Ein zutiefst menschlicher Roman über das Leben einer Frau zwischen Deutschland und der Türkei.
Die Geschichte einer beeindruckenden Frau Es gibt drei Möglichkeiten, dem Leben zu begegnen: dulden, kämpfen, fliehen. Nach acht Jahren in der Türkei verlässt Gül zum zweiten Mal ihre anatolische Heimat in Richtung Deutschland: Um wieder bei ihrem Mann Fuat zu sein, der in Bremen arbeitet, und um noch einmal Fuß zu fassen in einem Land, das ihr eine bessere Zukunft verspricht, obwohl es ihr stets fremd geblieben ist. Heimweh und Sehnsucht hat sie gelernt zu erdulden, indem sie ihrer Umwelt immer liebevoll und voller Akzeptanz begegnet. Mit ihrer Herzlichkeit und Wärme berührt Gül jeden - über die Grenzen kultureller und sozialer Konventionen hinweg.
Einfühlsamer Roman über Heimat, kulturelle Identität und das Leben zwischen zwei Welten Es ist das Leben einer beeindruckenden Frau, das Selim Özdogan mit viel Gefühl und Poesie, aber ohne Sentimentalität schildert. Ein Leben, das geprägt ist von Melancholie und Trennung ebenso wie von Warmherzigkeit und Anteilnahme. Er gibt damit jenen Frauen eine Stimme, die wir als kopftuchtragende Mütter und Großmütter aus dem Bus oder dem Supermarkt kennen, deren Alltagswelt den meisten jedoch unbekannt bleibt. Ein zutiefst menschlicher Roman und ein wirksames Gegengift in unserer von Vorurteilen und Fremdenangst bestimmten Zeit.
Die Kraft des Herzens Nach den Romanerfolgen "Die Tochter des Schmieds" und "Heimstraße 52" erzählt Selim Özdogan die Geschichte seiner Protagonistin Gül weiter, mit der er bereits einen großen Leserkreis in Bann gezogen hat. Eine einfache Frau, nicht überdurchschnittlich gebildet, aber mit einem guten und weisen Herzen, voller Lebenserfahrung. Sie erfährt, was es bedeutet, Heimat zu verlieren und neue Heimat zu finden - nicht nur durch die Migrationserfahrung, auch durch die Entfremdung von der Familie und von der Welt der Kindheit. Mit der Zeit jedoch lernt sie umzugehen mit den Schmerzen, die einem das Leben zufügt. Denn da ist das Licht, das immer noch brennt, nämlich im eigenen Herzen.
Acht Jahre lang hat Gül in der Türkei gelebt, während ihr Ehemann in Deutschland gearbeitet hat. Dann jedoch verlässt sie zum zweiten Mal ihre Heimat in Anatolien, um bei ihrem Mann in Bremen zu sein. Obwohl sie schon vorher viele Jahre in Deutschland gewohnt hat, ist ihr das Land fremd geblieben. Sie beherrscht die Sprache nicht gut, hat Heimweh und Sehnsucht. Doch ihre Liebe, Wärme und Herzlichkeit konnte sie sich in all der Zeit bewahren, obwohl sie in ihrem Leben noch vor einige Prüfungen gestellt wird.
"Wo noch Licht brennt" ist der Abschluss einer Trilogie, die sich jedoch auch ohne das Wissen der beiden Vorgängerbände lesen lässt.
Meine Meinung: Mit dem dritten Teil der Reihe zu Gül ist Selim Özdogan ein ganz besonderes Buch gelungen. Es ist eine Geschichte, in der es um Leid, Trennung, Sehnsucht und Schmerz geht, aber auch um Liebe und Zusammenhalt. Eine Geschichte, die nicht nur das Leben einer fiktiven Figur beschreibt, sondern für viele Menschen türkischer Abstammung steht, die einst als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen sind und sich darin wiedererkennen können. Eine Geschichte, die weitgehend ohne Klischees auskommt und viele Zwischentöne kennt.
Es geht um kulturelle Identität und um das Thema Heimat. Immer wieder dreht sich der Roman jedoch auch um andere zentrale Fragen des Lebens, die sich für viele Menschen stellen. Die Tiefgründigkeit der Schilderungen konnte mich sehr zum Nachdenken bewegen konnte, sodass das Buch wohl noch lange bei mir nachklingen wird.
