“Follower” ist ein faszinierendes und kluges Buch, das jedoch Probleme haben dürfte, von seinem Publikum gefunden zu werden. Durch die von außen erkennbare Handlung und das Setting im Jahr 2055 werden in erster Linie Leser angesprochen, die gerne Dystopien lesen, tatsächlich will das Buch aber überhaupt nicht möglichst “realistisch” die Verhältnisse jener zukünftigen Gesellschaft beschreiben. Wie man auf den Gedanken kommt, genau das wäre die Idee von Eugen Ruge mit "Follower" gewesen, ist mir unbegreiflich. Singt er doch im längsten Kapitel des Buches ganz offensichtlich ein Hohelied auf die aberwitzigen Zufälle im Großen und Kleinen der Weltgeschichte, mithin auf die Unvorhersehbarkeit, auf den Schwarzen Schwan. Gegen jegliche Kritik, der Autor hätte einfach die heutigen Entwicklungen nur weitergedacht und “so werde es doch sicher nicht kommen”, nehme ich “Follower” daher gerne in Schutz. Nein, der Autor schaut bewusst auf den Zustand heute und verstärkt und übertreibt phantasievoll - fast wie eine Therapeut - die derzeitigen Gegebenheiten und Entwicklungen, um sein Thema herauszuarbeiten.
Aber was ist sein Thema? Es geht Herrn Ruge um das Mysterium der individuellen Persönlichkeit, um die einzigartige Identität jedes Menschen. Wer bin ich? Was macht mich aus? Warum bin ich gerade ich (geworden)? Kann ich auch jemand anderes sein? Was bedeutet mir meine Persönlichkeit? Größtmögliche Freiheit oder Gefängnis? Ist diese Identität (nur) in mir oder kann sie auch digital an anderer Stelle (z.B. in meiner riesigen, lebensumspannenden Fotosammlung in der google-cloud) gespeichert sein? Wenn ja, bin “ich” dann (auch) dort auf diesen Servern? Verliere ich mich, wenn ich meinen Zugriff auf diese Daten verliere? Bin ich "echt"?
"Checking identity?!"
Aber auch: Was ist geschehen, um diese einzigartige Persönlichkeit entstehen zu lassen? Und was durfte nicht geschehen? Seit dem Urknall.
Und schließlich geht es um das vielleicht wichtigste Duell der digitalen Welt: Den Zweikampf zwischen dem eben umschriebenen Mysterium und einem neuen, modernen Mythos: dem Algorithmus. Wer wird gewinnen? Wen lassen wir gewinnen?
Diese Fragen werden in “Follower” unter der Oberfläche auf jeder Seite verhandelt, während äußerlich ein erfrischendes, oftmals sehr lustiges Spiel mit Sprache und Stil, mit Perspektivwechsel und Übertreibung zu beobachten ist.
So besteht das Buch mit einer Ausnahme aus Kapiteln ohne Struktur gebenden Punkten. Hierdurch wird der konturlose stream of everything selbst beim lautlosen Lesen spürbar. Ruge geht in späteren Kapiteln des Buches noch weiter (auch hier: Übertreibung!) und lässt zwei Sätze ineinander verschränkt parallel ablaufen (und erfasst so zum Beispiel die tatsächliche Wahrnehmungen, einen twitter-feed und einen Werbe-feed). Eine digitale, spürbar ungesunde Variante der labyrinthischen mehrstimmigen Bewusstseinsströme des Portugiesen Antonio Lobo Antunes.
Zwischen diesen Kapiteln finden sich sehr realistisch komponierte, fiktive Behördendokumente, die keinesfalls überflogen werden sollten. Hier wird die Macht der Algorithmen deutlich. Hochpeinliche Überwachung, natürlich ohne Richtervorbehalt. Jeder kann hier zum Objekt / Opfer werden. “Ich habe doch nichts zu verbergen!” Träum weiter. Dein analog-beschränkter Selbstbetrug ist nicht aufrecht zu erhalten, wenn Dir der Algorithmus Werte für Kriminalität, politische Haltung und Angepasstheit gibt - und so eine neue Persönlichkeit "schenkt".
Dann gibt es in "Follower" noch die kurzgefasste Geschichte aller Zufälle vom Urknall über unzählige Generationen bis hin zur Geburt der Hauptperson. Sehr strukturiert geschrieben und den Leser persönlich ansprechend. Der Dozent dieses Traktats gibt sich namentlich zu erkennen und ist sehr bemüht darum, verständlich zu sein. Er möchte erkennbar eine Botschaft, eine Weisheit übermitteln. Aber welche?
Schließlich wechselt Ruge im letzten Kapitel noch ein letztes Mal den Stil. Es wird poetisch, lyrisch. Vielleicht zu kitschig? Jedenfalls sollte man sich hierdurch nicht verleiten lassen, diesen Abschnitt zu schnell zu lesen, übersieht man doch ansonsten kunstvoll eingewobene Querverweise auf die Handlung der ersten Kapitel.
Mich hat Follower gleichzeitig verstört und begeistert. Ich musste lachen und wurde im nächsten Moment nachdenklich. Ich habe das Buch im Anschluss in Auszügen sofort noch mehrfach gelesen und meinen instagram-account auf passiv umgestellt.
Bleibt nur noch eine Frage offen (Scherz): Heißt Mickymaus Ralf Schönfelder?