Pascaline zieht nach der Scheidung von ihrem Mann in eine neue Wohnung, in das Viertel Montparnasse in Paris. Doch dort bleibt sie nicht lange, denn die Wände erinnern sich an ein schreckliches Ereignis, das sich hier zugetragen hat.
Vor Jahren habe ich “Sarah’s Schlüssel” von dieser Autorin gelesen. Ein Buch, das mich sehr bewegt hat und mittlerweile zu einem meiner Lieblingsromane zählt. Auch diese Kurzgeschichte hat mich auf eine gewisse Weise berührt. De Rosnay erschafft mit ihrem Schreibstil eine immer zu passende Atmosphäre. In dieser Geschichte ist sie eher düster und traurig. Persönlich bin ich ein großer Fan ihrer Ausdrucksweise.
In der neuen Wohnung Pascalines ist vor Jahren eine junge Frau vergewaltigt und ermordet worden. Sie ist Opfer eines Serienkillers, der es auf weitere sechs Frauen abgesehen hat. Pascaline bleibt nicht lange in dieser Wohnung, sie reagiert sensibel auf das Geschehnis. Ihr geht es immer schlechter, ihr soziales Umfeld macht sich große Sorgen um sie. Doch sie kommt von dieser Tat nicht los, recherchiert obsessiv über den Täter und die anderen Frauen. Die Gesichter der trauernden Eltern werden ihr immer vertrauter, sie besucht jeden der Tatorte. Langsam offenbart sich der wahre Grund für ihre überraschende Obsession. Vor 15 Jahren hat sie ihre Tochter verloren. Helena ist als Säugling am Kindstod gestorben, der Vater, Pascalines jetziger Exmann, hätte auf sie aufpassen sollen. Obwohl es ist nicht seine Schuld ist, schiebt Pascaline ihm diese immer wieder zu. Es kommt schließlich zur Scheidung, Frédéric heiratet eine neue Frau. Doch nicht nur das, die neue Frau ist auch noch schwanger, mit einem Mädchen. Und so fügt sich das ganze Bild zusammen. Frédéric bekommt noch einmal die Chance seine Tochter heranwachsen zu sehen, Pascaline lebt mit dem Gefühl ihr sei ihre für immer genommen worden. Nur eine Spur jünger als die ermordeten Frauen wäre Helena jetzt. Pascaline hat das Gefühl, sie sei die Mutter all dieser toten Mädchen.
Im Französischen heißt das Buch “La Mémoirs de Murs”, diesen Titel finde ich sogar noch einen Tick schöner. Gedächtnis passt besser als Geheimnis, denn es ist ja ein aufgeklärtes Verbrechen.
Die Zusammenführung all dieser Dinge finde ich sehr gelungen. Es rundet die Geschichte ab, macht sie nachvollziehbar. Pascaline, die den Verlust ihrer Tochter nie verarbeitet hat. Die nach Identifikation sucht. Wie sie selbst sagt: Es gibt einen Begriff für Kinder, die ihre Eltern verloren haben, aber nicht umgekehrt. Es wird auch kurz beschrieben, dass ihr damaliges Umfeld ihr dazu geraten hat schnellstmöglichst ein neues Kind zu bekommen bzw. es ja nicht so schlimm sei, denn das Kind wäre noch nicht so alt gewesen, man wäre nicht so sehr daran gewöhnt wie bei einem älteren. Allein diese Aussagen und die damit zusammenhängenden Emotionen prägen einen stark.
Der Schluss ist überraschend spannend und das offene Ende lässt auf eine Fortsetzung hoffen, auch wenn es keine gibt. Sie wird per se auch nicht als Mörderin betitelt, sondern es wird nur angedeutet. Dass es passieren könnte. Finde ich besser, als wenn man tatsächlich erfahren hätte, was sie getan hat.
Ich werde definitiv mehr von der Autorin lesen!