Ein Kabinettstück fast Nabokov'schen Ranges, mit ebenso ironischen wie wehmütigen Gedanken über die Alte und die Neue Welt. Mickey Mouse, Disneyland, das Elvis-Mausoleum und Las Vegas - das war das von Rezzori in den achtziger Jahren neu entdeckte mythische Lolitaland.
Gregor von Rezzori was born in 1914 in Chernivtsi in the Bukovina, then part of the Austro-Hungarian Empire and now part of Ukraine. In an extraordinarily peripatetic life von Rezzori was succesively an Austro-Hungarian, Romanian and Soviet citizen and then, following a period of being stateless, an Austrian citizen.
The great theme of his work was the multi-ethnic, multi-lingual world in which he grew up and which the wars and ideologies of the twentieth century destroyed. His major works include The Death of My Brother Abel, Memoirs of an Anti-Semite and his autobiographical masterpiece The Snows of Yesteryear.
En este artículo largo von Rezzori emprende un viaje en tres partes que pretende seguir las huellas de Nabokov en América y del periplo de Lolita y Humbert. El retrato de los Estados Unidos de finales de los 80 puede parecer entre distanciado e irónico en ocasiones pero el acercamiento va siendo cada vez más preciso, tierno y hasta lírico, mucho más complejo que el que demostró el maestro ruso.
Vier Jahrzehnte nach Humbert Humberts 27000 Meilen-Odyssee quer durch die USA begibt sich Gregor von Rezzori auf Spurensuche. Er legt dabei im Auto auf der Suche nach Lolitaland in drei Monaten "nur" die Hälfte der Entfernung zurück, eine immer noch bemerkenswerte Distanz. Natürlich hätte er genau die Route zurücklegen können, die auch Humbert Humbert gefahren ist, denn Nabokov selbst hat in einem Interview einen Hinweis darauf gegeben, wie sie sich rekonstruieren ließe: Man müsse nur ins Museum für vergleichende Zoologie an der Harvard Universität gehen und dort die Fundorte der Schmetterlinge aufschreiben, die Nabokov dem Museum vermacht hat. Sympathischerweise ist Rezzori aber hinter seinem eigenen Schmetterling her und erkundet die Weiten Amerikas auf eigenen Wegen. Dabei stellt er immer wieder Vergleiche zwischen Amerika und Europa an (das er inzwischen als ein Second Hand Amerika erlebt).
Seine Reiseschilderung ist gespickt mit Reflektionen, die gelegentlich etwas Verblüffendes haben: "Du kannst in Kansas oder Virginia oder Wyoming geboren sein und deinen Geburtsort auf die kitschigste Weise lieben, aber im tiefsten Innern weißt du, es ist nur ein winziger Fleck auf der riesigen irren Steppdecke Amerikas. Du kannst ihn ohne Wehmut verlassen, um in einen anderen Staat zu ziehen, und darauf in noch einen anderen, und immer noch daheim sein. Kein Wunder, daß das Nomadisieren ein so amerikanisches Phänomen ist. Hierüber dachte ich nach, während ich den Horizont ebenso schnell zurückweichen sah, wie wir ihn zu erreichen trachteten. Mir als neugeborenem Amerikaner taten die Europäer bereits leid. Sie hatten um sich keine Weite, die Armen. Und wo es keine Weite gibt, ist auch keine Zukunft, sagte ich zu Mark. Und wo keine Zukunft ist, hat die Gegenwart keinen Orientierungspunkt. Das erklärt auch unsere - der Europäer - unkritische Hinnahme und gedankenlose Nachahmung von allem, was amerikanisch ist."
Auf seiner Reise findet Rezzori Orte, die die archetypischen Vorbilder für Nabokovs Roman sein könnten. Zu seinem Bedauern scheint der Typus der Lolita hingegen kaum (noch?) auffindbar, nur auf einem Rummelplatz sieht er ein junges Mädchen, das die Bezeichnung wohl verdient haben könnte. Der verschämte Versuch, ein Foto des Mädchens zu machen, scheitert übrigens kläglich.
Dann beeindrucken mich solche Passagen: "Dort, aus der dichten Dunkelheit vor uns, über einer unsichtbaren Linie, die der verlorene Horizont sein mochte, kroch der Widerschein und dann das grelle Licht eines jener Berührungspunkte der Fernstraße mit einer schlafenden Stadt, und das abstrakte Leben darin - die schweigenden Fahrer in ihren Auto-Kapseln - schien Funken zu sprühen. Wir wußten, es war eine Fata Morgana, eine Abstraktion der gloriosen Möglichkeiten des Lebens, Vorspiegelung und Versagung zugleich, wie das erotische Versprechen eines Striptease. Mir wurde klar, daß diese Zonen des Lichts und verheißenden Lebens endlang endloser Straßen wirklich Lolitas Amerika waren.Wo sonst hätte sie eine solche Häufung ihrer großartigsten Ausblicke auf das Leben finden können: Hamburger- und Hot-Dog-Stände, Eisbars mit eisgekühlter Limonade, Souvenirläden, Jukeboxes und Flipperkästen? Was hätte ihrem Schwebezustand zwischen Kindheit und einer nie wirklich erreichten Reife besser entsprechen können als jene blendende Mixtur aus Illusion und Kruder Wirklichkeit?"
Ein sehr enttäuschender Abstecher in den Süden, einer Bekannten zuliebe, die so gerne das Scarlett-O´Hara-Land sehen möchte, mündet in der Erkenntnis: "Ich bin überzeugt, daß Lolita (die weit mehr meine geistige Zeitgenossin war als Jungfer Marianne) mit mir darin übereingestimmt hätte, daß Disneyland Dixieland vorzuziehen sei."
Am Ende seiner Reise findet Rezzori sein Lolitaland, aber wo es liegt, verrate ich hier nicht.
Das schmale Bändchen ist zweisprachig, der eigentliche Essay nur 40 Seiten lang. Uwe Friesel hat ihn ins Deutsche gebracht, und das für meinen Geschmack sehr gelungen. Ein leichtes Unterfangen ist das gewiß nicht gewesen, denn Rezzoris Stil erinnert in manchem an den des Meisters selbst, ironisch und sprachspielverliebt.