"Einbruch der WIrklichkeit" ist eine schöne, kurze Reportage von Navid Kermani, der 2015 für den Spiegel den "Flüchtlingstreck" rückwärts bereiste. Dabei trifft er viele Geflüchtete, Flüchtende und auf der Flucht Steckengebliebene. Sprachlich ist das Buch sehr einfach geschrieben, schell zu lesen und trotzdem anschaulich und klug. Ich habe es erst acht Jahre nach Erscheinen beim Filmfestival in Freiburg gelesen, daher ist der Diskurs über Flucht natürlich heute ein anderer.
Hier ein paar Zitate:
"Indem es alle Flüchtlinge in die Schlauchboote und auf tagelange Fußmärsche zwingt, betreibt das europäische Asylrecht ungewollt eine Auslese der körperlich starken und übrigens auch der Bedürfnislosen, also der Armen, die an bürgerlichen Komfort ohnehin nicht gewöhnt sind."
"Es ist kein Zufall, dass es das Bild eines ertrunkenen Kindes war, das wie kein anderes ins allgemeine Bewusstsein drang udn dem Mitgefühl Bahn brach. KInder entziehen sich den Mechanismen öffentlicher Verachtung, weil sie für ihr Schicksal kaum selbst verantwortlich gemacht werden können."
"Es ist ein seltsamer, fast makaberer Anblick, wenn die Flüchtlinge bei ihrer Ankunft ungefagt geherzt werden von langhaarigen Männern oder knapp bekleideten Frauen, die signalgelbe Westen tragen und welcome welcome schreien."
"Die Frage kommt den Tätowierten und Leichtbekleideten nicht in den Sinn, ob ihr Freiheitsbegriff ein anderer sein könnte als jener der Afghanen und Syrer, die sie gleich welchen Geschlechts welcome welcome an die Brist drücken."
"Und nicht nur das Lachen ist ein Mittel der Selbstbehauptung, ebenso der Schulunterricht, den sie ihren Kindern geben, das besenreine des Innenhofs, die Kleidung, die auffallend gepflegt ist, un dimmer wieder der Verweis auf den Beruf, den sie ausgeübt haben, die Qualifikationen, die sie vorweisen können."
Kermani erklärt, wie das Geschäft der Schmuggler funktioniert: Flüchtende deopnieren ihr Geld auf einem Konto und geben den Code erst durch, wenn sie übergesetzt sind. Dennoch werden Boote oft heillos überbucht und Flüchtende müssen ihr gepäch zurücklassen, um nicht unterzugehen.
Er bescheibt eindrucksvoll, wie er für ein paar Euro mit der Fähre von Griechenland (Mytilini) in die Türkei (Aydaik) übersetzt: Ein kurzer Blick auf den Reisepass und das komfortable Boot mit Café, das eineinhalb Stunden unterwegs ist. Für Flüchtende kostet diese Strecke ein Vermögen, 1200-2000 Euro, und dauert drei Stunden bis Tage. Ganz zu schweigen davon, wie viele die Strecke nicht überleben. "Durch eine unscheibare Tür, die für Flüchtlinge versperrt bleibt, obwohl ihre Gründe zu reisen so viel dringlicher sind, betreten wir das Hafengebäude, wo die reguläre Passkontrolle stattfindet".
Flüchtlinge werden zu langen Fußmärschen gezwungen. Anfangs fährt Kermani noch Gruppen mit seinem Auto hin und her, sehr bald stumpft er aber ab. Zu viele Gruppen, zu viele Menschen... Er beschreibt, wie am Bahnhof in Budapest Flüchtende im Park und in der Fußgängerzone schlafen und herumlaufen und einfach hingenommen werde. Wie schnell sich der Mesch doch ans Absurde gewöhnt...