung, das der kochenden Wut Mathys' erstaunlich indifferent gegenübersteht. Keine Spur von der anthropomorphen Umwelt, die anderswo das Innere spiegelt, von Stürmen, die das Morden vorwegnehmen, oder langen Regenfällen, die den Spätherbst der Seele reflektieren. Achtens Natur ist eine eigenständige, raue, aber kraftvolle, vielleicht irgendwie sogar herzliche Welt.
Im Kern ist Achtens Buch eine Meditation über die Zeit und das Nichts. Die vergehende Zeit, die immer wieder innehält, Rekurs nimmt auf das Vergangene, „das Glück“. Die Zeitebenen durchmischen sich fortwährend. Die Zeit ist hier ein Fluidum, in sich gekrümmt und verschachtelt, auch wenn sie verfließt. Erst im kurzen letzten Buchteil – paradoxerweise, als Mathys schon „aus der Zeit gefallen“ ist – nimmt die Zeit Fahrt auf, spitzt sich auf einen Fluchtpunkt hin zu. Interessanterweise macht dieses Spiel der Zeit „Nichts bleibt“ erstaunlich leichtfüßig. Leicht, beinahe schwindelig wird einem zumute ob der von Beginn an spürbaren Tragödie, die sich unaufhaltsam ihren Weg bahnt – schwindelig wie beim Blick in die Tiroler Bergschluchten auf den letzten Buchseiten. Die elegische Handlung aus dysfunktionalen Beziehungen und ungünstigen Zufällen bekommt sozusagen den Charakter eines Spiels, eines Schauspiels auf einer Bühne aus belebtem Wald und schroffen Felsen, einer gewissermaßen planetaren Zeit, die, das spüren wir, Mathys aushalten kann – und selbst das Böse. So ist Willi Achtens Roman ein Eintauchen in dieses doppelte Nichts – das Nichts als Negativum, Verlust, Leere, Sterben, die unveränderliche conditio humana, in das wütende Aufbegehren dagegen; und das Nichts als die offene, indifferente Bühne des Lebens, als die zeitlose Zeit, die bleibt, auch wenn alles Menschliche zugrunde geht.
Mit dem Label „Krimi” ist dem Buch freilich nicht gedient. Ein Psychothriller könnte es sein – aber dafür fließt die Handlung vielleicht zu elegisch voran. Psychogramm von einem, der alles verloren hat. Eine klassische Tragödie in modernem Prosagewand. Poetische Naturbeobachtung plus Familiendrama. Oder einfach – wunderbare Literatur.

