Annett Gröschner ist eine leidenschaftliche Sie sammelt Lebensgeschichten, sie sammelt Alltag, und sie sammelt Städte. Ob in Alexandria, Kasan oder Peking – immer besteigt sie Bus oder Straßenbahn der Linie 4, denn die fährt in Bezirke, die den wahren Charakter der Stadt enthüllen. In ihrem Fahrtenbuch erzählt sie von ihren In der 4 in Tartu wird viel geküsst; in Tel Aviv sitzt sie neben einer jungen Soldatin, deren Gewehr ihr an die Hüfte drückt. Über das Heute dringt Annett Gröschner in das Gestern vor und verknüpft souverän Geschichte mit Politik, Architektur-mit Literaturgeschichte, Abenteuer mit Lebensphilosophie – unprätentiös und poetisch, warmherzig und lustmachend. "Die Städtesammlerin" versammelt hauptsächlich Reportagen aus dem 2012 erschienenen Buch "Mit der Linie 4 um die Welt".
Annett Gröschner nimmt den Leser mit auf Reisen. In den verschiedensten Ländern fährt sie mit der Straßenbahnlinie 4 und berichtet von ihren Erlebnissen.
Das Buch beginnt mit einem Einführungskapitel. In diesem wird erklärt warum die Autorin immer mit der Linie 4 fährt. Dieses Kapitel ist etwas holprig zu lesen wegen den ganzen Straßennahmen, jedoch lohnt es sich dran zu bleiben.
Generell sind die Kapitel kurz und man kann immer mal schön zwischendurch in eine andere Welt abtauchen. Natürlich gibt es über einige Orten mehr zu erzählen als über andere. Die Kapitel sind abwechslungsreich und passend gestaltet. Einige sind besser andere nicht ganz so gelungen. So fand ich das Kapitel 13.27 Uhr – an der Trolleybushaltestelle Horeastraße vollkommen unnötig. Denn darin erzählt die Autorin auf 2 1/2 Seiten wie sie an der Haltestelle Kinder beobachtet. In anderen Kapiteln erzählt sie auf ca. 10 Seiten ausführlicher über die Strecke und die Eindrücke, die sie auf der Straßenbahnfahrt sammelt. Was mir sehr gut gefällt ist, dass das Buch sehr gut recherchiert ist. Die Autorin verwebt gekonnt geschichtliche Hintergründe über die Städte, ihre Bauten und ihre Bewohner. Auch über die technischen Voraussetzungen der Straßenbahn ist sie bestens informiert.
Was ich als sehr störend empfand waren die vielen Rechtschreib- und Grammatikfehler in diesem Buch. Die Autorin ist studierte Germanistin und das Buch durchlief ein Lektorat, da sollten solche groben Schnitzer, wie sie hier zu finden sind, nicht passieren.
Was mir auch nicht so ganz gefiel war, dass manche Geschichten doch schon etwas veraltet sind. Zum Beispiel die Geschichte aus Estland. Als Annett Göschen dort mit der 4 fuhr, zahlte sie noch in Kronen. Der Euro wurde 2011 in Estland eingeführt.
Die Städtesammlerin hat mich für zukünftige Reisen inspiriert, mir fremde Kulturen näher gebracht und mir auch etwas die Angst genommen. Letztlich ist es ein nettes Buch für zwischendurch und vor allem für Reiselustige Leser zu empfehlen. Man kann das Buch gerne lesen, man muss es aber nicht.
Es gibt Bücher, da klopft mein Herz, wenn ich sie entdecke. „Mit der Linie 4 durch die Welt“ von Annett Gröschner ist so ein Titel. Die Welt beim Straßenbahnfahren entdecken! Was für eine schöne Idee!
Gefühlt habe ich meine halbe Schulzeit in der Straßenbahn bzw. mit dem Warten auf die Straßenbahn verbracht. Das Besondere an unserem Kaff war damals, dass die Straßenbahn in die nächste Stadt fuhr. Nur einmal in einer Stunde, aber immerhin.
