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Der weiße Freitag: Erzählung vom Entgegenkommen

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Goethes zweite Schweizer Reise 1779 hätte gut die letzte des damals Dreißigjährigen sein können, und der "Werther" sein einziges bekanntes Werk. Denn das Risiko einer neunstündigen Fußwanderung über die Furka im November durch Neuschnee war unberechenbar. Aber der frisch ernannte Geheimrat hatte es auf den kürzesten Weg zu seinem heiligen Berg, dem Gotthard, abgesehen, seinen acht Jahre jüngeren Landesfürsten Carl August mitgenommen und alle Warnungen in den Wind geschlagen. Adolf Muschg liest diesen 12. November, den "weißen Freitag", die Wette Goethes mit seinem Schicksal, als Gegenstück zu Fausts Teufelswette und zugleich als Kommentar zum eigenen Fall eines gealterten Mannes, der mit einer Krebsdiagnose konfrontiert ist. Als Zeitgenosse weltweiter Flucht und Vertreibung und einer immer dichteren elektronischen Verwaltung des Lebens findet er gute Gründe, nach Vorhersagen, Warnungen und Versprechen in einer Geschichte zu suchen, die gar nicht vergangen ist. Sie handelt vom Umgang mit dem Risiko, dem auch der noch so zivilisierte Mensch ausgesetzt ist, weil er es als Naturgeschöpf mit Kräften zu tun hat, die er nicht beherrschen kann.
Muschg hat mit dieser Doppelbelichtung zweier Reisen sein persönlichstes Buch geschrieben und sich ihrem bei aller Verschiedenheit gemeinsamen Grund genähert, den man nur im Erzählen ahnt – mit immer noch offenem Ende und doch im Wissen um die Endlichkeit, die nicht zu überschreiten ist.

251 pages, Hardcover

Published February 16, 2017

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Adolf Muschg

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Profile Image for Noah.
550 reviews74 followers
September 7, 2024
Am 12. November 1779 überquert Goethe bei miserablem Schneewetter gemeinsam mit Herzog Carl August, Diener und Führern den Furkapass. Ein Diener stirbt fast und das Abenteuer scheißt den jungen Geheimrat und seinen Herzog für immer zusammen. Ein Schlüsselerlebnis von Goethes Schweizer Reise und der Fokuspunkt dieses Werkes.

Goethe schreibt dazu in seiner Schweizer Reise:

"Es war ein seltsamer Anblick, wenn man einen Moment seine Aufmerksamkeit von dem Wege ab und auf sich selbst und die Gesellschaft wendete: in der ödesten Gegend der Welt und in einer ungeheuren, einförmigen, schneebedeckten Gebirgswüste, wo man rückwärts und vorwärts auf drei Stunden keine lebendige Seele weiss, wo man auf beiden Seiten die weiten Tiefen verschlungener Gebirge hat, eine Reihe von Menschen zu sehen, deren einer in des andern tiefe Fussstapfen tritt, und wo in der ganzen glatt überzogenen Weite nichts in die Augen fällt als die Furche, die man gezogen hat. Die Tiefen, aus denen man herkommt, liegen grau und endlos im Nebel hinter einem.“

Muschg rezipiert die Vorgeschichte, dekonstruiert die Beziehung der handelnden Personen und bringt viel von sich selbst als alter Mann mit dem Tod vor Augen ein. (Das Werk liest sich als gelungener Abschied vom Leben und Schreiben, Muschg lebt 8 Jahre nach der Veröffentlichung weiter und ist über 90).

Viel ist über und von Goethe geschrieben, viel davon habe ich gelesen und viel mehr in entsprechenden Ausstellungen erlebt. Deswegen ist es umso überraschender, hier kluges und neues über Goethe zu erfahren und dies in gelungenem Kleid.

Ob Markus Werner, Silvio Blatter, Jürg Federspiel, Reto Hänny oder eben Adolf Muschg, die deutschschweizer Literatur hat bei Goodreads einen schweren Stand, d.h. kaum Leser. Selbst Muschgs opus magnum, der Rote Reiter - wirklich lesenswert - hat hier nur 52 Leser, wenngleich es sich damals in den 10.000den verkauft hat, hat es augenscheinlich kaum Nachklang gefunden.

Abgesehen vom "Roten Reiter" sind viele Werke von Muschg zu zeitgebunden. Umso erfreulicher hier - als Zufallsfund - ein wirklich starkes Alterswerk zu entdecken.
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