Auf eindrucksvolle Art werden die Gefühle und Gedanken der Protagonistin geschildert. Immer wieder sind die Melancholie und die "Variationen der traurigen Melodie" zu spüren, die Gül beschäftigen. Besonders begeistert hat mich die Sprache, die eine dichte Atmosphäre schafft und die Innenwelt Güls so gut beschreibt, dass man sich ihr sehr nahe fühlt. Der poetische Erzählstil sorgt für eine emotionale Lektüre. Gut gewählte Metaphern, tolle Sprachbilder und wunderschöne Formulierungen machen das Lesen zu einem Hochgenuss und haben dazu geführt, dass mich die Geschichte sehr berühren konnte. Das hübsche Cover rundet Inhalt und Sprache ab.
Mein Fazit: "Wo noch Licht brennt" gehört zu meinen Lesehighlights in der jüngsten Zeit. Es ist ein einzigartiges und ungewöhnliches Buch, ein leiser Roman, der berührt und verzaubert, wenn man sich auf diese besondere Geschichte einlässt. Darin heißt es: "Wer direkt ins Herz schauen kann, der liest das richtige Buch." Von mir gibt es eine klare Leseempfehlung.
I've thoroughly enjoyed all three books in this trilogy. They've given me a real insight into a person completely different to me, seeing the Turkish-German experience through Gül's eyes. Gül is a wonderful creation, a pleasure to spend time with.
Wo noch Licht brennt - das dritte und vielleicht beste Buch der Trilogie. Ich habe en an dem Tag fertig gelesen, an dem Beni hier in Istanbul angekommen ist, in der Metro auf dem Weg zum Otogari.
Auch in diesem Buch ist die Zeit zerstückelt, fragmentiert, die Erzählung springt, manchmal um Minuten, Stunden oder Tage, manchmal aber auch um Jahre. Man spürt, wie die Zeit vergeht, Gül wird immer älter, Fuat wird immer älter und so auch ihre Töchter Ceren und Ceyda. Manchmal geht eine Szene der Erzählung übergangslos in eine weitere Situation über, nahtlos, die Jahre später stattfindet aber doch durch Güls Leben verbunden bleibt. Die Auslassungen sind manchmal beklemmend, nicht zu wissen, was dazwischen passiert befremdlich, aber die Geschichte nimmt ihren Lauf wie es auch Güls leben tut. Wir stehen immer da, wo auch Gül gerade steht. Die Geschichte wird im Präsens erzählt, mit Ausnahme kleiner Blicke in die Vergangenheit und Blenden in die Zukunft.
Gül ist keine junge Frau mehr, als das Buch beginnt. Sie ist eine gestandene Frau, sie steht mitten im Leben, hat gesehen, hat erlebt und gefühlt, gehofft und getrauert. Sie kommt nach Deutschland zurück, nach unerfüllten Jahren in der Türkei. Ihr hat etwas gefehlt, doch sie wird es auch in Deutschland nicht finden. In die Fremde zu gehen, wird dich aushöhlen, wird dich leer zurücklassen und fehl am Platz. Doch dann in deine Heimat zurückzukehren wird dich auch nicht erfüllen, lernt Gül. Du wirst dich wie eine Außenseiterin fühlen, dein eigenes Land nicht mehr verstehen. Alles erscheint dir falsch, du gehörst hier nicht mehr hin. Die Ferne nimmt dir deine Heimat, lässt dich heimatlos zurück. Und selbst zuhause wirst du sie nicht mehr finden. „Wer einmal mehr gesehen hat, kann nicht einfach wieder die Augen schließen und alles vergessen. Es gibt zwei große Fehler, die man in seinem Leben machen kann. Der erste ist, die Heimat zu verlassen. Der zweite ist zurückzukehren.“
Als Gül nach Deutschland zurückkehrt, Fuat lebt und arbeitet jetzt in Bremen, findet sie heraus, dass er sie betrügt. Sie ist wütend und enttäuscht, obwohl dieser Mann ihr nie etwas gegeben hat. Obwohl sie nichts mehr von ihm zu erwarten hatte, außer wenigstens Anstand. „Die Hitze scheint aus zwei Richtungen zu kommen. Als würde jemand sie mit kochendem Wasser übergießen und als würde gleichzeitig glühende Lava aus ihren Haarwurzeln hervorschießen.“ In den nächsten Tagen wird Gül eine ungekannte Wut fühlen.
Dann springt die Handlung.
Jahre später. Gül scheint mit Fuat gesprochen zu haben. Sie arrangieren sich irgendwie. Fuat ist inzwischen treu, er ist immer noch ihr Mann. Sie hat nicht vergeben, nicht vergessen. Aber sie denkt nicht mehr so viel daran.
