"Das komischste und aktuellste Epos über die amerikanische Demokratie" Boston Globe Die USA befinden sich im Wandel. Doch in Grouse County, irgendwo im Mittleren Westen, ist die Zeit stehengeblieben. Hier findet man sie noch, die "echten" Amerikaner, die mit Stolz ihr Tageswerk verrichten und sich nicht gern auf den Arm nehmen lassen. Auch nicht von einem trockenen Alkoholiker, der sich zum Sheriff wählen lassen will. "Drury ist ein großer amerikanischer Autor." Jonathan Franzen Grouse County ist die Heimat der Darlings und anderer liebenswerter Eigenbrötler. Das Leben der Menschen dort zerbröckelt langsam, aber unaufhaltsam, denn sie alle jagen ihren unrealistischen Träumen nach – gleich, was es kostet. Sie sind der Dorn im Auge des örtlichen Sheriffs, Dan Norman, der bestrebt ist, die Harmonie in seinem County zu wahren. Dafür ist er sogar bereit, sich auf einen Wahlkampf um das Amt des Sheriffs einzulassen. Die jüngere Generation sieht dagegen nur einen Ausweg, um dem ländlichen Mief zu Grouse County verlassen und nie mehr zurückkehren. Der Band enthält die drei Romane "Das Ende des Vandalismus", "Die Traumjäger " und den bisher auf Deutsch unveröffentlichten Roman "Pazifik", mit denen Tom Drury sich in die erste Liga der amerikanischen Romanciers geschrieben hat. Der Romanteil "Pazifik" war Finalist für den National Book Award
Tom Drury was born in 1956. The recipient of a Guggenheim Fellowship, Drury has published short fiction and essays in The New Yorker, A Public Space, Ploughshares, Granta, The Mississippi Review, The New York Times Magazine, and Tricycle: The Buddhist Review. His novels have been translated into German, Spanish, and French. "Path Lights," a story Drury published in The New Yorker, was made into a short film starring John Hawkes and Robin Weigert and directed by Zachary Sluser. The film debuted on David Lynch Foundation Television and played in film festivals around the world. In addition to Iowa, Drury has lived in Massachusetts, Connecticut, Florida, and California. He currently lives in Brooklyn and is published by Grove Press.
Das Ende des Vandalismus Tiny und Louise Darling leben im 300-Einwohner-Ort Grafton im Mittleren Westen der USA. Nach der Trennung von Louise zieht Klempner Tiny zu seinem Bruder Jerry; Louise beginnt eine Beziehung mit Sheriff Dan Norman. Dan ist mit den Ermittlungen in einer Serie von Landmaschinen-Diebstählen beschäftigt und lässt sich - ganz unbürokratisch - von einem Sprühflugzeug über seinen Bezirk fliegen, um nach den teuren Männerspielzeugen Ausschau zu halten. Für einen Landwirt ist ein gestohlener Traktor alles andere als komisch, es geht dabei um seine Existenz. Louise arbeitet für den betagten Fotografen Kleeborg, der für die offiziellen Schulfotos des Ortes zuständig ist. Kleeborg will sein Geschäft längst an Louise übergeben, aber sie geht der Nachfolgefrage bisher noch aus dem Weg, weil sie am liebsten nur konzentriert in der Dunkelkammer arbeitet. Als im Supermarkt ein Baby ausgesetzt wird, entschließt sich Sheriff Dan, nicht nach der Mutter zu fahnden und die Angelegenheit sich durch die sprichwörtliche Hilfsbereitschaft auf dem Dorf von selbst regeln zu lassen. In weiteren Rollen treten der junge Albert auf, der gemeinsam mit seinen Kumpels den Wasserturm beschmiert hat und von Dan zur Strafe zu gemeinnütziger Arbeit verdonnert wird, und Chiang, eine Austauschschülerin aus Taiwan, die noch nicht ahnt, dass eine Gast-Familie von Hühnerfarmern für sie nicht nur Nachteile mit sich bringt. Andere Handlungsfäden befassen sich mit Suchtproblemen, Strukturproblemen in ländlichen Regionen und dem politischen Hintergrund bei Sheriff-Wahlen. Dass Dan logischerweise als Demokrat für Schul-Unterricht über Evolution sein muss, weil seine republikanischen Konkurrenten ihn ablehnen, erfährt man nebenbei auch noch.
Fazit Der Einstieg in den ersten Teil der Grouse-County-Trilogie ist nicht einfach. Ich fühlte mich anfangs wie in einem gigantischen Wimmel-Bilderbuch auf der Suche nach einer Hauptfigur und dem zentralen Thema des Buches. Insgesamt sollen in „Das Ende des Vandalismus“ fast 70 Figuren auftreten. Tom Drury erzählt fast schon bizarr beiläufig von alltäglichen Ereignissen aus einem dörflichen Mikrokosmos, die für die Beteiligten jedoch alles andere als banal sind. Man folgt seinen Figuren zum Zähneputzen, sieht einen Waschbären die Straße kreuzen, fühlt aber auch in existenziellen Krisen wie einer glücklosen Schwangerschaft mit.