Willi Achten, „Nichts bleibt“. Erschienen 2017 im Pendragon Verlag, Bielefeld. 374 Seiten, 17 Euro.
1 review
October 2, 2017
FEINFÜHLIG & SPANNEND.
Der gerade erschienene Roman „Nichts bleibt“ des Aachener Schriftstellers Willi Achten ist eine echte Überraschung. Als Krimi vom Verlag ausgewiesen, sprengt er die Grenzen des Genres. Das liegt nicht nur an der nur auf einer hohen Abstraktionsebene überhaupt wiederzuerkennenden Variation der klassischen Mord-Mörder-Kommissar-Szenerie, sondern vor allem an der komplexen, in ihrer antithetischen Psychologie authentisch angelegten Figur Franz Mathys, durch dessen Ich-Perspektive erzählt wird: Es ist die mit mal poetisch-schöner, mal mit martial-brutaler Sprache erzählte Geschichte von Verlust und Rache. Es ist die Geschichte des eben genanntem Kriegsfotografen Mathys, der nach der Trennung seiner Frau mit Vater und Sohn zurückgezogen in einem Haus im Wald lebt und dort ein vermeintliches Idyll gefunden hat:
Großvater und Enkel haben passioniert eine Brieftaubenzucht aufgezogen, Vater und Sohn gehen gemeinsam in’s Fußballstadion. In der näheren Umgebung leben andere der Natur verschriebene Outlaws. Da ist die Liebe zur Ruhe und zur Unschuld der Natur, die die Figuren teilen. Das Leben in dieser Männerwelt scheint wie ein Leben im Exil. Mathys, der berühmt wurde für seine Fotografien von Steinigungen in Somalia, für seine Dokumentation des Massakers von Srebrenica, der Kriege in Afghanistan und dem Südsudan, scheint dort den Fluchtpunkt vor dem Bösen der Welt, den Abgründen des Menschen zu suchen und ihn auch zwischenzeitlich gefunden zu haben. Doch natürlich ist es ein Scheinidyll, das Mathys sich dort aufgebaut hat, denn er muss lernen, dass auch der fast völlige Rückzug nicht schützen kann vor dem, was kommt:
Sein Sohn, der wie auch der Vater namenlos bleibt und stets nur der Junge genannt wird, erkrankt schwer an einer allergischen Reaktion gegen seine Tauben, die Mathys daraufhin eigenhändig in einer martialisch geschilderten Szene töten muss, um eine Rückkehr und Genesung des schwer gezeichneten Kindes zu ermöglichen und die kleine selbst geschaffene Welt aufrechtzuerhalten.
Es folgen harmonische Episoden, sogar für eine neue Liebesbeziehung ist Platz, bis das Unheil Schlag auf Schlag kommt: Vater und Junge werden Mathys von der den Wald umgebenden Welt entzogen. Nachdem der Junge erneut nur knapp mit dem Leben davonkommt, er wäre fast in einem zugefrorenen See ertrunken, nimmt seine Mutter ihn zu sich und ihrem neuen Lebensgefährten in die Schweiz. Der Vater wird von zwei Männern, die, wie Mathys später erfahren wird, Möchtegernkunstprojekte über das Quälen und Töten von Tieren praktizieren, vor seinen Augen nieder und in letzter Konsequenz auch totgeschlagen.
Genau dieser ist der Moment, in dem er beschließt zu handeln, in dem er den Schritt geht, von der Rolle des Dokumentators und Exilanten in die des Agierenden, des für Gerechtigkeit und Rache Sorgenden zu treten. Auch auf Kosten der neuen Beziehung begibt er sich auf einen langen und einsamen Weg der Rache, der letztlich für die totale Einsamkeit sorgen wird und nur wenig Erlösung vom Bösen bringen kann.
Um auf die einleitend erwähnten Genrefragen zurückzukommen: Es gibt Morde in der Hintergrundgeschichte und es gibt den einen konkreten Mord auf der fokussierten Handlungsebene. Dazu gibt Mathys, der sich selbst zum Ermittler, Änkläger, Richter und letztlich auch Henker stilisiert. Achtens Roman ist letztlich wie ein Thriller daherkommendes Psychogram seiner Hauptfigur. In langen Bewusstseinsströmen des Icherzählers wird das Bild eines Mannes gezeichnet, der vor lauter Desillusionierung letztlich nichts mehr zu verlieren hat und daher bereit ist, auf’s Ganze zu gehen.
Es ist ein Roman, der das Gute und Böse im Menschen auszuloten versucht. Was ihn besonders macht und deutlich abhebt ist die sprachliche, emotionale aber auch informationelle Bandbreite. Auf ausführliche, in jedem grausamen Detail geschilderte Steinigungsszenen folgen poetische und liebevolle seitenlange und mit viel Liebe für’s Detail ausgearbeitete Naturbeschreibungen sowie höchstempathische Skizzierungen der Vater-Sohn-Beziehungen. Dies alles geschieht mithilfe nicht linear verlaufender Zeitebenen, die sehr geschickt an den richtigen Stellen kreuzen und miteinander verwoben werden. Selbst essayistische Passagen, sei es über das Massaker von Srebrenica und dessen heutige Auswirkungen, sei es über die Bedeutung des lokalen Fußballvereins, sind vorhanden und stören dabei widererwarten nicht. „Nichts bleibt“ ist ein mit viel sprachlichem Feingefühl geschriebener literarisch anspruchsvoller Roman, der viel Spannung bietet.
Profile Image for Alexander Luft.
14 reviews
May 4, 2025
Ich arbeite mich gerade rückwärts durch die Bücher von Willi Achten. “Nichts bleibt” ist mein vierter Roman des Autors und wie der Titel vermuten lässt, geht es (wieder mal) um Verlust. "Wieder mal" habe ich in Klammern gesetzt, weil dies eher für die chronologisch folgenden Werke “Die wir liebten”, “Rückkehr” und “Die Einmaligkeit des Lebens” gilt, in denen das Thema sich scheinbar wiederholt. Allerdings auf jeweils anderen Ebenen und in einem anderen Kontext.


Und in diesem Buch ist alles anders. Worum es geht, beschreibt der Klappentext knapp und präzise. Franz Mathys, ein Fotograf, der sich einen Namen mit Fotografien von Gräueltaten in Kriegs- und Bürgerkriegswirren gemacht hat, begibt sich auf einen Rachefeldzug, nachdem zwei Hooligans seinen Vater ins Koma geprügelt haben. Der Vater war infolge seiner Verletzungen verstorben.


