Queer steht für eine selbstbewusst perverse Entgegnung zum heterosexuellen Wahnsinn und der Feindseligkeit gegen das Anderssein. Queerer Aktivismus wurde in Zeiten von AIDS als Selbstbehauptung verstanden: Die Perversen und Unangepassten – Schwule, Lesben und Transmenschen – kümmerten sich umeinander und kämpften gemeinsam. Die Queer Theory der 1990er Jahre griff ihre Kritik mit emanzipatorischer Zielsetzung wissenschaftlich auf. Queer hat in den vergangenen Jahren eine bedeutsame Veränderung erfahren. Queerer Aktivismus operiert häufig mit Konzepten wie „Critical Whiteness“, „Homonormativität“ und „kulturelle Aneignung“. Ein Kampfbegriff lautet „Privilegien“ und wittert hinter jedem gesellschaftlichen Fortschritt den Verrat emanzipatorischer Ideale. Oft erweckt dieser Aktivismus den Anschein einer dogmatischen Polit-Sekte. Das Ziel ist nicht selten die Zerstörung des sozialen Lebens der Angegriffenen. In dem Sammelband Beißreflexe widmen sich mehr als 20 Autor_innen dieser Form von queerem Aktivismus und ihren theoretischen Hintergründen aus einer Perspektive, die an die teilweise vergessene oder abgewehrte selbstbewusste Entgegnung von Queer anschließt.
Floris Biskamp hat in einer Rezension Beißreflexe sehr passend als „das falsche Buch zur richtigen Zeit“ beschrieben. Ich habe mich in den letzten paar Tagen durch „Beißreflexe“ gequält. Gequält nicht einfach deswegen, weil das Buch meinen ideologischen Scheuklappen nicht entspräche, sondern auch deswegen, weil es schlampig herausgegeben (kaum enden wollende Redunanzen) und größtenteils theoretisch unsauber ist – und sich dabei noch derselben leeren diskursiven Strategien bedient, die es in der vermeintlich feindlichen queeren Community verortet.
Das Buch kann auhc mit Wohlwollen kaum als „Diskussionsbeitrag“ bezeichnet werden. Die allermeisten Beiträge bieten wenig, was über Lamentieren über empfundenes Unrecht vonseiten der Autor*innen hinausginge – sorgfältige oder erhellende theoretische Einsichten sind genauso selten wie konstruktive oder produktive Vorschläge. Bei einigen Beiträgen geht’s überhaupt nur darum, Szenestreitereien in Kapitelform auszutragen. Über die Beiträge gibt es fürchterliche Redundanzen und immer wiederkehrende, höchstens minimal variierte Wiederholungen derselben wenig fundierten Anklagen (oder besser: Wehklagen) über Judith Butler, postmoderne Zugänge, Feindlichkeit gegenüber verheirateten schwulen Männern, den Privilegienbegriff, Israelfeindlichkeit, „Liebe zum Islam“ (gleich im Vorwort) etc. Ja, manchmal werden durchaus Themen angesprochen werden, die diskutiert werden könnten oder auch sollten, aber allzu oft geht einfach nur um das eigene gekränkte Ego und das Ausleben von Überlegenheitsfantasien – wobei häufig genau die diskursiven Strategien angewandt werden, die den queer-feministischen Abziehbildern, gegen die sich so viele Beiträge richten, zugeschrieben werden (von ideologischer Verkürztheit über fehlende theoretische Auseinandersetzung bis zur Reduktion auf persönliche Befindlichkeiten).
In Summe: Erstens hätte das Meiste, was in Beißreflexe gesagt wird, auf 30 Seiten statt auf 250 Seiten gesagt werden können (und sollen). Und zweitens ist die Suche nach ernsthafter, konstruktiver Auseinandersetzung auf diesen 250 Seiten großteils zum Scheitern bestimmt.
Einzelne interessante Gedanken aber überwiegend kuriose subkulturelle Debatten, die sich trotz einiger nachvollziehbarer Erkenntnisse letztlich tendenziell eher weltfremd lesen. Zumindest ein nützliches Buch für alle, die sich schon immer gefragt haben, warum Jungle World Lesende wie Autor:innen so eigenartig sind. Wobei man es anhand dieser Aufsätze auch nicht direkt ergründen kann aber sie liefern einem mindestens leidenschaftliche empirische Beispiele ihrer kaum zielführenden geschweige denn konstruktiven Argumentationsspielart. Dass einzelne Beobachtungen über queere Subkulturen stimmen mögen, ändert daran auch nicht wirklich etwas.
Der Sammelband dokumentiert viele persönliche und szeneinterne Berichte von negativen Erfahrungen in queeren Kreisen, die oftmals sehr polemisch zugespitzt sind, aber alle vor dem Hintergrund stehen, queer zu kritisieren und damit quasi zu "retten". Und das gerade Kritik an bestimmten Auswüchsen queerer Praxis kein Bruch mit der Idee/Bewegung an sich zutun haben muss, wird oft und gut nachvollziehbar diskutiert. Themen wie die Standpunkttheorie, infantile Safespacekonzepte, Frauenfeindlichkeit und Auseinandersetzung mit dem Privilegienbegriff und der kulturellen Aneignung waren für mich die Highlights.
Mir hat dieses Buch während der ersten Hälfte sehr gut gefallen. Besonders aufgrund der Tatsache, dass die Kritik direkt aus der queeren Szene selbst kommt. Nach etwa 2/3 habe ich es jedoch aus der Hand gelegt, weil mir die „Angebersprache“ zunehmend auf den Keks ging. Es ist eine Kunst, komplexe Inhalte so wiederzugeben, dass sie von der Mehrheit verstanden werden. Hier hingegen war deutlich zu spüren, dass man sich mit komplizierten Sätzen ein wenig (zu) wichtig machen wollte. Schade, denn die Inhalte selbst sind sehr lesenswert.
ist schon etwas her, aber fands damals nicht den großen Wurf und etwas aufgebauscht - Ideengeschichtlich erinnere ich insbesondere die Polemiken gegen Intersektionalität als zu undifferenziert und empirische geschlechtersoziologische Forschungspraxis arbeitet nicht gerade mit Sprechverboten - und bei politischem Aktivismus hängts halt immer an den jeweiligen Kontexten
Absolut empfehlenswert! Hier kommen Stimmen zu Wort, denen in der Medienlandschaft sonst wenig Gehör verschafft wird. Jeder Beitrag für sich ist lesenswert und zeigt Sichtweisen, die viele nicht mehr wahrnehmen. Für die politische Mitte, die sich mit Gesellschaft befässt, ein MUSS!