Gül schaut viel aus dem Fenster der neuen Wohnung. Sie beobachtet die Menschen, erkennt Verbotenes. Dealer, Drogensüchtige, die Döner kaufen, etwas aus dem Papier ziehen und den Döner daraufhin in eine Straßenecke werfen. „Sie sieht von dort oben noch andere offensichtlich verbotene Geschäfte. Die Menschen blicken sich um, ob sie beobachtet werden, sie schauen unauffällig nach links und rechts und hinter sich, aber nie nach oben. Die Polizei müsste nur eine Dachwohnung mieten und könnt von dort diese Menschen überführen, denkt Gül.“
Inzwischen gibt es auch Telefone. Sie können die Sehnsucht nach einer Stimme stillen. Doch Telefonate sind teuer, auch wenn sie immer günstiger werde. Irgendwann wird die Drehscheibe durch Tasten ersetzt, Fuat preist den Fortschritt, preist Deutschland. Doch im Gegensatz zu Briefen ist die Stimmt flüchtig. Konnte man früher einen Brief überallhin mitnehmen, immer wieder lesen, immer wieder Trost finden an den Worten einer geliebten Person, verklingt die Stimme aus dem Telefon. Sie klingt nur ein Mal. Und unter Zeitdruck, denn jede Minute kostet. Oft wird Gül mitten in der Nacht geweckt, weil Telefonate erst nach Stunden zugestellt werden können, und muss zum Telefon laufen um ihren Vater zu hören. Timur kann nicht lesen, nicht schreiben. Er musste sich die Briefe vorlesen lassen, diktierte seine Briefe einem Mann, der Urkunden ausstellt. Briefe gehen tiefer als Telefonate. Es gibt keine unüberlegten Worte. Worte fließen aus dem Herz aufs Papier, wohlformuliert und tröstend. Gül überlegt lange, wie sie dies und jenes sagen, dies und jenes auslassen kann und wie sie in der Heimat Trost spendet. Wie sie sich nicht anmerken lässt, wie schlecht es ihr geht, wie traurig und leer sie sich fühlt.
Gül lernt Can kennen, der ihr eine Telefonkarte verkauft. Er ist Kleinkrimineller, 16 Jahre alt, als sie ihn kennenlernt. Sie trifft sich regelmäßig mit ihm, obwohl sie so viel trennt. Sie erzählt niemandem davon. Als sie herausfindet, das Yilmaz Haschisch raucht, spricht sie mit Can darüber. Can fragt, ob er trinkt. Fast gar nicht, antwortet Gül. „Er wird seine Frau nicht schlagen, weil er bekifft ist, er wird sein Kind nicht schlagen, er wird am nächsten Tag immer wissen, was er getan hat. Solange er nur kauft und raucht und sich in nichts anderes einmischt, sollte es kein Problem sein.“
Yilmaz und Sainyes Tochter möchte zum Studieren in eine andere Stadt ziehen. Sie ist Feministin, diskutiert jetzt mit den Erwachsenen. Gül findet das falsch. Nur Yilmaz hat Verständnis, der Kommunist, den Fuat nicht ausstehen kann. Der Fuat aber für seinen Mut bewundert, für seinen Willen, das Beste vom Leben zu fordern. „Auf einen Sohn, der alles flachlegt, ist man stolz und nennt ihn toller Hecht, bei der Tochter schämt man sich und nennt sie Schlampe. Wahrscheinlich ist das alles nur unsere Erziehung. Mein Vater hat immer gesagt: Ein Schlüssel, mit dem man jede Tür öffnen kann, ist ein guter Schlüssel, aber eine Tür, die sich mit jedem Schlüssel öffnen lässt, ist keine gute Tür. Das hat mir jahrelang eingeleuchtet, doch irgendwann habe ich mich gefragt: Warum soll denn so klar sein, dass die Tür die Frau ist? Aber sich diese Frage stellen und sie loslassen sind zwei verschiedene Dinge. Sevgi hat meinen Segen, sie soll in diesem Göttingen glücklich sein, das ist es, was zählt.“ „Die Zeiten haben sich geändert. Junge Leute treffen heute Entscheidungen, wo wir nicht mal gewagt hätten, eine Meinung zu haben.“
Gül ist jetzt Großmutter. Duygu, ihre Enkelin, nennt sie „Oma“. Sonst redet sie türkisch mit ihr, aber sie nennt sie immer „Oma“. Mit ihrem Bruder Timur spricht sie nur Deutsch. Vielleicht ist das der Grund, dass er schlechter Türkisch spricht als seine Schwester. Gül hat den Eindruck, dass immer die Erstgeborenen am besten Türkisch sprechen, je jünger die Geschwister, desto schlechter beherrschen sie ihre „Muttersprache“.
