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Tochter des Diktators

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Sie sind jung und voller Ideale, aber die Zeiten gefährlich. Eine brisante Ménage à trois zwischen Revolution und Diktatur.

Ivano Matteoli, Sohn eines KP-Funktionärs, verlässt Anfang der sechziger Jahre sein toskanisches Heimatdorf gen Leningrad. Dort lernt er Bea kennen – Beate Ulbricht, das »erste Staatskind der DDR« und Tochter von Walter Ulbricht. Dies ist der Beginn einer Amour fou zwischen Ost und West, einer Liebe im politischen Geflecht zwischen Paris, Leningrad, Rom, Ost-Berlin und dem erzkatholischen Cigoli.
Die Erzählerin Anni kennt Ivano von Kindesbeinen an. Auf den Dächern der alten Häuser ihres toskanischen Heimatdorfes haben sie beide zusammen gesessen und den Männern beim Bocciaspielen zugesehen. Auch, als es sie wegen des Studiums in unterschiedliche Himmelsrichtungen verschlägt – sie nach Paris, ihn nach Leningrad –, verfolgt Anni aus der Distanz Ivanos Liebe zu der Deutschen Beate. Deren Eltern, Walter und Lotte Ulbricht, versuchen die Ehe der beiden zu verhindern. Das gelingt nicht, aber der Preis dafür ist hoch. Ines Geipel ist in ihrem ganz eigenen Ton ein raffinierter und kontrastreicher Roman darüber gelungen, wie das Autoritäre ins intimste Innere des Lebens eindringt.

198 pages, Hardcover

First published August 5, 2017

12 people want to read

About the author

Ines Geipel

28 books11 followers
Former athlete and author.

Geipel was born in the German Democratic Republic and was a member of the national athletics team. She was one of the former athlets who sued leading sport functionaries because of the doing program of the GDR.

In 2011 she was awarded for her engagement for suppressed litature in the former GDR.

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1,405 reviews42 followers
July 26, 2017
Anni Paoli will eine Geschichte erzählen. Nein, sie muss sie erzählen, damit sie nicht in Vergessenheit gerät oder wie so vieles andere einfach aus den Geschichtsbüchern gestrichen wird. Und weil alle anderen inzwischen tot sind. Es ist die Geschichte von ihrem Kindheits- und Jugendfreund Ivano Matteoli und seiner großen Liebe Bea. Ivano und Anni wachsen im italienischen Dorf Cigoli, zwischen Pisa und Florenz gelegen, auf. Wie viele der Dorfbewohner sind auch Ivanos Eltern Kommunisten und früh schon verschreibt sich der Junge ebenfalls diesen Gedanken. Anfang der 60er Jahre haben Ivano und Anni die Schule beendet und ihre Wege trennen sich. Anni geht zum Kunststudium nach Paris, Ivano nach Leningrad. Dort begegnet ihm das deutsche Mädchen Bea, eigentlich Beate, noch eigentlicher Maria und am eigentlichsten die erste Tochter der DDR: Ivano verliebt sich in die Adoptivtochter von Lotte und Walter Ulbricht. Alle kommunistisch-sozialistischen Überzeugungen reichen jedoch nicht aus, um den Vorstellungen des Landesvaters zu genügen und so ist die Liebe der beiden vom ersten Tag an zum Scheitern verurteilt.

Ines Geipels Roman „Tochter des Diktators“ mag zwar fiktiver Natur sein, die Eckdaten um Ivano und Bea sind jedoch real. Geboren als Maria Pestunowa wurde sie 1946 vom Landesvater adoptiert, um dem sozialistischen Idealbild der Familie und Stalins Wünschen zu genügen. Ihr Studium in Leningrad und die Hochzeit, sowie die spätere Geburt einer gemeinsamen Tochter und die Zwangsrückkehr in die DDR sind belegt. Ebenso das Ende dieser Verbindung, das durch den Passentzug eingeleitet wurde. Der Tod Beate Ulbrichts ist bis heute ungeklärt.

Erzählt wird ihre Lebensgeschichte ohne dass Bea jemals persönlich in Erscheinung tritt. Dies ermöglicht Lücken und Unklarheiten zu schließen bzw. erhebt dadurch auch nie den Anspruch auf vollständige Rekonstruktion. Ebenso müssen wir nicht spekulieren über Gedanken und Gefühle, die die junge Frau durch die Repressionen des Staates, der zugleich ihre Eltern waren, ausgesetzt war. Eine literarische Form, die sehr passend gewählt wurde.

Allerdings verschiebt sich hierdurch auch der Fokus der Handlung. Er liegt viel mehr auf dem Italien der kleinen Gemeinschaften. Dem Italien der Nachkriegszeit, das durch Korruption und eine ganz eigene Art des Terrorismus geprägt war. Für Anni ist die Flucht in ein fremdes Land und in die Kunst der Weg des Ausbruchs, Ivano sucht im Kommunismus und dem Traum einer Revolution den Ausweg. Ironischerweise ist es dann Anni, die 1968 in Paris eine echte Revolution miterlebt.

