Die Kulturgeschichte der Neuzeit von Egon Friedell, erstmals 1927 bis 1931 als dreibändiges Werk herausgegeben, 1989 als einbändige Sonderausgabe aufgelegt, 1996 in Beck’s Historische Bibliothek übernommen, erscheint jetzt in neuer Ausstattung innerhalb der BHB.
Egon Friedell (1878 - 1938) was a prominent Austrian philosopher, historian, journalist, actor, cabaret performer, and theatre critic. Described as a polymath, he took his own life shortly after the Nazis annexed Austria, jumping out of his apartment's window when the SA came to arrest him.
With this book, originally published in several volumes, Austrian writer, philosopher and actor Egon Friedell aimed to paint a cohesive picture of the development of European cultural history from the Middle Ages to WW I. This seems like an impossible task, but the book's strength is that Friedell takes an unconventional approach to cut through the material and distill the underlying forces and main events that moved developments: He does not use scientific methods, but wrote this as a major essay, which also means that his opinions and emotions - and by that, Friedell himself - are an important part of the text.
And Friedell has some very strong opinions: Goethe? Unworldly. Spinoza? Insane. Napoleon? The greatest genius who ever lived. Schiller? Knew what's up. Friedell talks about literature, fine art, music, philosophy, clothes, manners of speech; he inserts little portraits of important figures like Voltaire, Shakespeare and Luther; he explains the most important ideas of people like Nietzsche and Descartes; and he manages to bring everything together by connecting, contrasting and judging all those little parts.
All of this renders the text deeply insightful and very entertaining, but it is of course necessary to know some basic things about Friedell's topics, because otherwise, it is hard to assess the author's opinions - and you certainly do not have to always agree with Friedell to enjoy his arguments (Friedell would probably have been the first one to encourage you to sapere aude in such a case).
After listening to the audiobook (which is currently available on Spotify and which is a shortened version of the book, but still pretty long), I googled Friedell, learnt more about his considerable contributions to Austrian culture and was shocked to find out how he died: In February 1938, the Nazis banned "A Cultural History of the Modern Age" because it contradicted their fascist ideology. About four weeks later, the SA knocked on Friedell's door and inquired after the "Jew Friedell" (Friedell was a Lutheran with Jewish heritage). Friedell opened his window on the third floor, called down to the pedestrians to "please step back" and jumped. He was 60 years old.
REZI IN PROGRESS, DAS FINALE BRAUCHT NOCH ZEIT, MUSS NOCH EIN PAAR LÄNGERE ZITATE ABSCHREIBEN
Gewissermaßen das Sachbuch-Geschwisterle zu Brochs Schlafwandlern und Musils Mann ohne Eigenschaften, voller bestürzend aktueller Einsichten, auch wenn die Katastrophe Erster Weltkrieg für den Polyhistor so etwas wie das Ende der Neuzeit markiert. Diese (vorläufige) Endperspektive kennzeichnet die drei großen Wiener Welterklärungsversuche, wobei der Dramaturg von Max Reinhardt, der sich als Dilettant mit mehr Durchblick als die allzu detailfixierten Spezialisten in die Nachfolge von Houston Steward Chamberlain stellt. Der Wagner-Schwiegersohn und Vordenker Adolf Hitlers wird in Friedells Ahnengalerie durchaus positiv kritisch gewürdigt, wie auch Oswald Spengler, beide aber eben als Männer des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Die Ironie der Geschichte ist, dass Friedell sich durch einen Sprung aus dem Fenster für immer vor den Nazis in Sicherheit bringen musste.
