Demokratisches Handeln und Denken hat nur Bedeutung, wenn es immer wieder eingeübt wird. Es gibt dem Leser die Denkwerkzeuge an die Hand, um sich den Gegnern und Feinden demokratischen Denkens entgegenzustellen.
Zorns »Logik für Demokraten« führt den Leser in die argumentativen Auseinandersetzungen, vor die sich ein Demokrat immer wieder gestellt sieht. In klugen Analysen populistischer Argumentation und totalitärer Denkweisen bekommen Leser Instrumente an die Hand, die Demokratie wirkungsvoll gegen ihre Feinde zu verteidigen. Dabei vergisst er nicht, diejenigen zum Gespräch einzuladen, die mit dem Konzept der Demokratie noch nichts oder nichts mehr anfangen können. In diesem Buch kann man erfahren, warum es geradewegs vernünftig ist, demokratisch zu denken.
Im Gedröhn der Vielstimmigkeit politischer Meinung ertönt die Forderung, man möge mit ihnen reden, von populistischer Seite mit immer neu vorgetragener Verve. Redet man dann mit ihnen – am Stammtisch, an der Theke, auf der Straße oder aber, zumeist ungefiltert, im Internet und seinen zahllosen Foren – stellt man schnell fest, daß es wenig bis keine Gesprächsgrundlage gibt, da das, was der eine als gesicherten Fakt hinstellt, beim andern nur noch höhnisches Gespöttel hervorruft, bestenfalls; andersrum ist es nicht anders: Äußert der eben noch Spöttelnde hingegen seine Befürchtungen und Sorgen, muß er sich regelmäßig derVorwürfe erwehren, am rechten Rand zu stehen oder unhaltbaren Irrationalitäten aufzusitzen. Es kommt kein Dialog zustande, weshalb es auch zu keinem echten Austausch von Argumenten kommt, weshalb es kein Gespräch gibt und somit auch keine Erkenntnis, weder hie noch dort.
Dennoch gibt man gerade als demokratisch gesinnter Bürger, ja, man möchte fast sagen: als Citoyen, die Hoffnung auf das Gespräch, auf Vermittlung und selbstverständlich auch auf Einigung, zumindest im Kompromiß, nicht auf. Hat man die seltene Gelegenheit, auf ein Gegenüber zu treffen, das an ehrlicher Auseinandersetzung interessiert ist und nicht daran zu missionieren, bzw. lediglich die eigene Meinung als Dogma in die Welt zu tröten, stellt man häufig genug fest, nicht die „richtigen“ Argumente zur Hand zu haben, um das zu verteidigen, was so selbstverständlich verteidigenswert erscheint, daß die Angriffe umso schwerer verständlich sind – die Demokratie.
Daniel-Pascal Zorn stellt in seiner LOGIK FÜR DEMOKRATEN eine Anleitung für eben dieses Gespräch zur Verfügung. Er bietet eine kurze, durchaus an den strengen Regeln antiker Rhetorik geschulte Einführung in logisches Denken und wie es funktioniert, wie sich aus Rede und Gegenrede dialektische Prozesse entwickeln und daraus wiederum logische Argumente und Schlüsse abzuleiten sind. Mit diesem – auch terminologischen – Rüstzeug ausgestattet, untersucht er dann in drei Kapiteln populistisches, totalitäres und schließlich demokratisches Denken.
Gerade das erste Kapitel, welches sich dem auch und gerade wieder zunehmenden populistischen Denken widmet, analysiert seinen Gegenstand mit äußerster Schärfe und Genauigkeit. Die Fallen und rhetorischen Manöver, die Vereinfachungsprinzipien und mutwilligen Mißverständnisse – all diese Methoden, die kennt, wer je versucht hat, sich mit einem der berüchtigten „Trolle“ im Internet auseinander zu setzen, seziert Zorn brillant. Leider kann er dieses Niveau nicht halten, wenn er totalitäres Denken untersucht.