Mit Anni, einer Figur, die sowohl Außen- wie auch Innensicht vertreten kann, ist eine passende Erzählerin gefunden. Der Roman kann vor allem durch ironische und oftmals zweideutige Formulierungen Punkten, die besonders die im Zusammenhang mit Familie Ulbricht entstehenden Absurditäten und der festgeschriebenen Normen des italienischen Dorfes angemessen in Worte fasst: „Beate Matteoli (...), die Tochter des Berliner Mauerbauers Walter Ulbricht“ oder
„Hätte Cigoli einen Beichtkatalog im Hinblick auf Niedertracht, Obsession und Verrat, er wäre bunt und schillernd wie ein Pfau.“

In sehr bildhafter Sprache wird das Leben einer öffentlichen Person rekonstruiert, die nie öffentlich sein wollte:
„Nur der Geheimdienst führte Buch. Über das harte Ringen einer Staatstochter, etwas außerhalb dessen zu leben, was die Staatseltern ihr zubilligten. (...) Man hatte sie zu zwei Marionetten gemacht, die an Fäden hingen, von unsichtbaren Händen weitergereicht, ein Puppenpaar ohne Boden und in Dauergefahr.“

Heute ist sie aus dem Bewusstsein weitgehend verschwunden, ebenso wie der Staat, in dem sie aufwuchs. Fast ironisch, eher aber tragisch, dass ihr Ende ungeklärt bleibt, wo all ihre Handlungen zu Lebzeiten minutiös überwacht wurden. Immerhin bleibt ihr mit Ines Geipels Roman wenigstens ein lesenswertes literarisches Vermächtnis.
7 reviews
November 28, 2023
Die Tochter des Diktators handelt von der Adoptivtochter der Ulbrichts, Bea, die zur Vollendung des idealen Familienbildes des Staatschefs noch benötigt wird. Irgendwann bricht diese aus dem strengen Käfig des perfekten Familienlebens aus, studiert in Sankt Petersburg und verliebt sich dort in den Sohn eines italienischen KP-Funktionärs. Diese Liebe wird von ihren Eltern nicht gewollt, dennoch heiraten die beiden und bekommen eine Tochter. Und Ines Geipel schreibt darüber, „Über das harte Ringen einer Staatstochter, etwas außerhalb dessen zu leben, was die Eltern ihr zubilligten“ – und zugleich wieder nicht.

Ich habe etwas gebraucht, um in die Geschichte hineinzufinden, mich mit der Perspektive und dem Schreibstil anzufreunden, doch nach den ersten fünfzig Seiten war ich verliebt in die Schönheit und Intelligenz dieser Erzählung. Die Erzählperspektive ist ungewöhnlich gewählt: Anni ist eine Jugendfreundin von Ivano, dem späteren Ehemann von Bea, der wie sie aus dem kleinen, erzkatholischen Dorf Cigoli in Italien stammt. Die beiden verbringen ihre Kindheit zusammen, gehen gemeinsam durch dick und dünn, aber irgendwann geht Ivano nach Sankt Petersburg und sie nach Paris. Doch der Kontakt reißt nicht ab, immer wieder sehen sie sich in Cigoli wieder, wo Ivano ihr von Bea und den Wirren ihrer Liebe berichtet – während Anni, die Lücke, die seine Abwesenheit in ihr Leben reißt, zu füllen versucht. Die politischen Ereignisse der DDR spielen kaum eine Rolle, im Zentrum der Handlung steht das Verhältnis von Ana und Ivano und dadurch auch die Beziehung von Ivano und Bea. Ebenfalls behandelt werden die politischen Unruhen in Italien und Paris. Die Erzählung ist aus zweiter Hand – Anni begegnet Bea nur in Ivanos Erzählungen, erst 1991 kommt sie überhaupt nach Berlin. Dadurch versucht der Roman auch gar nicht erst, Lücken in den historischen Fakten zu schließen, die nur mit Fiktion zu füllen wären. Er muss sich nicht auf das Glatteis von historischen Romanen wagen, die über den Grad von Historizität und Fiktion schlittern, entzieht sich diesem Spiel geschickt und funktioniert so wunderbar und in sich schlüssig.

Die Sprache ist sehr bildhaft. Ich musste mich an diese vielgeschichtigen Bilder gewöhnen, die man manchmal dreimal lesen muss, um sie zumindest teilweise zu verstehen, aber nach einer Weile fand ich sie wunderschön. Dieser Roman ist wahrlich als ein Kunstwerk der Literatur zu bewundern.


Lieblingszitate:

„Ihre Post war ein Band, die einzige Chance herauszufinden, ob der andere noch existierte. Ihrer Liebe war nichts anderes geblieben, als ein ortloses Leben zu leben. Man hatte sie zu zwei Marionetten gemacht, die an Fäden hingen, von unsichtbaren Händen weitergereicht, ein Puppenpaar ohne Boden und in Dauergefahr“


„Das Leben ist keine Garage, in der man abends immer auf dieselbe Weise die Autotür leise klicken lässt. Es hat Etagen, Keller, Böden, Unterböden, manchmal sogar Tunnel, und all das nur, um nach draußen zu gelangen. Das Leben ist was mit Fenstern, groß wie Kinoleinwände. Man kann sie aufmachen, man kann den Film laufen lassen, aber man sollte nicht zu lange in der Garage hocken bleiben.“


„Das letzte Foto von ihr. Eine 47-Jährige mit schwerem Blick, als sei das Klamme ihres Lebens schon etwas Inwendiges gewesen. Als würde sie am Meer leben, es aber nie zum Strand schaffen. Als würden endlose Geschichten in ihr leben, die nie zur Sprache kämen.“


Und weil es die wunderbaren Kommentare Annis so gut zeigt: „Die Geschichte darf nicht im Winter enden. Das geht nicht. Auch wegen Bea nicht, die immer in den Süden wollte.“
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