(Please find the English version of my review below)
Seit ich dieses Buch vor Jahren gelesen habe, sagt mir mein Gewissen, dass ich hierzu einen Kommentar verfassen muss - wofür ich nun so weit ging, mir dieses Werk (nun in Hörbuch-Form) erneut zu Gemüte zu führen. Als in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätige Ärztin versuche ich täglich, die Stigmatisierung psychischer Erkrankungen zu bekämpfen, die eine immense Belastung für Betroffene bedeutet und nach wie vor Leben kostet - denn eine Stigmatisierung von außen führt häufig zu einer Stigmatisierung von innen, wodurch Menschen sich nicht nur selbst abwerten, sondern auch regelmäßig, aus Angst vor einer gesellschaftlichen Abwertung, erforderliche Behandlungen ablehnen. Sebastian Fitzek toleriert dieses Stigma nicht nur, er nutzt es für seine eigenen Zwecke, feiert es und drückt es seinen Lesern regelrecht ins Gesicht.
Vorab: Die Kunst- und Meinungsfreiheit ist für mich ein wichtiges Gut und ich möchte Sebastian Fitzek diese nicht absprechen - gleichzeitig muss meines Erachtens unbedingt diskutiert werden, dass seine Inhalte an vielen Stellen unrealistisch und seine Aussagen schädlich sind.
Eines der Hauptmotive dieses Romans ist die Flucht aus der Psychiatrie. Oder, um es in Sebastian Fitzeks Vokabular auszudrücken, aus der "Psycho-Klinik". Dieser unnötig stigmatisierende Begriff fällt (neben weiteren Begriffen wie "Klapse" oder "Anstalt") wiederholt nicht nur aus dem Mund von Charakteren, nicht nur aus dem Narrativ (einem Psychiater), nein auch Sebastian Fitzek verwendet diesen selbst in einem Fernseh-Interview, das er kurz vor der Erscheinung des Buches gehalten hat ("Hallo Berlin" vom 11.09.2008). Fitzek vermittelt dem Leser sein höchst unrealistisches Bild einer hier privat geführten Psychiatrie, die nicht nur über einen OP-Saal oder eine Pathologie verfügt (was angeblich "Pflicht für jede Klinik" sei), sondern auch über eine hochmoderne Vorrichtung namens das "Schott" - eine Verriegelung der kompletten Klinik, die dafür gedacht sei, suizidale Patienten (oder in Fitzeks Sprache: "Selbstmordkandidaten") innerhalb der Klinik einzusperren. Eine "Psycho-Klinik", die auch ein "Wahrheitsserum" bei ihren Patienten einsetzt, und deren Mitarbeitenden zu die Haltung zu haben scheinen, ein "wichtiger Teil der psychologischen Behandlung" sei es, die "Patienten von negativen äußeren Einflüssen abzuschirmen".
Das negative Bild der Psychiatrie in den Medien ist selbstverständlich keineswegs ein Neues. Aber ein Werk muss auch vor seinem zeitlichen Hintergrund beurteilt werden, und - auch wenn man es beim Lesen kaum glauben mag - Fitzeks Roman ist in den 2000ern geschrieben und spielt auch in der modernen Zeit, obgleich sein Bild der Psychiatrie dem ähnelt, das wir aus Werken aus der Mitte des 20. Jahrhunderts kennen. Sebastian Fitzek hat entweder schlecht recherchiert und verkauft seine negative Vorstellung der Psychiatrie als Realität, oder er weiß es besser und toleriert, das ohnehin schon negative gesellschaftliche Bild der Psychiatrie als Ort des Schrecken für sich auszunutzen auf Kosten derer, die dieses System für sich in Anspruch nehmen; und leider hierfür viel zu häufig gesellschaftlich abgewertet werden, Tag für Tag.
