HALB TAUBE HALB PFAU ist einer Landschaft ähnlich, eine die erst erkundet wird, deren Grenzen erst gesucht werden müssen. Ein Ich tastet sich voran, macht aus dem Unwägbaren etwas sichtbar, fühlbar, indem es Dinge mit Worten benennt, die die Leere behutsam füllen. Doch die Unsicherheit bleibt, wie Schollen tauchen Texte auf und wieder ab, überlappen sich und brechen wieder auseinander, verzerren das Bild oder lassen es wieder verschwinden, um mit der Stille das Nichts zu umreißen. HALB TAUBE HALB PFAU kennt keine Genregrenzen. Die Textspiegelungen oszillieren zwischen Prosa, Lyrik und Drama. Das intime, fast solipsistische Sprechen wird flankiert und immer wieder durchbrochen von anderen Stimmen, Gegenreden, dialogischen Passagen, Du-Ansprachen, Echos, die das Ich selbst verorten, ohne es je bestimmen zu können. HALB TAUBE HALB PFAU überschreitet die Grenzen des Buches. Codes führen auf eine Ebene außerhalb des Textes, wo Schrift zu Klang wird. Der Leser selbst wird zum Entdecker in einer Welt, die ihre Eindeutigkeit schon im Medium verloren hat. Maren Kames bedient mit traumwandlerischer Sicherheit sämtliche sprachliche Register, entwickelt eine ganz eigene Melodie, eine Partitur voller Humor, ebenso unterhaltsam wie hochliterarisch und poetisch. In ihrem Debüt erweist sie sich als einzigartige neue Stimme in der deutschsprachigen Literatur.
MAREN KAMES (geb. 1984 in Überlingen am Bodensee) studierte Kulturwissenschaften, Philosophie und Theaterwissenschaft in Tübingen und Leipzig, danach am Institut für Literarisches Schreiben in Hildesheim. Sie war Mitherausgeberin der Literaturzeitschrift BELLA triste. 2013 gewann sie den 21. Open Mike. 2014 war sie Stipendiatin des interdisziplinären Gargonza Arts Awards in der Toskana und eingeladen zum 18. Klagenfurter Literaturkurs. 2015 erhielt sie ein Stipendium des Berliner Senats, den Winter 2016/17 wird sie als Stipendiatin des Literaturhauses Stuttgart auf Schloss Solitude verbringen. Sie lebt als freie Autorin und Ghostwriterin in Berlin. HALB TAUBE HALB PFAU ist ihr Debüt.
Lyrik macht glücklich! Dieses Buch beweist es. Von der ersten Zeile an hatte Maren Kames mich eingesogen, ich fühlte mich umschlungen, wie von einem durchsichtigen Regenmantel, unter dem man Trost findet in praktisch allen Lebenslagen. Ja, Poesie ist Medizin und Droge. Poesie ist auch Liebe und Gebet. Für einige heute ist es Gebet. Lest das Mal. Es wird Euch glücklich machen!
Schlicht, elegant, wunderschön anzuschauen: Maren Kames‘ Debutwerk tut vieles nicht, was man von deutscher Lyrik eigentlich erwarten würde, ergeht sich weder in gewitzten Wortspielen noch in romantischer Introspektive. Stattdessen werden manchmal mehrere Seiten am Stück komplett leergelassen; andere enthalten nur einen einzigen Satz so wie „Ich habe einen See in den Hof geworfen.“ In einem Gespräch verglich die Autorin solche kontextlosen Sätze einmal mit dem Schlagen eines Pfaunrads, während andere viel dichter gedrängt, unauffällig bis inflationär taubenartig gurren. Zwischen den Vögeln sitzen QR Codes, die zu Tonfragmenten im Internet führen. Wann immer man glaubt, konkrete Figuren, Handlungen oder Themen zu erkennen, verlieren sich diese im Nebel weißer Seiten … Wie gut diese Kombination letztendlich funktioniert, sei jedem selbst überlaßen, aber was auch immer man an Kritik zu „Halb Taube halb Pfau“ äußern mag wird immer nur im Sinne von „Ich hätte mir auch noch xy gewünscht“ sein und nie „z funktionier nicht oder ist langweilig.“ Das beeindruckt, zumal im immer noch sehr formalisierten, konventionell-prätentiösen deutschen Lyrikumfeld. Lesenswert? Je nach persönlichem Geschmack. Habenswert? Absolut! Dann können wir uns an den Ufern dieses Buches zum Seenwerfen treffen.
Anlass für das Lesen von „Halb Taube, halb Pfau“ ist eine Lesung von Maren Kames am Montag, dem 7.9., im LITZentrum, genauer im Dots. Nicht nur die Sprache ist schön, sondern auch das Buch selbst, Gestaltung, Papier, etc. QR-Codes machen den Leser zum Hörer von Vorlesen, Geräuschen, Musik. Erinnert mich an Installationen in der bildenden Kunst, weg vom Zweidimensionalen nur Visuellen, hin zum Drei-, Mehrdimensionalen alle Sinne ansprechenden Kunsterlebnis. Toll! Aber bei den Texten vermisst mein Kopf mehr Struktur und mehr Inhalt. Deshalb nur drei Sterne.