Zwei alte Damen leben in der Papierfabrikantenvilla »Pirasol«, die eine, Gwendolin, 84 Jahre alt und scheu, ist Witwe und Alleinerbin des Hauses, die fünfzehn Jahre jüngere Thea dagegen gibt sich launig und herrisch und verfolgt einen eigenen Plan. Als man den vom Vater verstoßenen und seit drei Jahrzehnten verschollenen Sohn Gwendolins in der Stadt gesehen haben will, versucht Thea, ihren Einfluss zu sichern und vollends das Regiment im Haus zu übernehmen. Für Gwendolin der Auslöser, sich zu erinnern: an eine Berliner Kindheit der NS-Zeit, den Verlust der Eltern und das eigene Überleben, an einen neuen Anfang mit dem despotischen Papierkönig Willem, einen Brandanschlag und schließlich an die Verbannung des gemeinsamen Kindes. Am Ende lernt Gwendolin, allen Widrigkeiten etwas entgegenzusetzen – sich selbst.
Warum habe ich das Buch nur so lange ungelesen in meinem Regal stehen lassen? Susan Kreller zaubert ganz sanft mit der Sprache und lässt einen die zu viel schweigsam hinnehmende Gwendolin ans Herz wachsen. Die über 80-Jährige hat ihren wenig freundlichen Mann Willem, einen Papierfabrikanten, bis zu seinem Tod erduldet, den Sohn darüber verloren und die etwas jüngere Thea, die sie bei einem Friedhofsbesuch kennengelernt hat und sich wenige Monate darauf bei ihr in der Villa "Pirasol" eingenistet hat, macht ihr nun sogar die Zeit zuhause schwer. Als im Ort das Gerücht umgeht, Gwendolins Sohn, der Verbrecher, sei wieder da, schaut sie erst zögerlich zurück in die Vergangenheit und stellt sich ihr dann. Da ist viel Leid: Der Verlust der Eltern als Kind im Kriegsberlin, später die Ehe mit dem kalten Willem und das Entgleiten des Sohnes unter dem strengen, fast gemeinen Vater. Und doch ist es ein hoffnungsvolles Buch, denn es ist nie zu spät, sich zu verändern.
Der Roman um die schweigsame Gwendolin, die sich erst im hohen Alter dazu durchringt, zu sich selbst zu stehen und alle Bevormundung von außen abzuschütteln, berührt wie kaum ein anderer, den ich je gelesen habe!
Er ist ein wahres Kleinod, geschrieben in einer poetischen Sprache, die so leicht und dabei so eindringlich ist, dass man beim Lesen die Zeit vergisst und sich ganz verliert in einem bezaubernden Gespinst von Bildern und einfühlsamen Sätzen. Und dies, obwohl Susan Kreller dem Leser eigentlich sehr viel Leid und Schmerz und Traurigkeit zumutet! Doch ist es tatsächlich ihre wunderschöne, völlig unsentimentale Sprache, die es möglich macht, auch das Schwere zu ertragen, es zwar in den Fokus zu rücken, aber gleichsam unscharfe Bilder davon zu malen und diese wie durch einen seidenen Vorhang sehen zu lassen.
Der Leser begegnet Gwendolin, die gegen ihren Willen ihre Villa Pirasol mit der herrischen, einige Jahre jüngeren Thea teilt, die ihr Stück für Stück den Platz streitig macht. Von allerlei Schuldgefühlen geplagt gelingt es Gwendolin nicht, sich ihrer zu entledigen - bis eines Tages angeblich der vor vielen Jahren vom Vater vertriebene Sohn in der Stadt gesehen wird.
Dies ist der Anlass für Gwendolin, schmerzhafte Lebenserinnerungen aufkommen zu lassen und sich ihnen zu stellen: ihre geliebten Eltern, die letzten Kriegs- und ersten Nachkriegsjahre in Berlin, ihr Weggang, der Neuanfang weit im Westen Deutschlands, ihre Heirat mit dem herrschsüchtigen Papierfabrikanten Willem, der den gemeinsamen Sohn mit äußerster Strenge und Willkür behandelte, ihn dabei seiner Mutter entfremdete, die niemals in der Lage war, ihn zu schützen...
Und indem die Autorin Gwendolin mit Trauer im Herzen ihr Leben Revue passieren lässt, gelingt es dieser allmählich, all das, wofür sie vermeintlich Schuld auf sich geladen hat, in neuem Licht zu sehen und sich mit ihrem Leben soweit es eben möglich ist zu versöhnen. Zur Befriedigung des Lesers, dem die, wie es im Klappentext heißt, "scheue Gwendolin" längst ans Herz gewachsen ist, der bereits von Anfang an auf ihrer Seite steht und mit Betroffenheit ihre Geschichte liest, die sich langsam vor ihm entfaltet. Der aber auch Bedauern darüber verspüren mag, dass die so einsame und verzagte Gwendolin erst so spät lernt, sich zu behaupten, dass sie erst so spät ihren Frieden gefunden hat.
Dennoch macht dieser großartige Roman einer wundervollen Schriftstellerin von hohem Niveau auch Mut, denn er hat eine Botschaft! Es ist nie zu spät, sein Leben in die Hand zu nehmen! Und selbst wenn der Roman-Gwendolin nicht mehr viele Jahre beschert sein mögen, so wird sie diese selbstbestimmt leben und bis zur Neige auskosten!
"Pirasol" erzählt die Geschichte einer Frau, die sich durchs Leben schlagen muss, vom zweiten Weltkrieg über eine schwierige Ehe bis zu einer anstrengenden Wohngemeinschaft. Der Leser macht, von der Jetztzeit ausgehend, Abstecher in die verschiedenen Lebensphasen der Protagonistin Gwendolin. Diese sind voll mit kleinen Episoden, die am Ende ein Gesamtbild über ihr doch ziemlich bedrückendes Leben abgeben. Umso mehr verdient sie Achtung und Respekt, weil sie nie aufhört, für ihre Überzeugungen zu kämpfen. Das Cover spiegelt sehr gut das Zarte wider, die leisen Töne, die die Autorin trifft. Außerdem hat Susan Kreller wunderbare sprachliche Konstrukte geschaffen, die ein Um-die-Ecke-Denken erfordern, aber erheblich zum Lesegenuss beitragen.