Durch die Vorrichtung des "Schottes" baut Sebastian Fitzek eine Vorrichtung aus Stahl, die ein komplettes Gebäudesystem nahtlos umgibt und entmenschlicht somit den suizidalen Patienten, der hiervon aufgehalten werden muss ("bevor wir ihn ruhiggestellt haben"). Ganz zu schweigen von der auch hier deutlich werdenden nicht vorhandenen Logik, da die von dieser teuren Anlage umgebene Klinik scheinbar dennoch über multiple Kamine verfügt. Generell scheint Fitzek auch kein Verständnis dafür zu haben, wie beschützte Behandlung in der Psychiatrie funktioniert: Einmal beschreibt er, wie der Hauptcharakter die Klinik durchwandert und sich hierbei tadeln lässt, es sei ihm aufgrund seiner Eigengefährdung "verboten", sein Zimmer zu verlassen. Hier kreiert Fitzek ein völlig sinnbefreites Spannungsfeld zwischen der absurden Vorrichtung des "Schottes" und dem scheinbaren Verlassen der Mitarbeiter darauf, dass es genügt, eigengefährdeten Patienten das Verlassen des eigenen Zimmers zu verbieten.
Was seine Charakterarbeit betrifft, fiel mir in erster Linie die Krankenschwester Yasmin ins Auge, mit ihrem alternativen Kleidungsstil, bunten Haaren, Piercings und Tattoos, die angeblich hiermit "völlig fehl am Platz" scheint. Fitzek hat scheinbar gar keine keine Vorstellung davon, dass auch tatsächlich Menschen mit alternativen Kleidungsstilen und Mindsets im psychiatrischen Kontext arbeiten - und diesen bereichern.
Aber ich möchte keine Vorurteile bedienen - das macht Sebastian Fitzek schon genug. Seine Charaktere sind durch die Bank total überzogene Klischees, und wenn sie dies nicht sind, wird dies explizit herausgehoben - als habe er den Eindruck, er müsse sich für jeden nicht komplett überzeichneten Charakter entschuldigen. So zum Beispiel die Beschreibung des Sanitäters, bei dem erwähnt wird, dass dieser das "Klischee" eines Sanitäters explizit nicht erfüllen würde, oder der Hausmeister, der von dem Hauptcharakter als verdächtig abgestempelt wird weil dieser glaubt, dessen Wortschatz sei für einen Hausmeister zu extravagant. Oder, um mit einem Zitat abzuschließen: "Ihre Mädchenhandschrift erfüllte die gängigen Geschlechterklischees: sauber, ordentlich, geschwungen".
Man darf sich also bei dem Lesen dieses Buches nicht daran stören, dass die Stigmatisierung der Psychiatrie gefördert wird, die Inhalte an vielen Stellen sinnbefreit sind und Fitzek nicht davor zurückschreckt, seine Charaktere mit sexistischen und klassistischen Umschreibungen auszubauen. Man muss auch das (eine Ebene höher) angelegte Narrativ ertragen, bei dem Studenten sich diese Geschichte im Rahmen eines Experimentes durchlesen und dabei in Kauf nehmen, hierbei "etwaige psychosomatische Schäden" zu erleiden. Diese Kapitel sind aus meiner Sicht gleichzusetzen mit einem Lobesgesang für sich selbst, bei dem Sebastian Fitzek vor Beginn der eigentlichen Story mehrfach betonen möchte, wie grauenhaft, schrecklich, gruselig oder was auch immer sein Roman ist. Ohnehin fiel es mir schwer, Fitzeks ununterbrochen eingestreuten, krampfhaft horror-artigen Phrasen ernst zu nehmen, wie "innerlich verstört", "seelisch gebrochen", "unermessliches Entsetzen" oder "Labyrinth der Qualen“. Diese Umschreibungen wirken auf mich wie ein krampfhafter Versuch, hart und schockierend sein zu wollen, was leider nur lächerlich wirkt.