Hier konzentriert er sich stark auf durch Nietzsche geprägte Vorstellungen von „Starken“ und „Schwachen“ und auf die dialektische Verkehrung der Positionen, die jeweils eine hinreichende Begründung für ihren Standort brauchen. Darin liegen jeweils Entscheidungsschlüsse, die zu „guten“ oder „bösen“ Handlungsmustern führen und passen. Daß dieses Denken in einer Logik an sich selber scheitert, weil es den Ort der eigenen Überlegenheit nicht hinreichend begründen kann, ist zwar denkerisch nachvollziehbar, doch ist es in der Realität politischen Handelns ja gerade die Ignoranz gegenüber den Brüchen in der eigenen Logik, die ein Merkmal totalitären Denkens bildet. Ein Hitler oder ein Stalin hatten auch deshalb immer recht, weil sie die Macht dazu besaßen.
Das letzte Kapitel, das sich mit demokratischem Denken befasst, wird dem kundigen und politisch wachen Leser - also dem wahrscheinlichsten Leser eines Buches wie diesem - wenig Neues mitzuteilen haben. Der Rekurs auf den Begriff des "Volkes" und seiner immanenten Widersprüchlichkeiten, darin eingebettet ein Blick auf die Problematik sogenannter „Volksabstimmungen“, entspricht dem, was zur Zeit allgemein in den einschlägigen Blättern und auf Meinungsseiten vertreten wird.
Es sind die Einführung und das erste Kapitel, die das Buch vor allem lesenswert machen, allerdings steht man immer wieder vor dem gleichen Problem: Es wird eine Gesprächssituation angenommen, vorausgesetzt, in der die Regeln eines Gesprächs allgemein bekannt und anerkannt sind und ebenso anerkannt wird, daß man zugibt, wenn man argumentativ überboten wurde. Ein solches Gespräch gibt es natürlich – meist allerdings unter Gleichgesinnten, selten unter Gegnern, so gut wie nie unter Feinden. Den Regeln, die dann gelten – das Laute, Pöbelige, der Hohn und der Spott und der zumindest rhetorische Vernichtungswille - , hat man mit den von Daniel-Pascal Zorn empfohlenen Mitteln wenig entgegen zu setzen.
Was hilft´s? Jedes bisschen Hoffnung ist willkommen, insofern nimmt man diese Anleitung gern zur Kenntnis und immer wieder zur Hand, denn die Aktualität dessen, was hier verhandelt wird, ist noch lange nicht vorbei.
Zu Beginn der Fastenzeit hatte ich mich gefragt, ob es nicht höchste Zeit wäre, statt Autofasten oder Handyfasten einmal bewusst sorgfältiger mit Sprache umzugehen. In den unterschiedlichsten Medien schien das Ende jeglicher Gesprächskultur eingeläutet worden zu sein. Vermutungen wurden zunehmend als Tatsachen verbreitet, Diskussionspartner persönlich diskreditiert. Schließlich brachte mich die um sich greifende manipulative Verpackung von Provokationen und Unterstellungen in Frageform auf die Palme, vom Fragesteller anschließend damit verharmlost, er/sie hätte ja nur eine Frage gestellt und wäre demnach völlig unschuldig an der folgenden Entgleisung der Diskussion. In dieser Ausgangssituation erhoffte ich mir Aufklärung von Daniel-Pascal Zorn, was genau in "Diskussionen" abläuft.
Der studierte Philosoph brachte mich wieder auf den Teppich zurück mit seiner Charakterisierung von populistischem und dogmatischem Denken und Argumentieren im Gegensatz zu demokratischem Denken. Zorn warnt, selbst der Begriff Populismus etikettiere; denn er sei keine Eigenschaft, sondern eine Form der Argumentation. Populismus mit daraus folgender dogmatischer Dynamik führe schließlich zu totalitärem Denken, so Zorn. Populistischer Argumentation sei nur etwas entgegenzusetzen, wenn man auch auf das Wie einer Rede achte. Der Begriff falsches Dilemma definiert eine inzwischen verbreitete Haltung, die keine Zwischentöne mehr toleriert: bist du nicht für mich/meine Ansicht, bist du gegen mich. Neben Dogmatischer Setzung, Exzess der Positionierung und Bestätigungsfehler (alles ausblenden, was der eigenen Sicht widerspricht) sei falsches Dilemma eine der Strategien populistischen Denkens. Zorns Charakterisierung dogmatischen und populistischen Denkens mutet angesichts der politischen Entwicklung der letzten Wochen beinahe schadenfroh an; denn wer wird sich nach seiner geduldigen Erklärung von Dogmatismus noch über die Abläufe wundern können?
