Was für ein unvergleichliches Leseerlebnis, was für ein Buch! Zum Niederknien schön, danke an den leider schon vor wenigen Jahren verstorbenen Autor Rao Pingru, danke an die großartige Übersetzerin, die aus den Aufzeichnungen nicht bloß eine Übersetzung sondern eine bemerkenswerte literarische Interpretation geschaffen hat und danke an den liebevollen Zeichner Rao Pingru, der durch seine Illustrationen dem grauen Alltag Farbe und Seele verleiht. Und Danke auch an den Matthes & Seitz Verlag, der aus dem Stoff ein höchst aufwändiges, haptisches und optisches Meisterstück gefertigt hat.
Ein Buch für die Ewigkeit, ein Zeitzeugen-Dokument in der denkbar schönsten Gestaltung.
Übrigens auch ein wunderbares, kostbares Geschenk für jeden, der irgendeinen persönlichen oder beruflichen Kontext zu China hat.
Am beeindruckendsten waren für mich die gefühlt 200 wunderschönen Zeichnungen, die jede Etappe des Buches begleiten. Es ist die Geschichte eines Lebens, startend in Raos Kindheit und die Geschichte eines Ehepaares, bis zum Tod der Frau (Meitang), 2008, kurz vor den olympischen Sommerspielen. Sie hat 5 Kinder mehr oder weniger alleine großgezogen, während ihr Mann Rao weit weg im Arbeitslager/Umerziehungslager war, 22 Jahre lang.
Das Memoir erstreckt sich insgesamt über eine Zeit von fast 80 Jahren, nie pathetisch, nie wehleidig oder (an)klagend, es ist ein sehr persönlicher Begleittext zur großen Geschichte, Tragödien und politische Katastrophen werden hingenommen, der Einzelne versucht irgendwie zu überleben, nicht zu verhungern, nicht zu erfrieren. Es ist somit auch das Zeugnis eines Menschen, der in einer Kultur lebt, in der die großen Ereignisse, die politischen Machenschaften einfach stattfinden, der „kleine Mann“ aus dem Volk hat darauf keinen Einfluss und zerbricht sich deshalb gar nicht den Kopf, ob das gut oder schlecht ist, es ist einfach so und er muss damit umgehen, es wird keine Zeit damit vergeudet, darüber nachzudenken, ob die richtigen Politiker an der Macht sind; die ganze Kreativität fließt in den Überlebenskampf, für sich selbst, die Familie, Freunde. Was für uns selbstverständlich ist, wie Essen oder Kleidung, ein sicheres Heim, medizinische Versorgung, sind hier die Aspekte, um die sich der Alltag dreht. Eine seltene Speise, ein wärmendes Kleidungsstück sind die kleinen und großen Freuden.
Die ganze Monstrosität des autoritären Regimes ist immer präsent, zeigt sich in den Auswirkungen auf das Leben von Raos Familie, aber in den ganzen 500 Seiten findet sich kaum ein konkreter Gedanke oder ein gesprochenes Wort über die große Politik und deren Akteure. Auch in den Briefen, die Meitang über 2 Jahrzehnte ins Lager zu ihrem Mann schickt, geht es immer um die oben beschriebenen Alltagsdinge. Dieses Buch kann wirklich als Kleinod der Hoffnung und Zuversicht gelesen werden …. bequem auf dem Sofa im warmen Wohnzimmer mit großer Dankbarkeit.