Nun gehöre ich wohl zu den wenigen, die im damaligen Hype „In den Straßen die Wut“ natürlich fleißig und mit guten Vorsätzen gekauft hat, aber heute immer noch ungelesen im SUB beherbergt. Das hindert mich aber ja nun nicht daran, dass nächste Werk von Ryan Gattis vorher zu lesen, sind die beiden Bücher ja auch nicht verknüpft oder Teil einer Reihe. Bevor wir allerdings zum Inhalt kommen, muss ich noch ein klein wenig am, zwar klasse aussehenden Buchschnitt, der in schwarz angepinselt wurde, herummäkeln. Wenn ich die Seiten erst trennen muss, bevor ich sie lesen kann, finde ich das nur semi-gut. Also eigentlich gar nicht gut. Denn das stört den Lesefluss. Aber gut… man muss eben mit den Seiten mal kurz Fingerkino spielen. Dann geht es einigermaßen.
Ghost
Nun soll aber vermutlich das schwarze Cover, der schwarzgefärbte Buchschnitt und natürlich das Zahlenrad des Covers auf den Inhalt hinweisen: Tresore, Safes, Geldschränke. Oder eben auf das Öffnen von den selbigen. Ricky Mendoza, auch Ghost genannt, ist so einer, der das kann: ein Safeknacker. War er früher Junkie und Kleinkrimineller, hat er mittlerweile dem Verbrechen den Rücken gekehrt und arbeitet für die Polizei. Das macht er schon seit Jahren, Tresore zu knacken hat er von der Pieke auf gelernt, von seinem Chef und übernimmt mittlerweile die meisten Aufträge. Er ist hundertprozentig vertrauenswürdig. So vertrauenswürdig, dass die Polizisten, die ihn anfordern, ihn auch mal alleine die Tresore von Drogenhändlern oder ähnlichem öffnen lassen. Doch dann kommt der Tag, an dem Ghost Geld aus dem Tresor mitnimmt. Aus einem reichlich gefüllten Tresor. Das macht er natürlich nicht einfach aus irgendeinem Grund, es ist schon ein guter Grund.
Glasses
Die Polizisten kriegen auch erst mal gar nichts davon mit. Der Drogendealer, dem der Tresor gehört, aber schon. Der weiß ja, wie viel in dem Safe war und erfährt auch, wie viel in die Asservatenkammer wandert. Der Drogendealer ist also wenig begeistert und schickt seine rechte Hand, Rudy Reyes, genannt Glasses. Er soll herausfinden, wer ihn beklaut hat und entsprechend bestrafen. Glasses sieht nicht aus wie der übliche Gangster, dazu reicht schon die Brille, die kein Verbrecher freiwillig aufziehen würde, ihm aber zu seinem Spitznamen verholfen hat, und er macht seinen Job schon sehr lange. Doch was der Drogenkönig nicht weiß ist, dass seine rechte Hand plant auszusteigen.
Rose
Hört sich nun nach einer üblichen Geschichte an, doch es gibt eine Besonderheit: Rose. Rose ist zu der Zeit als die Handlung spielt schon lange nicht mehr am Leben. Aber Rose war und ist Ghosts große Liebe. Gemeinsam haben sie gegen den Krebs gekämpft, sich dabei kennen und lieben gelernt. Ghost hat gewonnen, doch Rose hat gegen den Krebs verloren. Rose hat ihn so genommen wie er war und damit sein Leben gerettet. Ihn von den Drogen befreit und zu einem aufrechten Leben geführt. Ganz ohne etwas bewusst zu tun, denn dazu war sie schon zu schwach. Aber ein Mixtape hat sie ihm hinterlassen. Ein Tape, dass er auch noch heute als seinen größten Schatz betrachtet. Vor allem jetzt, als er weiß, dass der Krebs wieder da ist. Diesmal endgültig.
Tanz
Und so umtänzeln sich die beiden Kontrahenten. Ghost will so viel Geld wie möglich abschöpfen und knackt noch einige Tresore, bevor er Glasses letztendlich trifft. Glasses versteht nicht, warum Ghost sein Leben riskiert und muss gleichzeitig darauf achten, nichts von seinen Ausstiegsplänen zu verraten. Sympathisch sind einem beide Kerle und man will auch unbedingt, dass beide an ihr Ziel kommen. Eins ist allerdings klar: Ghost wird sterben. Die Frage ist eben nur wie. Und so treiben die beiden umeinander, bis es letztendlich bei einem Showdown anderer Art endet.
Melancholie
Rose schwebt irgendwie immer im Hintergrund, sie ist Ghosts Antrieb und Nemesis, sie ist immer präsent. Auch hangelt man sich als Leser, gemeinsam mit Ghost an Ihrem Mixtape entlang, die eine Kassettenseite voller Songs steht für Ghosts Geschichte, die andere für Roses Geschichte – zwei Seiten voller Punkrock. Vor allem im letzten Drittel begleiten die Songs die Geschichte und treiben sie voran. Insgesamt ist der Thriller rasant geschrieben, Ghosts Gedanken bringen zwar einen melancholischen Unterton in die Geschichte, dieser tut ihr aber sehr gut. Auch wenn der Anfang und das Ende packender waren als der Mittelteil, erklärt dieser eben viele Hintergründe und spitzt die Spannung langsam zu.
Erwartungen
Der Thriller war spannend, die Hauptcharaktere gut ausgearbeitet und sympathisch, die tote Freundin und das Mixtape haben der Geschichte etwas Besonderes verliehen. Ein rundum gelungenes Leseerlebnis? Nur, wenn die eigenen Erwartungen nicht im Weg stehen, denn tatsächlich hatte ich nach den begeisterten Stimmen zu „In den Straßen die Wut“ tatsächlich mehr von dem Thriller erwartet. Da „Safe“ ja aber nun nichts dafür kann wie ich meine Erwartungen setze, ist und bleibt es ein wirklich guter, unterhaltsamer Thriller.
Fazit:
Spannender Thriller um einen todkranken, legalen Safeknacker, der einen Drogenkönig beraubt und sich mächtig Ärger einhandelt. Packend, rasant, aber auch ein wenig melancholisch. Gut gemacht!