Die Täter kann Franz auf Grund glücklicher Umstände identifizieren, allerdings ist einer von ihnen ein Kind der Upperclass und unantastbar. So begibt sich Franz dann auf einen privaten Rachefeldzug, der sein Ende in einem nervenaufreibenden Showdown in den Bergen findet.


Der Roman ist aus Sicht des Protagonisten geschrieben und der Leser folgt Franz, wobei Realität und Phantasie oft verschwimmen. In Flashbacks werden wir immer wieder in die Welt des “Kriegsfotografen” entführt und die Erinnerungen, die wir mit Franz teilen müssen, sind starker Tobak. Ich will hier nicht spoilern, aber zartbesaiteten Gemütern rate ich von der Lektüre ab. Ich musste auch nach einigen Passagen bei der Lektüre eine Pause einlegen, um mich zu sammeln. Gleiches gilt für die Recherche nach den Tätern, die Franz Vater auf dem Gewissen haben. So viel sei verraten, die Spur führt Franz in die Welt der Snuff-Movies, Filme, in denen vor laufender Kamera echte Tötungen vorgenommen werden. Noch sind die Opfer “nur” Tiere, die unter dem Vorwand, Gräueltaten in der Massentierhaltung, der Jagd und der Schlachtung passieren, anzuprangern und unter dem Deckmantel der Kunst vor laufender Kamera auf bestialische Weise getötet werden. Allerdings wird schnell klar, dass hier zwei Sadisten, die als Anarchisten außerhalb der Gesellschaft stehen, in erster Linie ihre Perversionen ausleben. Und dank exzellenter Vernetzung zumindest eines Elternhauses stehen sie auch über dem Gesetz. So mutiert Franz unfreiwillig zu Rambo und tüftelt für die beiden Gegner eine tödliche Falle aus.


Was hat das alles mit dem Titel zu tun? Zwischenzeitlich hat sich Franz in einem einsam gelegenen Haus ein Paradies geschaffen. Dort lebt er mit seinem Vater und seinem Sohn, der im Buch nur “der Junge” genannt wird. Franz ist von seiner Frau getrennt, die aus beruflichen Gründen die Familie verlassen hat. “Der Junge” züchtet Tauben. Bis eine lebensgefährliche Lungenerkrankung dem ein Ende bereitet. “Der Junge” entfremdet sich immer weiter vom Vater und ungewollt auch vom Großvater, bis er bei einem Unfall fast ums Leben kommt. Franz Ex-Frau nimmt den Jungen zu sich, die Vater-Sohn-Beziehung zerbricht. Das Schicksal des Vaters hatte ich schon erwähnt und auch eine neue Liebe entpuppt sich als flüchtig. Am Ende bleibt Franz nicht einmal mehr die Rache, am Ende ist nichts von seinem früheren Leben geblieben. Alles, was ihm lieb und teuer war, ist vergangen. Und man ahnt schon, dass auch sein neues Leben nicht von Dauer sein wird.


“Nichts bleibt” zeigt uns schonungslos die Vergänglichkeit aller Dinge, die uns im Leben etwas oder viel bedeuten. Egal, was wir auch anstellen, wir können nichts festhalten. Und am Ende kippen wir bestenfalls tot um. Den meisten von uns steht allerdings die rückwärtige Reise durch den Geburtskanal bevor, wenn wir dann einst sterben. Alle Fähigkeiten, die wir von Geburt an gelernt haben und die unsere Existenz als vollwertiger Mensch ausmachen, werden wir wieder verlieren. Bis wir am Ende nur noch ein armseliges Häufchen sind, das in irgendeinem Krankenhaus dem Ende entgegen geht.

 

Unterm Strich ist “Nichts bleibt” Willi Achtens schonungslosestes Werk, das einem kaum eine Verschnaufpause gönnt. Trotzdem liest es sich wegen der geschliffenen und bildhaften Sprache von Willi Achten sehr gut. Wenn der Autor uns in die Natur der Wälder entführt, kann man die Natur beinahe riechen, hören und sehen. Und wenn Franz im Finale in “der Wand” steht, spürt man die Angst des Kletterers in der Steilwand. Allerdings gibt es eben auch Szenen, die einem durch die plastische Darstellung, dermaßen unter die Haut gehen, dass man erstmal eine Pause braucht.


Klare Leseempfehlung für alle, die ein etwas dickeres Fell haben.
This entire review has been hidden because of spoilers.
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