Mir ist bewusst, dass ich mich als in der Psychiatrie tätige Ärztin mehr daran störe, wie psychiatrische Behandlung und psychisch kranke Menschen hier einer breiten Masse gegenüber dargestellt werden, als das vielleicht bei anderen Leuten der Fall ist. Auch darüber hinaus war für mich Fitzeks Sprache und Storytelling eine Zumutung - was jedoch hier eine untergeordnete Rolle spielen soll. Sebastian Fitzek gilt als einer der erfolgreichsten Autoren des Landes (was mich anhand seiner hier dargestellten handwerklichen Fähigkeiten wundert), was es so wichtig macht, zu beleuchten, wie sehr die Bilder die er zeichnet nicht der Realität entsprechen, und wie sehr er die Stigmatisierung der Psychiatrie anstiftet - denn mit einer solch großen Bekanntheit geht eine große Verantwortung einher. Kunstfreiheit bedeutet nicht Freiheit von Verantwortung, und wenn solche Aussagen in einer solch hohen Quantität und mit solch einer Reichweite reproduziert werden, muss deren Tragweite auch diskutiert werden. Ich selbst habe von Fitzeks Büchern nur den "Seelenbrecher" gelesen, doch es graut mir, wenn ich daran denke, welch stigmatisierende Inhalte in seinen weiteren Werken beinhaltet sein mögen - denn seine Bibliographie gibt einige Bücher her, die Psychiatrie und Psychotherapie als zentrales Thema behandeln.
Wichtig ist, dass wir die Stigmatisierung der Psychiatrie bekämpfen, damit Menschen mit psychischen Störungen offen über ihre Erkrankungen reden können und sich nicht davor scheuen, die Hilfe anzunehmen die sie benötigen. Wichtig ist, dass wir damit Menschenleben retten und es sich deshalb lohnt, die Stigmatisierung psychiatrischer Erkrankungen zu bekämpfen. Und diesen Kampf kämpfen wir nicht ohne, sondern gegen Sebastian Fitzek.
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(English version)
Ever since I read this book years ago, my conscience has been telling me that I must write a commentary on it - for which I have now gone so far as to revisit this work (this time in audiobook form). As a doctor working in child and adolescent psychiatry, I try every day to fight the stigmatisation of mental illness, which is an immense burden for people suffering from mental illness and continues to cost lives - because stigmatisation from the outside often leads to stigmatisation from within, whereby people not only devalue themselves, but also regularly refuse necessary treatment for fear of being devalued by society. Sebastian Fitzek not only tolerates this stigma, he uses it for his own purposes, celebrating it and literally shoving it in his readers' faces.
To begin with: I consider the freedom of art and opinion to be an important asset and I do not want to deny Sebastian Fitzek this - at the same time, I think it is imperative to discuss that his content is unrealistic in many places and that his statements are harmful.
One of the main motifs of this novel is the escape from psychiatry. Or, to put it in Sebastian Fitzek's vocabulary, from the "psycho clinic" (in the German version). This unnecessarily stigmatising term (along with other terms such as "loony bin") repeatedly comes not only from the mouths of characters, not only from the narrative (a psychiatrist), no, even Sebastian Fitzek himself uses it in a television interview that he held shortly before the publication of the book ("Hallo Berlin" from September 11, 2008). Fitzek conveys to the reader his highly unrealistic image of a privately run psychiatric clinic here, which not only has an operating room or a pathology department (which is supposedly "obligatory for every clinic"), but also the state-of-the-art "shutters" - a lockdown of the entire clinic designed to confine suicidal patients (or in Fitzek's language, again in the German version: "suicide candidates") inside the clinic. A "psycho clinic" that also uses a "truth serum" on its patients and whose staff seem to have the attitude that an "important part of psychological treatment" is to "shield patients from negative outside influences.".