Gül wird viel lernen über das Leben, wird weise. „Oft verschiebt man das Glück in die Zukunft“. Wenn die Schicht zuende ist, wenn die Kinder schlafen, wenn das Geld auf meinem Konto ist, dann werde ich aufatmen, froh sein, sorglos… „Es gibt drei Möglichkeiten, dem Leben zu begegnen: dulden, kämpfen, fliehen. Güls Wesen ist auf dulden ausgerichtet.“
Irgendwann kommt der Finanzcrash, alles Geld was Fuat und Gül gespart haben ist weg. All die harte Arbeit in der Ferne – und nun ist alles weg. Sie spricht tagelang nicht mit Fuat. Aber sie bekommen das Geld wieder, eine Einlagesicherung.
Gül und ihre Geschwister haben sich auseinandergelebt. Eine echt Bindung zu Sibel hat Gül erst aufgebaut, als sie wieder in der Türkei lebte. Nalan lebt in Istanbul, sie ist eine echt Istanbuler Dame geworden, angeblich betreibt sie eine Bar, aber was sie wirklich macht, weiß niemand so recht. Emin ist kein Lehrer mehr, er wollte reich werden und handelt jetzt in Istanbul mit Autos. Melikes Sohn ist Basketballer und reich geworden und hat Melike ein teures Haus gekauft.
In Güls letzten Wochen in der Türkei hat ihr Vater zu ihr gesagt, die Geschwister würden sich streiten, wenn er tot sei. Gül konnte das nicht glauben. Doch er sollte recht behalten. Eines Tages bekommt Gül einen Anruf von Sibel, ihr Vater liege im Sterben. Melike und Nalan seien schon auf dem Weg. Gül läuft über vor Gefühlen. Warum hast du mich nicht als erstes angerufen, ich bin die älteste Schwester??
Gül kommt zu spät in ihrer Heimatstadt an. Als sie aus dem Bus steigt, ist ihr Vater schon tot. „Gül“ sei das letzte Wort gewesen, dass seine Lippen gesprochen haben. Schon kurz nach der Beerdigung meint Melike zu Gül, das Sommerhaus sei auf Fatima eingetragen, die drei anderen Geschwister hätten gar kein Anrecht darauf. Sie könnten… Nein, sowas machen wir nicht, sagt Gül. Melike spricht oft über das Haus, Anteile, Ausbezahlen…
Irgendwann kommt Gül nach Hause und Melike hat begonnen, im Garten ein weiteres Haus zu bauen. Ohne es mit Gül abzusprechen. Sie baut es mit Emin zusammen. Beide streiten sich und machen heimlich Änderungen mit den Bauarbeitern aus. Daher passt das Haus am Ende gar nicht zusammen. Gül ist außer sich vor Wut, was fällt Melike nur ein. Es gibt viel Dedikodu, Gossip.
Dann hört sie von einer Nachbarin, das Gerücht mache die Runde, Gül wolle Alles für sich alleine haben, nur deshalb habe sie Timur nach Deutschland eingeladen, weil sie ihm einreden wollte, sie solle das Haus erben. Deshalb sei sie auch so wütend gewesen, dass Sibel sie nicht als erstes angerufen hat.
Das ist lange das größte Thema in ihrem Kopf. Sie erzählt Ceren oft davon, die auch in Deutschland wohnt. Gül ist enttäuscht, verbittert, traurig, verzweifelt und wütend. Sie fühlt sich ungerecht behandelt und versteht nicht, warum ihre Geschwister sich so verhalten. Sie macht Anschuldigungen, ist manchma wütend, manchmal traurig, aber sie kann nicht verstehen. Warum hat Sibel das weitererzählt? Sie hätte nicht tratschen dürfen, das sei eine Sache zwischen Geschwistern.
So sei es nun mal, sagt Ceren. Wenn du nicht möchtest, dass es jemand erfährt, darfst du es niemandem erzählen. „Bist du jetzt etwa auch auf ihrer Seite?“ fragt Gül. „Nein, ich bin auf niemandes Seite. Sie sieht ihre Mutter an und korrigiert sich. -Natürlich bin ich auf deiner Seite, ich bin deine Tochter, aber das heißt nicht, dass ich blind bin. Die auf der anderen Seite sind auch Menschen. Niemand ist morgens aufgestanden und hat sich gedacht: Ich möchte Gül Leid zufügen.“ „Kann mir nicht auch einmal jemand Recht geben? Sie hätte nicht tratschen dürfen. -Sie hätte nicht tratschen dürfen. Aber sie hat es getan. Wir können es nicht rückgängig machen, wir müssen nach vorn sehen.“
Irgendwann spricht sie mit Sibel darüber, fragt sie, warum sie herumerzählt hätte, dass Gül am Telefon so böse war? Sibel sagt, sie habe nur die Wahrheit erzählt, aber Menschen würden immer etwas dazuerfinden. Und dass Gül am Telefon so böse war, dass sie nicht als erstes benachrichtigt wurde, das sei ja wohl die Wahrheit. Ihre Stiefmutter Arzu habe gefragt, wie Gül die Nachricht aufgenommen habe und dann habe Sibel das erzählt.
