„Auch wenn ich hoffe. Das Tagebuch des Mosche Flinker“ ist kein Buch, das man einfach liest und beiseitelegt. Es ist ein stilles, erschütterndes Zeugnis eines jungen Menschen, der inmitten von Verfolgung, Angst und existenzieller Bedrohung versucht, seine Menschlichkeit, seinen Verstand und seinen Glauben zu bewahren.
Mosche Flinker schreibt nicht, um zu klagen oder Widerstand zu leisten, sondern um sich selbst zu vergewissern, dass Denken, Empathie und Hoffnung auch in einer ausweglosen Situation möglich bleiben. Seine Überlegungen zu seiner Zukunft – zu Studium, Sprache, religiöser Bildung – sind von einer Ernsthaftigkeit und Reife geprägt, die tief berührt. Gerade weil der Leser von Anfang an weiß, dass Mosche diese Zukunft nie erleben wird, entfalten diese Gedanken eine schmerzhafte Intensität. Jeder Hoffnungsschimmer steht im Kontrast zu dem Wissen um sein Schicksal und macht die Lektüre zutiefst bewegend.
Besonders eindrucksvoll ist Mosches Ringen mit der Gottesfrage. Er stellt sie ohne Beschönigung und ohne einfache Antworten zu akzeptieren. Wenn er erkennt, dass selbst die besten und gütigsten Menschen ermordet werden, ohne dass Gott eingreift, zerbricht jede naive Vorstellung von Gerechtigkeit. Und doch verliert Mosche nicht seine Würde, nicht seine Empathie, nicht seine Fähigkeit zu lieben – weder seine Familie noch andere Menschen. Gerade diese Menschlichkeit in einer unmenschlichen Zeit verleiht dem Tagebuch seine außergewöhnliche Kraft.
Nach der letzten Seite bleibt ein Gefühl von Ohnmacht und innerer Leere zurück. Das Wissen um Auschwitz, um das, was Mosche erwartet hat, macht das Gelesene kaum erträglich. Und dennoch ist dieses Buch zutiefst hoffnungsvoll – nicht im Sinne eines glücklichen Ausgangs, sondern im größeren historischen Zusammenhang. Dass Mosche hoffen konnte, denken konnte, Mensch bleiben konnte, und dass wir heute seine Worte lesen, zeigt, dass diese Hoffnung nicht vergeblich war. Die Welt hat gelernt, wenn auch langsam und unvollkommen.
Dieses Buch ist ein unverzichtbarer Teil einer ehrlichen Erinnerungskultur. Es beschönigt nichts, es tröstet nicht billig, und gerade deshalb wirkt es lange nach. Es erinnert daran, wozu Menschen fähig sind – zum Bösen wie zum Guten – und daran, dass es unsere Verantwortung ist, dafür zu sorgen, dass sich Ausgrenzung, Entmenschlichung und Gewalt niemals wiederholen.
Fünf Sterne sind nicht nur gerechtfertigt, sie sind notwendig. Alles andere würde diesem Buch nicht gerecht.