Die deutsche Phantastik-Autorin Claudia Kern schrieb mit diesem Roman einen dystopischen Polit-Thriller, der meines Erachtens das Zeug hätte, als Drehbuch für eine Polit-Fernsehserie á la "House of Cards" zu dienen. Mich hat das Buch sehr aufgeregt, nicht weil es schlecht ist, im Gegenteil. Sondern weil es so nah an den aktuellen Entwicklungen in den USA; und nicht nur in den USA (siehe Ungarn, Polen, Brasilien, Breixit, AfD; etc.) ist, wo Populisten in Regierung und Opposition gegen alle Werte stehen, für die Generationen von Menschen gekämpft, gelitten und gestorben sind. Dazu kommt noch die Pervertierung des Internets, das die freien Medien niederkämpft und die Öffentlichkeit mit Fake News und Verschwörungstheorien einnebelt, so dass der "normale" Bürger nicht mehr weiß, was Sache ist.
Alle diese Entwicklungen übernimmt Claudia Kern in ihrem fiktiven Roman über die USA, bei der ein populistischer Politiker die republikanische Partei übernimmt und gegen alle Erwartungen die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Dass er kurz nach der Wahl mittels Twitter-Feeds und Erlassen, eine Aura der Angst vor illegalen Emigranten schafft, sollte uns sattsam bekannt vorkommen.
Allerdings treibt es Claudia Kern noch weiter, bei ihr grenzt der Präsident alle Nicht-Bio-Amerikaner wie er sie nennt, aus und schürt Ressentiments. Fremdenhass, Neu-Rechte Bewegungen und Futterneid greifen um sich, nur drei der Staaten der USA verweigern dem Präsidenten ihre Gefolgschaft bei der Durchführung des Dekrets.
Diejenigen, die in ihrer eigenen Heimat zu Flüchtlingen werden haben nur eine Chance – nach Washington, Oregon oder Kalifornien fliehen – doch zunächst schließen deren Nachbarstaaten die grünen Grenzen. Es ist unberechenbar, wie der Präsident und die republikanisch regierten Bundesstaaten darauf reagieren. Jede Aktion und jede Entscheidung scheint die USA tiefer ins Chaos zu stürzen.
Die Struktur des Romans wirkt auf mich wie gemacht für eine TV-Serie. Durch die kurzen Kapitel wird zügig von einem Schauplatz zum nächsten geschwenkt. Wir verfolgen unter anderem eine schwarze Polizistin in Seattle, die sich Protesten auf den Straßen gegenübersieht und sich fragt, ob sie auf der richtigen Seite steht, einen illegal eingewanderten Mexikaner, der unter dem neuen Präsidenten seine Hoffnung, sich ein besseres Leben in Florida aufzubauen, begraben muss, und einen Neonazi, der sich durch seine Gruppe und ihrem charismatischen Anführer einen Weg aus der Armut erhofft.
Die Autorin legt den Neonazis üble rechtsradikale, rassistische und unmenschliche Parolen in den Mund, deren absurde inhumane Ansichten bei mir Grausen und Übelkeit auslösen, auch weil ich weiß, dass es diese Gruppen tatsächlich gibt und sie in den USA ihre Meinungen frei verbreiten dürfen, ohne dass ihnen widersprochen wird.
Ansonsten wirkten die Charaktere allerdings auf mich etwas blass, selbst Präsident Johnson nervte mich nicht so sehr wie der echte.
Das ist überhaupt mein Problem mit diesem Buch; einerseits hat Claudia Kern im Impuls des Wahlkampfes in den USA, als es zwischen Clinton und Trump immer schmutziger wurde, aufgenommen und diesen Roman vefasst, andererseit hat sie m.E. tief ins Schwarze getroffen. Viele der erschreckenden Elemente des Buches sind eingetroffen (Kampagnen gegen Flüchtlinge, Handelskriege, Hofierungen von Diktatoren, Mauer zu Mexiko etc.pp), die USA sind in meinen Augen inzwischen zum Reich des Bösen geworden. Der Slogan "America First" ist in meinen Augen nicht besser als der Slogan der Nazis "Deutsche, kauft nicht bei Juden".
Und das macht mich fertig, ich war immer (vieleicht bin ich es immer noch) ein Amerika-Fan; ich habe die Werte, für die Amerika stand und die Amerika nach dem II. Weltkrieg hier in Deutschland implementiert hat, hoch geachtet und bewundert. Ich konnte (und kann) mir nie vorstellen, daß mein Lieblingsland sich so in eine falsche Richtung entwickeln konnte.
Deshalb hat mich der Roman so erschüttert, weil es ein dystopisches Amerika zeigt, eine negative Spekulation, die sie sein sollte, aber mit dem Zeitgeschehen der letzten 2 Jahre zeigt es sich, dass die SF in diesem Roman von der Wirklichkeit überholt wurde, ein guter Roman, der bei mir persönlich ein schlechtes Gefühl hinterläßt...