The negative image of psychiatry in the media is, of course, by no means a new one. But a work must also be judged against its temporal background, and - even if it is hard to believe when reading it - Fitzek's novel is written in the 2000s and is also set in modern time, although its image of psychiatry is similar to the one we know from works from the mid-20th century. Sebastian Fitzek has either researched badly and sells his negative idea of psychiatry as reality, or he knows better and tolerates exploiting the already negative social image of psychiatry as a place of horror for himself at the expense of those who call on this system’s services; and unfortunately are socially devalued for this far too often, day after day.
Through the device of the "shutters" Sebastian Fitzek builds a device of steel that seemlessly surrounds a complete building system and thus dehumanises the suicidal patient who must be stopped by it ("before we have tranquilised him"). Not to mention the non-existent logic that is also evident here, since the clinic surrounded by this expensive facility seems to have multiple hearths nonetheless. In general, Fitzek also seems to have no understanding of how protected treatment in psychiatry work: At one point, he describes how the main character wanders through the clinic and, in doing so, is reprimanded because it was "forbidden" for him to to leave his room due to his self-endangerment. Here, Fitzek creates a completely meaningless tension between the absurd device of the "shutters" and the staff's apparent reliance on the fact that it is enough to forbid self-endangered patients from leaving their own room.
As far as his character work is concerned, the nurse Yasmin caught my eye first and foremost, with her alternative style of dress, colourful hair, piercings and tattoos, who supposedly seems "completely out of place" with this. Fitzek seems to have no idea at all that there are actually people with alternative clothing styles and mindsets working in the psychiatric context - and they enrich it.
But I don't want to serve any prejudices either - Sebastian Fitzek does that enough already. His characters are totally exaggerated clichés all the way through, and when they are not, this is explicitly pointed out - as if he feels he has to apologise for every character that is not completely overdrawn. For example, the description of the paramedic, where it is mentioned that he would explicitly not fulfill the "cliché" of a paramedic, or the janitor, who is labeled as suspicious by the main character because he thinks his vocabulary is too extravagant for a janitor. Or, to finish with a quote, "Her girlish handwriting conformed to all the usual gender clichés: neat, tidy, rounded".
So when reading this book, one may not be bothered by the fact that the stigmatisation of psychiatry is promoted, the content does not make sense in many places, and Fitzek does not shy away from expanding his characters with sexist and classist paraphrases. One also has to endure the narrative (one level higher, so to speak), in which students have to read through this story as part of an experiment and thereby accept to potentially suffer "psychosomatic ill effects" in the process. In my view, these chapters are Sebastian Fitzek praising himself and wanting to emphasise multiple times how gruesome, creepy, or whatever his novel is before the actual story begins. Anyway, I found it hard to take Fitzek's interspersed, spasmodically horror-like phrases seriously, such as "inwardly distraught," "mentally broken," "immeasurable horror," or "labyrinth of torment." (Caveat: These here are my own translations from the original German version). These paraphrases strike me as a spasmodic attempt to be harsh and shocking, which unfortunately only comes across as ridiculous.
I realise that as a physician working in psychiatry, I am more bothered by the way psychiatric treatment and mentally ill people are portrayed to the masses here than perhaps other people are. Even beyond that, Fitzek's language and storytelling were an imposition for me - but that should play a subordinate role here. Sebastian Fitzek is considered one of the most successful authors in Germany (I don’t understand why, based on the craftsmanship portrayed here), which makes it so important to shed light on how much the images he paints don't correspond to reality, and how much he incites stigmatisation in psychiatry - because with such great fame as his also comes great responsibility. Artistic freedom does not mean freedom from responsibility, and when such statements are reproduced in such high quantity and with such a huge range, their scope must be discussed. Of Fitzek's books, I myself have only read "Soul Breaker", but I dread to think what stigmatising content may be contained in his other works - for his bibliography yields several books that treat psychiatry and psychotherapy as a central theme.
It is important that we fight the stigmatisation of psychiatry so that people with mental disorders can talk openly about their illnesses and are not afraid to accept the help they need. The important thing is that we are saving lives and that is why it is worth fighting the stigma of mental illness. And we are not fighting this battle without Sebastian Fitzek, but against him.