Für Dogmatiker ist ihr Weltbild völlig logisch, jeder Widerspruch wird deshalb als Provokation empfunden. Dogmatiker würdigen Vertreter anderer Meinungen herab mit pseudomedizinischen Diagnosen, sexistischen oder biologistischen Etikettierungen. Dogmatiker begründen nicht. Dogmatiker sehen sich gern selbst als schweigende Mehrheit, als Opfer/Minderheit. Sie finden stets einen Schuldigen, der eine Entwicklung provoziert habe. Der Schritt zur gefühlten Marginalisierung mit daraus folgender Verschwörungstheorie ist dann meist nicht mehr weit. Dogmatisches Denken verschafft Menschen Sicherheit, dogmatisches Argumentieren soll den Sprecher unangreifbar gegenüber Kritik machen. Doch eine „dogmatische Schleife“ führe dazu, dass sich jemand, der provoziert, um so stärker angegriffen fühlt, je mehr er selbst provoziert. Ähnlichkeiten mit derzeit regierenden Staatsoberhäuptern sind natürlich rein zufällig …
Dass populistische Argumentationsformen und dogmatische Denkweisen keine neuen Erscheinungen in der Folge des Web 2.0 sind, sondern bereits seit der Antike bekannt, ist immerhin eine tröstliche Botschaft. Zorn will mit seiner Analyse von verbreiteten Argumentationsmustern die Strategien derer offenlegen, die die Offenheit in demokratischen Gesellschaften gegen diese Gesellschaften ausspielen. Das ist ihm gelungen. Im Schnittpunkt von Philosophie, Psychologie, Rhetorik und Geschichte hat Zorns Buch mir passende Denkanstöße gegeben – und war mit seinem überschaubaren Umfang für einen Philosophie-Anfänger gut zu bewältigen.
Der Titel macht neugierig. Das Unbehagen beginnt allerdings schon, wenn man den Verfassernamen liest. Dass jemand, der bisher hauptsächlich durch seine - oft von seinem Adlatus befeuerten - FB-Pogrome und ein paar Artikel in einer Zeitschrift ("Heisse Luft" oder so ähnlich) hervorgetreten ist, wo ihm mit schöner Regelmässigkeit genau die Kategorienfehler und logischen Trugschlüsse unterlaufen, die er anderen gerne mit inquistorischem Eifer und schwer erträglicher philisterhafter Arroganz vorhält, ein Buch darüber schreibt, wie man mit einem bestimmten Personenkreis diskutieren soll, macht stutzig. Dass ausgerechnet dieser Autor, der gerade diesem Thema so ganz offenbar überhaupt nicht gewachsen ist, von einem renommierten Verlag eine grosse Bühne bekommen hat, und dass dieses weltfremde, inhaltlich sehr dünne und in teilweise sehr verschwurbeltem Stil verfasste Werkchen uns Lesern dann noch von einem Teil des deutschen Feuilletons als brilliant verkauft wird, sagt viel über den Zustand des geistigen Lebens in Deutschland aus, fürchte ich. "Wenn die Sonne der Kultur tief steht, werfen selbst Zwerge lange Schatten." (Karl Kraus)
Zorn hat an sich ein interessantes und auch gutes Buch geschrieben. Leider ist das ganze zweite Kapitel meiner Meinung nach nicht zu gebrauchen, was die Lektüre verwirrend und frustrierend macht. Wer sich an sich für den Umgang mit Populistischen Äußerungen (!) interessiert dem sei aber Kapitel 1 und 3 zur kurzen Lektüre und Wiederholung der klassischen Philosophie und Rhetorik ans Herz gelegt.