Persönliche Befangenheitserklärung
Für mich ist Friedells Darstellung eines jener Bücher, die man kennt, bevor man sie gelesen hat. Die spiritus rector unserer Schule, speiste seine Exkurse durch die Geschichte aus dieser Quelle, sogar mit der dringenden Empfehlung, leider war der Autor bei uns Sci-Fi-süchtigen Pennälern durch die posthum veröffentlichte Satire Die Rückkehr der Zeitmaschine diskreditiert, denn wir hatten eher ein spannendes Sequel im klassischen Sinn erwartet und kannten einige der persiflierten Ausgeburten der Phantasie von H.G. Wells erst gar nicht. Weiteres Vorwissen kam von Komilitonen, die das Werk auf smalltalktaugliche Kuriositäten durchforstet hatten. Ohne den Irrtum, dass es sich bei der kindle-kostenlos-Version, um die Höhepunkte handeln würde, hätte ich gerade gar nicht auf so ein anstrengendes Vorhaben eingelassen, aber die 279 Seiten beruhen auf Formatierungsfehlern, da sich der Leser die allerlängste Zeit erst auf Seite 6, dann 277 befindet. Andererseits gab es zu viele frappante Parallelen zu jüngsten Entwicklungen, um Friedell zum Abschluss irgend eines erfolgreich bewältigten Säkulums einfach erst mal liegen zu lassen.
Große Vorzüge und ein systembedingtes Defizit
Angesichts des Umfangs von 1600 Seiten kann ich nicht auf jeden Höhepunkt eingehen und nur ein paar ausgewählte Bonmots einstreuen. Im weiteren Verlauf werde ich nur auf die Gründe eingehen, weshalb ich doch einen Stern fürs letzte Drittel abziehe. Auch darauf, warum sich die Lektüre, gerade in Umbruchszeiten besonders lohnt, in denen Ideologen so lange ihre Steckenpferdchen auf Kosten der Allgemeinheit reiten und jedem ihre Weltsicht aufnötigen müssen, bis die ganze Welt von den Fakten eingeholt wird. Mit den Gründen für meine Abzüge bin ich schneller fertig, auch wenn der Autor ein wenig das Opfer von Umständen geworden ist, die er durchaus auf der Rechnung hatte: gewisse Prozesse sind als Zeitgenosse noch gar nicht analytisch verwertbar, da nicht oder nur in Teilen erkennbar. Zudem ist jeder irgendwie Partei. (Gerade in 2022 gibt es ja wieder genügend Erfahrungswerte bei jedem). Der Geniekult um Bismarck, den Friedell treibt, der durch die Jahrhunderte absolut Habsburgkritisch ist und die Kaiser alle herrlich abwatscht. Dabei zeigt er, zu wenig Verständnis für die Opfer der Reichsgründung unter preussischer Vorherrschaft. Auch das räsonnieren darüber, wie viele brauchbarere Allianzen sich der Popstar Wilhelm II., der die Mentalität seiner Untertanen aber ideal bis zum großen Kater verkörperte, durch die Lappen gehen ließ. Zum Abzug eines Sterns führten bei mir eher die Praxis auf bereits bestehende Produkte seiner dramaturgischen Praxis zurück zu greifen, um Meter zu machen. Abgesehen vom Weltkrieg ist das Finale eher einen Dramenführer vom Naturalismus bis zur so genannten neuen Sachlichkeit, - eigentlich schade.
Besonders beeindruckt haben mich, gerade wegen auffälliger Parallelen zum Deutschland der letzten Jahre, die Kapitel über Zeitenwende, der Betriebsblindheit und Intoleranz von Reformatoren, Ideologien und mit den von ihnen verschuldeten Katastrophen. Erstmals tun sich bei der Pestperiode als Latenz- oder Umbruchzeit Parallelen zu aktuellen Verhältnissen auf, der Virus kommt aus China, bislang bestehende Werte brechen zusammen, werden pervertiert. Maximale Lebensgier bricht aus, der Zusammenbruch des Ritterwesens aufgrund mangelnder Anpassungsfähigkeit ist da nur eine Begleiterscheinung. Überregulierung war schon im ausgehenden Mittelalter ein Thema voller Kuriositäten, was EF so alles an irrwitzigen Moden, Hypersexualisierung, Gewerberegeln für Bettler, Falschspieler und Liebesdienerinnen auftischt ist schon krass.