„Ich habe hier in meiner eigenen Welt gelebt und einen Mann gefunden, der das auch wollte. Aber willst du die Wahrheit erfahren, Gül? Es hat nicht funktioniert. Es kommt immer jemand von draußen und versucht Neid, Hass, Tratsch und böse Gedanken in dieses Haus zu tragen. Es kommt immer jemand mit Beschuldigungen.“
„Wenn du mit Beschuldigungen hier her kommen willst, ist es der falsche Ort“, sagt Sibel. „Ich halte mein Herz rein, versuche du es auch, Gül. Wenn du etwas zu sagen hast, sag es dir selbst.
„Zorn wallt auf. Großer Zorn. Drei, vier, fünf Sekunden glaubt sie, sie wäre in der Lage, ihn zu unterdrücken. -Mein Herz ist rein, schreit sie dann. […] Sie steht auf und geht. Sie geht, weil die Geschichte, die sie diesen Frühling so oft erzählt hat, ein Teil von ihr geworden ist, ein Teil, den sie beginnt, mit dem Ganzen zu verwechseln.“
Ceren sagt, die Geschwister sollen sich zusammen setzen und über alles reden. Mit einer unbeteiligten Person. Alle Geschwister stimmen zu. Das Treffen eskaliert gewaltig, alle schreien sich an und Melike schreit, Gül sei ehrlos, wolle alles für sich. Alle keifen sich gegenseitig an, Beschuldigungen fliegen durch die Luft und der Schiedsrichter verlässt den Raum. Wenn ihr es nicht schafft, wie erwachsene zu diskutieren, will ich damit nichts zu tun haben.
Bei einem zweiten Treffen wird Gül überstimmt. All ihr Flehen bringt nichts, all ihre Bitten, ihr wenigstens diese Erinnerung zu lassen. Das Sommerhaus soll verkauft werden.
Alle reden über alle, kaum miteinander, kaum offen und ehrlich. Ich finde, dass dieses Buch sehr toll beschreibt, wie es zu solch unlösbar scheinenden Fehden in Familien kommen kann. In diesem Buch sieht es, zumindest größtenteils, so aus, als wäre Gül im Recht. Aber es geht ja auch um Gül. Was hat Melike wohl ihrem Sohn erzählt, warum benimmt sie sich so? Sie ist bestimmt nicht aufgestanden und hat gedacht – na gut, ich will Gül Leid zufügen.
Was bleibt? Gül wird eine alte Frau. Fuat kauft ein Haus am Meer, wo sie nun ihre Tage verbringt. Eine tolle Geldanlange. Früher haben sie Elektrogeräte aus Deutschland mitgebracht, die Einrichtung für das türkische Haus wurde mit dem Lastwagen komplett aus Deutschland angeliefert. Heute sind die Geräte in der Türkei besser. Sie sind auf Türkisch beschriftet, haben mehr Funktionen, die Gefrierfächer haben eine No-Frost Funktion und die Kühlschränke anstatt Butterfächern Platz für Frühstücksschälchen.
Was in meiner Rezension zu kurz gekommen ist, ist Güls Liebe zu ihren Töchtern. Solange es ihren Töchtern. Solange es ihnen gut geht, ist alles okay. Gül gibt alles, um immer hinter ihren Töchtern zu stehen. Sie lernt langsam, mit ihnen zu reden. Ceyda heiratet früh, aber ihr Mann stirbt irgendwann. Sie war die einzige Frau der Familie, deren Kinder einen guten Vater hatten, die einzige, die einen guten Ehemann hatte. Aber Mecnun stirbt. Irgendwann heiratet sie wieder. Vor allem mit Ceren, die in Deutschland lebt, wird Gül eine innige Bindung haben und viel sprechen. Auch wenn Ceren nie vergessen wird, wie Gül sie verlassen hat, um nach Deutschland zu gehen. Die drei Bücher handeln vom hin-und-her; eigentlich wollte Gül nur ein paar Jahre nach Deutschland, aber sie kommt nie davon los. Deutschland hält die Menschen gefangen, man kommt nicht weg davon. Irgendwann holt es einen immer wieder ein.
