Rome, Sweet Rome
So hängt’s bei dem römisch assimilierten Gallierhäuptling Augenblix als Sinnspruch in seinem Haus, und überhaupt ist bei diesem Anführer alles auf Römisch getrimmt: Die Gallierzöpfe seiner Untertanen müssen abgeschnitten werden, das Tragen von Togen ist Pflicht, und selbst wenn der Fluß direkt durch das Dorf führt und die Felder bewässert, so muß doch ein Aquädukt geplant und der Fluß vorher umgeleitet werden, denn so ein Wasserleitungssystem à la Rom gibt dem Dorf den letzten zivilisierten Schliff. In kaum einem anderen Album dürfte die globalisierungskritische Stoßrichtung der Serie so deutlich hervortreten wie in Der Kampf der Häuptlinge, denn schließlich ist Augenblix ja auch der von den Römern instrumentalisierte Antagonist, der Majestix zu einem traditionellen Kampf der Häuptlinge herausfordern und auf diese Weise die Herrschaft über das unbeugsame Dorf, dessen Abenteuer wir seit geraumer Zeit mitverfolgen, erlangen soll. Möglich ist dieser Zweikampf letzten Endes nur dadurch, daß Miraculix, der von einem Hinkelstein „leicht geschubst“ (in der Lesart Obelix‘) wurde, den Verstand verloren hat und nun keinen Zaubertrank mehr brauen kann.
Der Kampf der Häuptlinge, in dem den Piraten mal eine Pause gegönnt wird, weil Asterix und Obelix endlich mal wieder zu Hause bleiben, ist immer mein Lieblingsabenteuer aus der Serie gewesen, weil der Humor hier so herrlich skurril über die Stränge schlägt. So braut der übergeschnappte Miraculix einen mit unvorhergesehenen Wirkungen einhergehenden Trank nach dem anderen, lacht sich unfein über Obelix‘ Körperfülle schlapp, was diesen in großen Zorn versetzt, und erkennt keinen seiner alten Freunde wieder. Auf der anderen Seite ist da der leidgeplagte Legionär Handzumgrus, der ungefragt zu Asterix‘ Vorkoster wird und nach einem ganz besonderen Trank dann wie ein gasgefüllter Luftballon davonschwebt, bis ihn seine Kameraden mit einem Seil sichern. Zwischendurch schließt er unfreiwillige Freundschaft mit einer treuen Eule, die immer mehr Gemeinsamkeiten mit ihm entdeckt. Als weitere römische Gegenspieler haben wir den eindeutig Benito Mussolini nachempfundenen Zenturio Lacmus, der mit ungeheurem Speichelfluß und überdrehter Lautstärke spricht sowie seinen hinterlistigen Sidekick Spreizfus, und dann ist da noch der Druide Amnesix, der sich als Psychiater betätigt und unter anderem einen Barbaren erfolgreich von seinem Minderwertigkeitskomplex befreit, so daß dieser wieder „arbeiten“ kann. Wie in Billy Wilders „One, Two, Three“ jagt hier wirklich ein Gag den anderen. Daß beispielsweise Augenblix‘ Schildträger Miraculix nicht den Rücken kehren sollten, wenn der auf dem Schild stehende Augenblix dies vorher tat, gewinnt vor dem Hintergrund der verbalen Kapriolen unserer deutschen Außenministerin hier eine ganz neue, ungeahnte Komik.
Was diesen Comic für mich außerdem zu etwas Besonderem macht, ist der Umstand, daß er eine Frage adressiert, die mich schon als kindlichen Leser beschäftigt hat – nämlich, wie es um unsere Gallier bestellt wäre, wenn der Druide Miraculix einmal nicht zur Verfügung stehen sollte. Wäre es nicht doch an der Zeit, das Geheimnis des Zaubertranks an eine vertrauenswürdige Person weiterzugeben – oder kann man sich darauf verlassen, daß des Barden Sangeskunst jeden invasionslustigen Römer auf Abstand hält? Ein wenig Ernst scheint durch, wenn durch Obelix‘ Steinwurf der weise und väterliche Druide sich in einen närrischen Alten verwandelt, wird hier doch deutlich, daß niemand davor gefeit ist, durch Altersdemenz seine Persönlichkeit zu verlieren, doch da es sich hier ja um ein Comic handelt, ist am Ende wieder alles so, wie es vorher war, und selbst Obelix ist von seinem Vorsatz, mit Rücksicht auf seine Linie weniger zu essen – dieser ganze Selbstoptimierungskult ist ja schließlich auch eine neumodische Idee –, auf dem obligatorischen Festbankettspanel geheilt.
Wo wir gerade von Panels sprechen. Mein Lieblingspanel diesmal, wobei hier die Wahl besonders schwerfällt: Vor der Praxis des Amnesix steht ein Gallier in typischer Napoleonspose, und die Empfangsdame sagt: „Von dem weiß kein Mensch, wofür er sich hält.“