Als der deutsche Frankenstein-Experte Jörg Krippen auf dem Campus seiner neuen Londoner Universität umherirrt, hilft ihm die junge Stammzellenforscherin Mae sich zu orientieren. Die Begegnung wirkt zufällig, tatsächlich hat sie diese bewusst provoziert. Kurz darauf führt Mae ein Wiedersehen herbei, um eine Affäre mit dem deutlich älteren Mann zu beginnen. Zugleich scheint sie sonderbar viel über ihn zu wissen.
Im Londoner East End hat niemand auf den Literaturwissenschaftler Jörg Krippen aus Berlin gewartet. Die Kleidung vom Nieselregen durchweicht sucht er nach einer Klingel, als eine junge Frau indischer Abstammung ihn anspricht: »You look so lost«. Sie selbst ist in Brixton aufgewachsen und forscht im Bereich neuer Reproduktionstechnologien. Krippen verliebt sich rasch und heftig – und belügt sie, was seine Familie und seine linke politische Vergangenheit betrifft. Auch sie ist nicht ehrlich und verschweigt, dass sie vor Jahren als Austauschschülerin in Berlin war. Es entspannt sich eine leidenschaftliche Liebesgeschichte, wie sie beide in der Intensität zuvor nicht erlebt haben. Doch ihre ungewöhnliche Liebe wirft Fragen nach dem Verhältnis von Geistes- und Naturwissenschaft auf.
Der Literaturwissenschaftler Jörg Krippen wird als Gastdozent nach London eingeladen. Schon bei der Ankunft in seiner Bleibe begegnet er einer jungen Frau, die zugleich etwas Bekanntes wie auch etwas Faszinierendes hat. Als sie in seinem Seminar auftaucht und ihn dann auch noch auf Deutsch anspricht, ist er mehr als verwundert, lässt sich aber auf eine Affäre ein. Bald schon muss er jedoch feststellen, dass sie sich nicht zufällig über den Weg gelaufen sind, sondern dass Mae dies alles geplant hat und ihn tatsächlich schon aus Berlin kannte. Berlin, seiner Heimat, wo auch seine Frau Sabrina und sein Sohn Leon sind und eigentlich das gemeinsame Leben stattfindet, aus dem sich Jörg gerade mehr und mehr flüchtet. Schnell entfremdet er sich von seinem alten Leben, doch die Vergangenheit holt ihn ein, eine Vergangenheit, die noch vor der mit Sabrina lag.
Sirene, die, ein weibliches Fabelwesen der griechischen Mythologie, das mit seinem Gesang die Männer betört und schließlich tötet. Auch bei Michael Wildenhain singen die Sirenen und locken Jörg Krippen an, der scheinbar den Verlockungen der Frauen nichts entgegenzusetzen hat und sich wehrlos ausgeliefert sieht. Sabrina lockt ihn und kann ihn für ihre Ideale einnehmen, auch Mae ergibt er sich unmittelbar. Was in der Mythologie einen gewissen Reiz hat, weil immer die Hoffnung besteht, dass eines dieser Fabelwesen seinen Willen nicht bekommt, wird bei Wildenhain jedoch zu einem lahmen Männerbild, das mich nur teilweise überzeugen kann.
Jörg Krippen als Figur ist schwach. Beruflich weitgehend gescheiter, privat auch nur wenig vorzuweisen, als Vater versagt. Statt sich der Realität zu stellen, flüchtet er: in ein anderes Land, in eine andere Beziehung. Immer wenn es gilt, Verantwortung zu tragen, läuft er weg. Was soll mir diese Figur sagen? Dass es schwache Menschen gibt? Ja, natürlich. Dass es feige Menschen gibt? Sowieso. Aber wo bleibt die Lösung? Der Roman liest sich sehr gut, sprachlich tadellos und überzeugend. Aber auch ein wenig zu glatt, zu smooth, um Reibungspunkte zu erzeugen. Er kann an einigen Stellen überraschen, aber insgesamt für mich der Roman, der bezogen auf Handlung, Figuren, Thema und auch Sprache von den Nominierten der Longlist zum Deutschen Buchpreis der blasseste und am wenigsten überzeugende Roman ist.