Irgendwann kommt noch eine wichtige Neuerung in Güls Leben. Ihr Enkel Timur gibt ihr seinen alten Laptop und installiert Facebook für sie. Ein Foto vom Balkon ihres neuen Hauses wird ihr Profilbild, mit dem Pool im Hintergrund, der Fuat so imponiert hat – sauberer noch als Meerwasser sei er. Ich würde dieses Foto gerne sehen, würde Gül gerne sehen. Ich kann sie mir fast vorstellen. Ich wüsste gerne, wie ich mich mit ihr verstehe würde, ob ich bereit wäre, ihr zuzuhören. Von Saniye lernt Gül, Facebook zu bedienen. Ein Tor zur Welt, wie einst das Radio im Sommerhaus ihres Vaters. Sie sieht, was alte Bekannte posten. Sie beginnt, Gedichte von Pamuk Veysel zu posten, andere Sprüche. Dort trifft sie auch Menschen aus ihrer alten Schulklasse, kommt zu einem Klassentreffen.
Gül reist nach Deutschland zu ihrem Mann. Dort hat sie bereits vor Jahren gelebt und war nun acht Jahre zurück in ihrer Heimat, der Türkei. Sie wagt einen Neuanfang in dem Land, dass ihr immer noch so fremd erscheint, in dem aber eine ihrer Töchter lebt. Gül kämpft. Für ihre Ehe, einen Job, eine Wohnung, ein Leben. Sie sieht Kriminalität und Ungerechtigkeit, während ein Teil von ihr einfach nur zurückwill. Bis auch das unmöglich wird. Dieses Buch stellt viele Fragen. Was ist Heimat ist nur eine davon. Güls Verbindung zu ihrem Mann ist vielleicht eher eine Verpflichtung, als das, was und heute als Liebe vorgestellt wird, aber sie ist eine unumstößliche. Genauso wie ihre ganze Zwiegespaltenheit. In ihrem Heimatdorf ist sie die Tochter, die nach Deutschland ging, in Deutschland dagegen wird sie immer nur als „Ausländerin“ angesehen. Als sie einen Sprachkurs machen will, wird er verwehrt, weil sie schon zu lange in Deutschland ist. Er sei nur für Neuankömmlinge. Indem der Roman Gül über Jahrzehnte begleitet, zeigt er viele Wandlungen. Gül ist naiv und ängstlich. In Deutschland hat sie kein Vertrauen. Die Sprache nie richtig zu sprechen ist für sie auch eine Abgrenzung, ein Versuch, sich nicht zu verändern. Doch das tut sie zwangsläufig. Noch deutlicher wird das bei ihrem Mann, der im Urlaub den Standard vermisst, den er aus Deutschland kennt. Dort aber inszeniert er sich immer als Opfer des Systems. Gül dagegen sieht sich als Opfer des Schicksals, durch das sie auch Täterin werden muss. Das Schuldgefühl, ihre Kinder einst zurückgelassen zu haben, holt sie immer wieder ein. Wo die Heimat für Gül verloren geht, findet sie in den neuen Medien eine neue Verbindung. Mediale Kommunikation verknüpft sie mit Freunden der Grundschultage. Auch hier ist sie naiv. Herausgewachsen aus der dörflichen Ordnung, kann sie niemanden einschätzen und sieht in jedem gleichermaßen Freund und Feind. Diese Komposition ist kein spannungsvoller Abenteuerroman, sondern ein wesentlich feinfühliger. Zwischen den Zeilen stehen die eigentlichen Erkenntnisse. Die Entfremdungen, Hoffnungen, Suchen. Güls Leben beschäftigt sich nur mit einer Geschichte, sondern mit vielen. Realitätsnah und authentisch ist diese Art, zu erzählen. Mitreißend auf eine ungewöhnliche Art und immer wieder fragend. Mitunter springen die einzelnen Abschnitte thematisch sehr, so dass im ersten Moment der Kontext fehlt. Güls umfassende Naivität hat sie mir als Protagonistin manchmal schwer genießbar gemacht. Denn in den entscheidenden Moment beweist sie intuitive Größe und Mut. Die kann sich durchsetzen, aber lange Zeit läuft sie einfach nebenbei und beobachtet. Natürlich ist das ebenso kultur- wie generationenfrage, aber mir war sie dabei manchmal einfach zu leise. Gleichzeitig wurde ihr Mann zum Stereotyp verkitscht, das große Töne spuckt und immer wieder Fehlentscheidungen trifft. Hier hatte ich mir mehr erhofft. Die Sprache ist eingängig und führt durch die sprunghaften Episoden. Güls Gedanken und die Einwürfe des Erzählers dabei sind tiefgehend, mitunter poetisch und sehr stimmungsvoll. Der kleine Kosmos der Protagonistin, ein geschützter Raum. Wo noch Licht brennt hat mir eine andere Welt gezeigt und einen kleinen Einblick gewährt. Mit der Protagonistin wurde ich nicht wirklich warm und hatte doch Anteil an ihrer Geschichte. Das als Autor anzuleiten, ist nicht leicht.
