Im vergangenen Jahr wurde Jonas Lüschers Debut "Frühling der Barbaren" - eine Novelle von knapp 120 Seiten - in den Kulturseiten unserer führenden Zeitungen hoch gelobt. Hier erhebe sich eine Stimme der Zukunft, so war zu lesen. Das mag schon sein - allein, sie muß beweisen, in der Zukunft, daß sie zu den wichtigen, den wesentlichen Stimmen gehört. Hier erschließt sich das dem Leser nämlich (noch) nicht. Zweifelsohne hat man es mit einem Autoren zu tun, der ein feines Gespür für Sprache, für Konstruktion und - vielleicht die wichtigste Zutat zumindest dieses Textes - für Humor hat.
Preising erzählt einem namenlosen Icherzähler in einem Sanatorium von seinen Erlebnissen in der Tunesischen Wüste. Dahin, in ein Oasenressort für die Schönen und Reichen, hat ihn sein Kompagnon auf eine fingierte Geschäftsreise geschickt, damit er mal richtig Urlaub mache. Preising - superreich und dementsprechend distanziert der Welt gegenüber - macht die Bekanntschaft eines älteren englischen Ehepaars, sie Gymnasiallehrerin, er emeritierter Professor der Soziologie. Diese sind hier eingetrudelt, sich offensichtlich unwohl fühlend, weil ihr Sohn, Banker mitten im Finanzzentrum der Welt - London - , hier seine Verlobte zu ehelichen gedenkt. Dazu haben die beiden ihre gesammelten Freunde aus dem Manager- und Bankenbereich eingeladen, eine stattliche Ansammlung sehr reicher, sehr junger Menschen. Preising bemerkt, wie unwohl sich die Mutter des Bräutigams hier fühlt, deren Gatten begleitet er zu einigen Ausgrabungsstätten, schließlich wird er zur Gesellschaft hinzugebeten, was den Eltern gut gefällt, fühlen sie sich in Preisings Gegenwart doch offensichtlich wohl. Die Mutter des Bräutigams will diesem durch Rezitieren eines Gedichts mitteilen, daß sie ihn sich wohl etwas anders vorgestellt hatte, sich ihrer Erziehungsmethoden nicht mehr sicher ist, doch die eigene Unsicherheit läßt sie schwanken und die versammelte Finanzmeute gar nicht kapieren, worum es ihr geht. In der Nacht der Hochzeit bricht die englische Wirtschaft zusammen und die gesamte Hochzeitsgesellschaft steht praktisch blank da: Ihre Kreditkarten sind gesperrt, ebenso die Konten, auf die sie online zugreifen könnten. Die Verwalterin des Ressorts schränkt sofort die Nutzungsrechte ihrer Gäste ein, vermutet sie doch zurecht ein gewaltiges Loch in ihrer Kasse, da diese Gesellschaft nicht mehr wird zahlen können. Preising, dem es ein Leichtes wäre, die Kosten zu übernehmen, erfreut sich gesonderter Rechte und wird von der Familie der Verwalterin sicher zum Flughafen gebracht, während die Engländer anfangen, sich im Ressort wie die letzten EMsnchen zu gebärden, Kamele abschlachten, um sie zu essen, den Pool okkupieren und die letzten Reste zivilisatorischen Augenmaßes fallen lassen...
Die Konstruktion einer Icherzählung eingebettet in eine Icherzählung ist gelungen, der dadurch hervorgerufene Entfremdungsaspekt läßt uns das Geschehen aus einer vielleicht nötigen Distanz betrachten. Doch ist die Geschichte selbst derart konstruiert, daß es dem Leser auch leichtgemacht wird, das Ganze abzutun als launig-humorischen Kommentar auf die Manierismen und Grillen der Neu- und Superreichen, sowie der aktuellen Finanzkrise und derer Protagonisten. Was dann wiederum wohlfeil ist, denn diese Türen stehen weit offen, momentan - wer würde nicht zustimmen, daß die Finanzhaie, die Hedgefondsmanager und Profiteure der Armut anderer die Plage unserer Zeit sind? Und daß sich Engländer im Ausland benehmen wie die Barbaren (egal ob Finanzhaie, Fußballfans oder Arbeiter der Docklands) hat mindestens jeder Spanienpauschalreisende schon erlebt. Klischees...