Die Niederländer ließen sich jede Form von spanischer Tyrannei gefallen, erst als es ans Geld ging, wurde die Freiheitsliebe so übermächtig, dass Albas Besatzung in einem Volkskrieg unterging. Es folgte eine Phase in der die Krämernation in allen Bereichen des Lebens führend war. Drei große Nachbarn schwächelten während der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts ganz gewaltig, das erleichtert die Wahrnehmung der Blüte.
Auch Jakobiner, deren Staatsverwaltung in ihrer Stupidität und Barbarei sehr sonderbar an Albas, von einer ganz anderen Weltanschauung getragene Reg. erinnert, machten sich nicht durch ihre Unterdrückung jeder freien Meinung, ihre Verhöhnung der Religion und ihre Massenhinrichtungen unmöglich, sondern durch ihre Eingriffe ins Privateigentum. Nicht ihre Guilltoninen haben sie zu Fall gebracht, sondern ihre Assignaten.
Die Vertreter der Gewissensfreiheit treten gnadenloser gegenüber Abweichlern von der gesetzten Norm auf als die verteufelten Katholiken. Vertrautes Phänomen, denn im tolerantesten Deutschland, das es je gab, geht es genauso zu. PC ist also nicht mehr als die nächste Spielart des Säkularismus. Auch sonst bescheinigt EF dem Protestantismus große Abweichung vom Anspruch, Heiligsprech der Arbeit gibt die Bibel nicht her.
»Das deutsche Volk nimmt die ideellen Dinge nicht als Fahne wie andere Völker, sondern um einige Grade wörtlicher als sie und die realen um ebenso viel zu leichtsinnig. Die Deutsche Nation (...) hat sich die Schlachtparolen mit einer Wörtlichkeit zu eigen gemacht (...) und gleichwohl bei der Umsetzung in die politische Wirklichkeit eine Fahrlässigkeit gezeigt, die in Erstaunen setzt.« Reformation nicht Energiewende.
Und ebenso ist das deutsche Volk nicht durch den Dreißigjährigen Krieg herunter gebracht worden, sondern weil es so heruntergekommen war, entstand der 30JK. (...) Die Folge waren ganz analoge soziale Erscheinungen: plötzlicher Reichtum und ausschweifender Luxus der glücklichen Spekulanten, Not der Festbesoldeten und geistigen Arbeiter, Verarmung der kleinen Sparer, rapdie Entwertung aller Kapitalforderungen, Streiks
Finale Bemerkung. So übel mir die allzu sehr aus der Siegerperspektive der Eingungskriege, bzw. unter dem Eindruck der Niederlage in einem leicht vermeidbaren Krieg geschriebene Lobhudelung Bismarcks auch aufgestoßen ist, die Verteidigung des eisernen Kanzlers gegen den Vorwurf kriegslüstern zu sein, stempelt zumindest sämtliche nachfolgenden Ineinenweltkriegsstolpererer zu blutigen Dilettanten. Denn Bismarck fing seine Kriege nur zum für ihn günstigsten Zeitpunkt an und konnte sie wenigstens verhältnismäßig kurz halten. Wilhelm II, Hitler und die aktuell an die Schalthebel der Macht geratenen Turbodilettant*innen trugen viel zum Ausbruch eines nutzloses Blutvergießens bei.
Friedells "Kulturgeschichte der Neuzeit" ist ein eher essayistisch geprägtes Misch-Masch aus klugen Gedanken und in Worte gegossenen Plattitüden. In weiten Teilen hat der Autor kein ernsthaft historisches Werk geschaffen sondern rezipiert bereits damals als überholt geltende Vorurteile und schraffiert einzelne. In der Regel dient es ihm dazu seine - durchaus in Teilen originellen und manchmal überzeugenden Thesen zu - belegen und entgegen der Ankündigung nicht darum, ein wahrhaftes Panorama der Kulturgeschichte zu schaffen. Er selbst sieht sich in der Nachfolge von Jacob Burckhardt. Doch Burckhardt ist nüchtern und akribisch. Ich sehe Friedell hier eher in einer Linie mit Spengler oder Chamberlain, ideologisch, gut geschrieben aber die Augen vor der Realität verschließen.