Noch heute fahre ich gerne Straßenbahn. Auch U-Bahn, Bus und Zug, aber ich gebe zu, dass die Straßenbahn das beste aller Verkehrsmittel ist. Straßenbahnen und Busse sind jeweils ein kleiner Mikrokosmos des öffentlichen Raums und der Alltagskultur. Wer in der Straßenbahn sitzt, hat schon einmal ein Ziel. Weiß schon, wohin es geht.
Einen mehr oder weniger konkreten Plan gibt es auch noch dazu. Das macht es so verführerisch, sich einfach reinzusetzen und daraufhin hoffen, dass die Linie auch dem eigenen Leben einen Halt gibt.
Es klingelt. Achtung, sie fährt los.
Die Beiträge im Buch sind Reportagen und daher in sich abgeschlossen. Deshalb eignet es sich auch zum Blättern und zum Kreuz-und-Quer-Lesen. (Was übrigens eine unterschätze Form des Lesens ist.)
Annett Gröschners Kriterium an die Linie 4: Sie fährt über der Erde. Dadurch fallen die U-Bahnen raus, aber die Busse sind mit drin. In 34 Städten auf vier Kontinenten ist sie seit 2003 mit der Linie 4 gefahren, und herausgekommen sind mitreißende und lebendige Stadterkundungen.
Wir erfahren in den Stadtportraits zum Beispiel:
* In Aix-en-Provence ist Cézanne allgegenwärtig.
* Die älteste Straßenbahn in Afrika fährt durch Alexandria, und ihr erster Wagen ist den Frauen vorbehalten. Die anderen sind für beide Geschlechter. Einen Fahrplan gibt es nicht, sie kommt, wenn sie kommt. Sie ist lustig, bunt und laut, aber auch alt und schmutzig.
* Die Mitnahme von Fahrrädern in der Straßenbahn ist in Amsterdam verboten. Manchmal ist es schwierig, an das gültige Ticket zu kommen. Dazu muss eine erst das jeweilige Fahrscheinsystem verstehen. Und später darauf achten, sich wieder auszubuchen, damit das elektronische Ticket nicht endlos weiter Straßenbahn fährt.
* Eine ausgediente Jenaer Straßenbahn stellt eine Verbindung zu den beschämenden Morden des Nationalsozialistischen Untergrund her, indem sie Istanbul und Jena in einen Zusammenhang bringt.
* In Astana in Kasachstan kann eine sich am Bahnhof die Zeit am Schießstand mit nachgemachten Kalaschnikows vertreiben.
* Wo sich viele Menschen im Alltag begegnen, schlägt manchmal auch der Terror zu. Wie könnte es da Sicherheitsvorkehrungen geben? In Tel Aviv bleibt es nicht aus, über die Verletzlichkeit der Busse und Bahnen nachzudenken.
* Gezahlt wird bei der Schaffnerin oder am Hitec-Automaten, mit Münzen, Scheinen oder Karten.
* Wir hören traurige Treuhanderzählungen aus der Zeit nach der Wiedervereinigung und erleben die schlagfertigen Erziehungsmethoden der unterschiedlichen Kulturen.
Die Autorin wechselt die Eindrücke, Stimmung und Gedanken mit der Haltestellen. Oberflächliche Betrachtungen erhalten durch historische und zeitgenössige Zusammenhänge Tiefsinn. Zahlen, Daten, Fakten werden in den Fahrtwind geworfen und verschwinden wieder im Assoziationsfluss. Annett Gröschner sagt von sich, dass sie gerne recherchiert, und das merkt eine auf jeder Seite.
Wie in einer Kruschelschachtel tauchen plötzlich Fotos auf und je nach Stimmung lenken sie ab oder laden zum Nachdenken ein.
Die Reportagen ahmen den Rhythmus der Straßenbahn und der Busse nach. Sprachlich wird angefahren und wieder abgebremst. Es wird ausgeholt, um die Kurve rechtzeitig zu nehmen. Der Weg wird freibekommen, wenn es notwendig ist.
Annett Gröschner ist eine belesene und wissende Reisegefährtin, die ihre Kenntnisse unauffällig und sorgsam platziert. Unaufdringlich und trotzdem unterhaltsam.
Das Buch eignet sich auch hervorragend als Lesegeschenk für Globetrotterinnen oder Neugierige mit Bezug zur Alltagskultur.