Es ist eine besondere Geschichte, die Selim Özdogan hier erzählt – und auch wenn es der Abschluss einer dreiteiligen Reihe ist, kann man sie gut ohne Vorwissen der anderen beiden Bücher lesen und genießen.
Es ist eine Familiengeschichte, in deren Mittelpunkt Gül steht. Sie verlässt ein zweites Mal ihre Heimat Anatolien, um bei ihrem Mann Fuat in Deutschland zu leben – doch die Umstände führen dazu, dass sie sich weder hier noch dort wirklich wohl fühlt und sie sich so ständig auf der Suche nach sich selbst befindet.
Es ist eindrucksvoll, wie der Autor die Gefühle und Gedanken einer türkischen Frau in Deutschland eingefangen hat und für mich steht Gül für eine ganze Generation und Kultur. Immer eher im Hintergrund und selten wirklich ihre eigene Meinung sagend, erduldet Gül vieles, wehrt sich nur selten und schluckt vieles runter – sicherlich spielt da ihre Persönlichkeit eine große Rolle, trotzdem aber erkennt man in ihr auch eine eigene Generation und die den Deutschen oft fremde Kultur.
Gül ist eine liebenswerte Frau, die ein großes Herz hat, aber dennoch immer still und leise wirkt, nur selten aus sich herausgeht – mir war sie an vielen Stellen zu still und zu rücksichtsvoll und manches Mal hätte ich sie gerne geschüttelt, dass sie was sagt und nicht einfach nur ihr Leid erträgt. Der Leser erhält viele Einblicke in ihre Gefühls- und Gedankenwelt, bei einigen anderen Figuren hätte ich mir das auch gewünscht. Zwar sind auch sie gut gezeichnet, bleiben aber hinter Gül eher blass und erwecken manchmal den Eindruck, ein Klischee zu erfüllen.
Beeindruckt haben mich die Sprache und der Stil, mit dem die Geschichte erzählt wird. Die Atmosphäre ist sehr dicht, fast durchweg melancholisch und bedrückend – an manchen Passagen konnte ich das kaum aushalten, weil es so wenig Freude und Glück in Güls Leben gibt und ich wirklich mit ihr gelitten und gefühlt habe. Erst ganz zum Schluss hatte ich das Gefühl, dass auch ein bisschen Sonnenschein in ihr Leben zieht, vorher war es trist, voller Wolken und Dunkelheit. Diese erdrückende Stimmung wurde wirklich fantastisch eingefangen – dabei bleibt der Schreibstil gut zu lesen, auch wenn es manchmal verwirrend war, in welchem Land die Geschichte gerade spielt und wie viel Zeit vergangen ist. Es gibt Zeitsprünge in die Vergangenheit, aber auch nach vorne – und hier wurden oft auch schon mal einige Jahre übersprungen. Zum Glück lösen sich diese Fragen nach wenigen Absätzen auch wieder auf, trotzdem musste ich an vielen Stellen erst kurz innehalten und überlegen, wo und wann die Geschichte gerade spielt.
Das Buch besticht durch seine Sprache und hat interessante Einblicke in das Leben einer türkischen Frau und Familie in Deutschland gegeben – mir war es insgesamt zu düster und melancholisch, etwas mehr Lebensfreude hätte ich mir für Gül gewünscht. Ich gebe dieser Geschichte 3,5 von 5 Sternen und empfehle es allen denen, die sich für andere Kulturen und eine außergewöhnliche Geschichte interessieren.
Mein Fazit Eine interessante, aber auch bedrückende Geschichte einer türkischen Frau in Deutschland – sprachgewaltig werden die Gedanken und Gefühle der sympathischen, aber sehr in sich gekehrten Protagonistin erzählt. An vielen Stellen war es mir zu bedrückend, und ich hätte mir etwas mehr Lebensfreude gewünscht – trotzdem fesselt das Buch und hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Ich gebe ihm 3,5 von 5 Sternen.
The author has mastered the craft of gentle and incisive storytelling and the translation is very good. Gül winds up in Germany, as many Turkish people have done in recent decades; she returns to Anatolia for several years to be with her family but then comes back to Germany once again, to be with other members of her family, including her husband.