Natürlich sind diese jungen Engländer unsympathisch in ihrem kulturlosen Desinteresse an ihrer Umgebung. Sie fallen in dieses Ressort ein wie die Briten es 150 Jahre lang überall auf der Welt taten: als Kolonialherren. Preising hingegen, altes Geld, Schweizer Geld, das die dazugehörigen Manieren gelernt hat, Preising kann es sich leisten, das Walten und Schalten der Menschen mit einer Distanz zu betrachten, die ihn zu einem scheinbar guten Beobachter macht, ihn jedoch gerade in seiner Erzählung, in der Art, wie er zu erzählen beliebt (und niemals läßt Lüscher uns vergessen, daß dies immer durch die Augen und Ohren eines Dritten erneut gefiltert wird) entblößt als einen Menschen ohne emotionalen Zugang zur Welt. Sei es das Unglück eines Kameltreibers, dessen Herde von einem Autobus ausgelöscht wird und der sich erst von jedem Tier einzeln verabschiedet, bevor er das eigene Schicksal beweint, denn er hat mit der Kamelherde nahezu alles verloren, seien es später die Betreiber des Ressorts, die ebenso vor dem Aus stehen (zumal sich mit der Finanzkrise gleich eine Revolution im Lande ausbreitet, bei der, so ein Taxifahrer, alles anders als beim letzten Mal geregelt und die das Land beherrschenden Familien - zu denen auch jene gehört, der das Ressort eignet und mit denen Preisings Firma Geschäfte macht - direkt an die Wand gestellt würden), oder deren britische Gäste - Preising empfindet zwar immer mildes Mitleid, doch findet er auch immer Gründe (die meist altruistisch anmuten), warum es gerade in diesem Fall besser sei, NICHT einzugreifen. Und jener Fahrer, der Preising das Schicksal der führenden Familien des Landes so anschaulich vorgestellt hatte, findet schließlich einen guten Dreh, selber an die Stelle jener zu treten, deren Gebeine ja nun demnächst im Wüstensand ausbleichen werden.
Und so geht einfach immer alles weiter, es werden einfach unr die Personen ausgetauscht, wer gestern unten war, der ist heut' oben, wer gestern oben war, der ist heut' tot...und Preising, das alte schweizer Geld, kann es sich leisten, über den Dingen zu stehen, weil er immer wird Partner finden können, die davon profitieren, mit ihm Geschäfte zu machen, während es ihm - oder Firmen wie der seinigen - grundsätzlich gut bekommt, immer mit den gerade Herrschenden zu handeln.
Als Analyse ist das sicher alles richtig, aber es kommt in diesem Band nicht einen Augenblick das Gefühl auf, daß man dem etwas entgegen zu setzen hätte oder daß das alles wirklich schlimm wäre. Im Grunde, so der humorige Ton des Bandes, im Grunde ist das eben der Lauf der Welt, nicht wahr? Und die ist eben eine Farce in ihrem Geschehen, nicht wahr?
Der Titel assoziiert natürlich J.M. Coetzees "Warten auf die Barbaren" aus ddem Jahr 1980. Und gerade der Vergleich ist für diesen schmalen Band hier unvorteilhaft. Denn auch Coetzee bedient sich eines Ortes, der aus der Zeit und aus dem Raum fällt, auch er nutzt eine arg angestrengte, allegorische Konstruktion, um dem Leser sein Anliegen nahezubringen. Doch wo in Coetzees Text ununterbrochen die Dringlichkeit dessen, was zu sagen ist hervorlugt, sich dem Leser nahezu aufdrängt an verschiedenen Stellen, bleibt hier alles in einer vagen Haltung des Ungefähren. Was will Lüscher eigentlich? Da es ihm stilistisch gegeben ist, das alles leichter Hand zu erzählen, da es ihm angelegen ist, das alles als Humoreske zu erzählen, ohne uns wirklich mit dem Elend der Dritten Welt, den Brutalitäten einer Revolution, den Extremen eines finanziellen Zusammenbruchs einer Nation zu konfrontieren, empfindet der Leser das alles irgendwann auch einfach als zynisch. In dieser Welt, so scheint es, gibt es eh niemanden mehr, für den zu kämpfen sich lohnen würde. Und am Ende sind wir uns alle so gleich - nämlich in unserer Verkommenheit? Das IST zynisch. Und sicher - man kann sich zynisch geben, keine Frage. Aber man darf dann auch als Leser anmerken, daß einem das nicht gefällt, weil es der Dringlichkeit dessen, was hier hinter der Fassade dieser Geschichte hervorlugt, nicht gerecht wird.
So ist dies ein stilistisch großartiges Werk, das aufhorchen und auf den Autor achten läßt, inhaltlich scheint es jedoch noch arg unausgereift und sich seiner eigene Sache nicht sicher, was hinter dem Schleier des Leichten und Luftigen verboregn bleiben soll.
Dies ist ein oberflächliches Buch.
Und das ist schade.