Insgesamt trotz einiger interessanter Ansätze und insgesamt eingängigen Stils nicht zu empfehlen, wer sich tatsächlich für Kulturgeschichte interessiert, dem sei die "Geschichte des privaten Lebens". Der Annales-Schule ans Herz gelegt.
Astonishingly insightful cultural history. Better to dip into than to read from cover to cover. Brilliant potted bios of influential western thinkers and leaders. The language (at least the original) sweeps you along from sentence to sentence.
ES ist schon erstaunlich, wie er es schafft, ganze Jahrhunderte anhand von Philosophen, Kleidermoden und ähnlichen Dingen in eine ganz amüsante Erzählung zu bringen, stets abzudriften, aber auch hier quasi unerschöpfliches Wissen zum besten gebend. Nur, ein wirklich wissenschaftliches Werk kann es weder heute noch konnte es damals sein. Es zählt Friedells Meinung, und er vertritt sie meist süffisant, manchmal auch sehr unnachgiebig, jedoch ohne Widerworte. Am meisten musste ich über die oft wiederkehrenden, unverhohlenen Rassismen lachen, z.B.: Spanier würden nicht gerne arbeiten, oder Franzosen seien ruhmsüchtig, Slaven seien dickköpfig und vieles mehr, etc..
Als Kind seiner Zeit mag das noch durchgehen, und dennoch entschuldigt es nichts, denn auch in seiner Zeit gab es weitaus tolerantere und flexiblere Geisteshaltungen. Und das ist ebenso erstaunlich: Obwohl uns hier ein über alle Maßen gebildeter Mensch 'DIE' Geschichte Europas auf vielen Seiten erzählt, und obwohl er selber eher eine rebellische Jugend verbracht hatte, bleibt er dennoch ein konservativer Kulturhüter, der immer ganz genau wusste, was 'richtig' zu sein hatte.
At over 1500 pages this was quite an intimidating read. So I only read a few pages each day but those almost always managed to brighten my day since it's the cabaret that flows through Friedell's veins instead of the frozen fluid an actual historian needs. --- Dieses Büchlein hat stolze 1500+ Seiten. Daher genehmigte ich mir meist nur ein paar jeden Tag, aber diese waren fast immer sehr erheiternd. Im Gegensatz zu den eiskalten Venen von gelernten Historikern fließt in Friedells Adern das Wiener Kabarett und macht die Betrachtungen der Vergangenheit (und amüsanterweise auch ein paar in die Zukunft) zu einem einzigartigen Zeitdokument. Nicht alles war großartig und gegen Ende hin verliert er wirklich etwas die Lust, aber wenn ich mal wieder ein paar dilettantische hot takes brauche, werde ich ihn bestimmt ab und an mal aufschlagen.
Wer hier mehr erwartet als einen sehr groben Umriss von ein paar kulturell prägenden Highlights der Neuzeit, ist hier falsch.
Das liegt nicht unbedingt daran, dass Friedell keine Ahnung hat. Er scheint sein Gebiet schon zu kennen. Einzig, er hat deutlich zu viel Meinungen zu allem. Und er will unbedingt, dass die Leserin seine subjektive Meinung teilt.
Das "Sach" in "Sachbuch" steht für "sachlich".
Ich lese, um zu lernen und nicht um mir das Geschwätz eines Journalisten anzuhören, dessen anekdotische Abhandlung an eine Memoire erinnert. Nur, dass er natürlich nicht in der behandelten Geschichtsperiode gelebt hat.
Friedell's Kulturgeschichte der Neuzeit is unique by being a hybrid of a polemic and an essay on about everything that has happened in the covered, rather longer period of several centuries. It's expressionism translplanted into nonfiction and historiography. The sheer volume of the opus, together with a high stylistic level it's written on, lets one expect something else. Thus, the book itself has to be regarded as a major milestone of European culture.
Einer der größten Monumenten die ich kenne an die schöpferische Kräfte ein Mensch der eine gute Bibliothek besitzt. Ich schriebe kein längeres review, will dieses Buch jetzt seid viele Jahre fast mein einzige Deutschlehrer und Konversationspartner gewesen ist.