The novel captures the sense of dislocation very well, people who arrive in an unfamiliar country are looking in on a culture from the outside, never quite feeling fully connected. This seems to be the case for Gül who is neither fully integrated into German culture nor fully at home in Turkey, where she is always seen as the daughter who went to Germany. In her absences, both countries move on, culture shifts, words change, attitudes develop and she has to master the art of observation to help her understand – to make sense of what she sees and experiences, and also determine where she fits in.
She has to deal with her daughters and her husband, who can be unreliable, she has to manage family squabbles and aspects of life that affect so many adults, all within her own specific cultural framework. It is a thought provoking account, of getting behind the headlines to the real people who move between countries and yet find themselves never fully integrated, whether from their own actions or the way indigenous society perceives them and ultimately is (or isn’t) accepting of them.
“Her life in Germany is swathed in mist; she doesn’t understand all the words – at times she can only make out the contours of the sentences, she’s never sure she’s got everything right.”
A Light Still Burns is the third novel in the Anatolian Blues trilogy but this can easily be read as a standalone. Having said that, there is quite a cast of characters who pass through the story and I, at times, struggled to keep hold of many of them. Perhaps if I had read all three in the series, the characters may have felt more familiar and relatable, although Gül, as the central character is beautifully fleshed out, warm, sincere and thoughtful.
Gül hat Sehnsucht, egal ob Deutschland oder Türkei, die Sehnsucht bleibt genauso wie die Angst. Und dann sind da ja noch die Menschen ihrer Familie. Fuat bei dem sie eine Entdeckung macht und Ceyda und Ceren ihre Töchter deren Wege sie mitverfolgt, mal hautnah mal von weit weg.
Ein Buch bei dem ich lange gebraucht habe um einen Zugang zu finden. Anfangs fiel es mir schwer, da ich zum einen den Schreibstil als ungewohnt empfunden habe und zum andern nicht sonderlich gereizt vom Inhalt war.
Nachdem ich ein zweites Mal gestartet bin und ein Weilchen gelesen habe, hat sich das drastisch umgekehrt. Ich habe das Buch sehr schnell durchgelesen, mich an die Sätze gewöhnt und habe mich sehr angesprochen vom Inhalt gefühlt, auch da die Geschwindigkeit der Ereignisse im Lauf der Geschichte zugenommen hat.
Ich war sehr berührt von dem Buch und habe unglaublich viel Gedankengut für mich mitnehmen können.
Zum ersten Mal seit ich denken kann, habe ich damit begonnen in einem Buch zu markieren, weil mir einfach die Klebezettel ausgegangen wären, wenn ich jeden Satz beklebt hätte, den ich besonders gut fand. Besonders gut fand ich auch die stillen Formulierungen, die Toleranz förderten, das aber auf so eine angenehme Weise vermittelten das es nicht plump heraus viel aus der Handlung.
Zusammenfassend muss ich sagen ein Buch das ich jedem ans Herz legen würde gerade wenn es um Toleranzbewusstsein und das Sinnieren über das Leben geht. PS: habe mir fest vorgenommen die vorherigen Teile auch noch durch zu schmökern.
"Life is hard, hard for all of us, but perhaps our breath always has the same weight. Perhaps ultimately, we all bear the same burden of lives on loan"
Published in Germany in 2023; from author and actor Ozdogan; the concluding novel in his trilogy. A work that peers into the domestic lives of Turkish workers living between Germany and Turkey. An emotional tale of family bonds and rivalry; their longing, the separation of exile and differences in national identities. Regrettably, the concluding section the story does get oversweet and mawkish with the two translators writing 'goodbye'letters to the protagonist.
"Letters on paper speak of writing, they speak of distance and closeness. A keyboard betrays nothing...its faster, but it can't carry feeling with it"
"We're made out of time, and the only time that counts is what we've got ahead of us"
Auch wenn ich persönlich immer etwas skeptisch bin, wenn ein männlicher Autor aus weiblicher Sicht schreibt, mochte ich es gern, in Güls Gedankenwelt einzutauchen und mitzuerleben, wie sie immer wieder Moralfragen mit sich selbst ausgehandelt hat. Obwohl das Buch auf deutsch geschrieben ist (was lustig anmutet, da die Protagonistin selbst Schwierigkeiten im Deutschen hat), mochte ich die sinngemäße Einbettung türkischer Sprichwörter. Die Beziehung zu ihrem Mann habe ich nicht wirklich verstanden und sie hat mich teils wütend gemacht, gleichzeitig aber herausgefordert.