Das Haiku ist weltweit zum poetischen Ideal geworden. Ein plötzliches Aufblitzen, ein Bild, das sich in das Echo der Dinge schmiegt, ein Klang – drei Zeilen und doch eine ganze Welt. Drei japanische Dichter haben das Haiku geprägt – der wandernde Basho mit seinen meditativen Inbildern, Buson mit seinen malerischen Miniaturen und Issa mit seiner Liebe selbst zu den kleinsten Kreaturen. Die Dichter der Beat Generation – Jack Kerouac, Allen Ginsberg und Gary Snyder – steckten mit ihrer Haiku-Begeisterung den gesamten Westen an und übertrugen das poetische Ideal in unsere Gegenwart. Die hier vorliegende Sammlung bietet eine Einführung wie eine Hommage an die provozierende Kunst der Stille.
Die japanischen dichter issa, basho und buson sind den ihnen an die seite gestellten epigonen der amerikanischen beat-generation (ginsberg, kerouac, snyder) überlegen, lediglich ws merwin gelingt es, ihnen in einigen haiku nahezukommen. Die besten dieser sammlung sind unvermutet witzig oder rufen in der kürze ihrer siebzehn silben erstaunlich viele bedeutungsebenen hervor. Exemplarisch dafür scheint ein wundervolles haiku bashos:
Selbst in Kyoto - höre ich den Kuckuck, sehne ich mich nach - Kyoto
Hier ist das - im buch nicht enthaltene - kulturelle hintergrundwissen hilfreich, dass der kuckuck in chinojapanischer tradition eng an die sehnsucht gebunden ist bzw der ruf des kuckucks derartiges hervoruft. Und jetzt wird es spannend: zum einen vermag es basho, auf kunstfertige weise auf diese kulturelle tradition zu verweisen, ihre eindringlichkeit hervorzurufen ("Selbst in Kyoto") und darzustellen, dass seine dichtung verwurzelt ist in der autochthon japanischen tradition. Andererseits ist auch eine ironische lesart denkbar, das gedicht als spöttischer kommentar bashos bezüglich der starken verhaftung in festgelegten traditionen zu lesen, mit dem er seinen dichterkollegen oder zeitgenossen den spiegel vorhält. Das problem liegt, wie so oft, nicht in den gedichten begründet, sondern in der art der zusammenstellung, denn die gedichte der beats reichen einfach zu selten heran an die der japanischen meister. Mehr basho, buson und issa! ist allerdings eine begrüßenswerte forderung, mit der man aus der lektüre des buches nach beenden des guten nachworts heraustritt. Eine anthologie als appetithappen.
Ich bin erstaunt wie viele gute Haikus ich gelesen haben. Schöne Bilder, die man auf visueller sowohl als auch auf introperspektivischer Ebene sehen kann.