Der Literaturwissenschaftler Dr. Jörg Krippen hat einen Lehrauftrag zum Thema „Literarisches Schreiben“ in einer Londoner „Summer School“. Betreut wird er von der jungen Studentin Mae. Dass Krippen im Abstand von 12 Jahren zweimal in London gearbeitet hat, lässt Gegenwart und Vergangenheit und seine beiden Beziehungen miteinander verschwimmen. Damals ließ Krippen in Berlin Hellersdorf Frau und Kind zurück, weil sie das Geld dringend brauchten, das er in London verdienen würde. In Rückblenden erinnert er sich an verschiedene Situationen mit seinem Sohn Leo und an Kämpfe seiner AntiFa-Gruppe 1990, als Krippen noch eine Zecke mit Dreadlocks war. Leo ist inzwischen 15 und begeisterter Fußballspieler. In London wird Krippen mit einem Sohn konfrontiert, den er angeblich vor Jahren mit Mae gezeugt haben soll. Ein Cousin Maes will ihn unbedingt in London halten und vergibt einen lukrativen Recherche-Auftrag an Krippen, der ihn u. a. nach New York führt. Krippen ist nun auf der Flucht vor Frau und Sohn in Berlin und Frau und Sohn in London. Leon kommt sogar zu Besuch nach London um bei Krippen nachzubohren, wann er nach Abschluss seines Lehrauftrags nach Berlin zurückzukehren gedenkt. Bei einem Besuch im Dresden der Pegida-Demos kommt Krippen schließlich in der Gegenwart an.
Den Einstieg in Michael Wildenhains neuesten Roman fand ich aufgrund der Dopplung mit Mae und Arundhati kompliziert. Auch die verschachtelte Sprache für alltägliche Ereignisse wie den Schwimmbadbesuch mit Leo ebnete nicht gerade den Zugang zur Handlung. Erst in der Mitte, als Ort, Zeit und Ziele der Figuren klarer wurden, fand ich Zugang zum Text. Krippens Reifung in den Jahren seit seiner kämpferischen Studentenzeit wurde leider kaum ersichtlich. Wildenhain gibt unterschiedlichen Milieus und Lebensaltern jeweils einen eigenen Ton, so dass Erzähler und Krippen sich mit fortlaufender Handlung aus ihrer anfänglichen Schachtelsprache freizuschwimmen scheinen. Das Konzept der unterschiedlichen Sprachniveaus gelingt für meinen Geschmack nur teilweise, weil die Figuren und die Erzählerstimme Urberliner Vokabular mit Eigenheiten zugezogener „Schwob‘n“ mischen. Wie ein süddeutsch-österreichischer Tonfall nach Hellersdorf importiert wurde, erzählt Krippens Geschichte nicht. Die verschachtelte und für die Schauplätze nicht immer authentische Sprache empfinde ich als unnötige Hürde gegenüber der Romanhandlung, obwohl mich Figuren, Orte und historischer Hintergrund durchaus interessieren.
Anwärter auf den Deutschen Buchpreis? Keine Ahnung warum. Die Geschichte - okay, war in Ordnung. Aber dieser arme, unentschiedene Mann, der zwischen zwei Frauen hängt, aber ständig wird auf seine sexuelle Leistungsfähigkeit hingewiesen.... also menschlich ist er unfähig, sexuell aber ein Bringer. Anstrengend, wirklich anstrengend. Vor allem wegen dieser luschenhaften Unfähigkeit zu Entscheidungen. Die Sprache war auch nicht meins, dieses Hin und Her-Gehopse, abgebrochenes Literatur-Stakkato. Gebt mir lieber nen Thomas Mann.