Traumjäger Traumjäger fand ich dagegen als Einstieg in die Trilogie sehr viel entgegenkommender und habe mich auch nach Jahren noch gern an Tiny Darling, seine zweite Frau Joan, den gemeinsamen Sohn Mica und Joans Tochter Lyris erinnert. Die Handlung spielt circa im Jahr 2000 und kreist zum einen darum, dass Lyris als Baby zur Adoption freigegeben und später von unzuverlässigen Adoptiveltern zurückgeholt wurde, aber auch um die Glücksvorstellungen der anderen Beteiligten. Verständlich, dass für die 16-jährige Lyris die Frage noch lange nicht befriedigend beantwortet ist, warum ihre Mutter sie als Baby weggegeben hat. Tiny will eine Waffe zurückkaufen, die seinem Stiefvater gehört hatte. Doch zunächst muss er sich mit der Vorgeschichte auseinandersetzen, wie das antike Gewehr damals ins Pfarrhaus geraten ist. Dabei werden Erinnerungen an gemeinsame Jagdausflüge mit dem Stiefvater geweckt.
Fazit Auch wenn man den Eindruck erhalten könnte, der Erzähler käme vom Hundertsten ins Tausendste, fand ich die Kleinfamiliensituation verbunden mit der Waffe als Familienschatz leicht nachvollziehbar. Tom Drury zaubert hier aus einer Patchwork-Familie, einem Gewehr und einem Mann mit Metalldetektor eine beinahe familiäre Welt, die mich stark an Gesprächsverläufe auf Familienfeiern erinnerte. Nebenbei nimmt er die Absurditäten des US-amerikanischen Alltags aufs Korn, indem er z. B. eine Figur feststellen lässt „Wir brauchen eine Pistole zu unserem Schutz, weil uns eine Amaryllis von der Veranda gestohlen wurde.“ So wie sich das Motiv des ausgesetzten Kindes wiederholt, begibt sich Joan (ähnlich wie Louise im ersten Band) auf einen Selbstfindungs-Trip und verlässt dazu die Familie. Die Botschaft, dass Frauen ausbrechen und neue Wege suchen, während Männer die Krise ihrer Region und ihres Staates bisher erleiden, tupft Drury hier unauffällig ins Bild. Für ein 2000 erschienenes Buch finde ich die Szenen erstaunlich prophetisch. Wer Sinn für Tom Drurys Beiläufigkeit und seine Art von bissigem Humor hat, sollte es einmal mit seiner Erzählkunst versuchen.
Pazifik In Pazifik treffen wir wieder die Familie Darling. Micah ist inzwischen 14, Lyris bereits erwachsen und lebt in einer festen Partnerschaft. Offenbar ist Joan nicht zur Familie zurückgekehrt und hat eine Karriere als Schauspielerin in einer Fernsehserie eingeschlagen. Sheriff Dan hat für eine 6. Amtsperiode als Sheriff nicht mehr kandidiert und arbeitet als Privatdetektiv. Er erhält den Auftrag, einen zukünftigen Schwiegersohn zu durchleuchten und gerät dabei in einen Kriminalfall, der vermutlich alles in den Schatten stellt, was er in seiner Sheriff-Laufbahn bisher erlebt hat. Erst Micah kommt in der Welt der IT-Technik an und muss sich einem Konfliktgespräch mit seinem Direktor stellen.
Fazit zur Gesamtausgabe Die drei Bände folgen einander in chronologischer Reihenfolge; die Wege der Figuren kreuzen sich mehrfach in deren Leben. Traumjäger hat bei mir erfolgreich seinen Platz als Lieblingsband verteidigt; den ersten Band fand ich aufgrund der vielen Personen eher ungünstig als Einstieg. Ob man sich auf eine Trilogie mit fast 70 Personen einlassen möchte, ist sicher tagesformabhängig. Eine Begegnung mit Tom Drury als Erzähler lohnt sich.
Willkommen in Grouse County, einem fiktiven Landkreis im Mittleren Westen des USA! Alles scheint herrlich normal, irgendwie vertraut… Der Leser lernt einen Mikrokosmos kennen, der sich mit den Strukturproblemen der dortigen ländlichen Region, politischen Themen wie die Wahlen zum Sheriff, alltäglichen Problemen, aber auch Liebes- und Beziehungsfragen beschäftigt - dem ganz normalen Leben also. Die Darlings leben in einem Ort namens Grafton, als Sheriff Dan Norman Tiny wegen Vandalismus verhaftet. Schlussendlich verliert Tiny seine Frau Louise, diese ihre Selbstwahrnehmung und heiratet schlussendlich der Sheriff. Dan, der Sheriff, beschäftigt sich mit Diebstählen der existenzvernichtenden Sorte: im County werden teure landwirtschaftliche Maschinen gestohlen. Aber auch wenn der Bezirk kein außergewöhnlicher ist, gibt es natürlich auch noch anderes zu tun - zum Beispiel als im Supermarkt ein Baby ausgesetzt wird. Zum Glück gibt es für solche Fälle eine funktionierende Gemeinschaft! Oder aber jugendliche Randalierer, die den Wasserturm „verschönern“ und ein wenig gemeinnützliche Arbeit aufgebrummt bekommen. Dies sind nur Fragmente des Romanes - weitere Figuren bekommen ihren Raum…
Und genau dies ist einer der entscheidenden Punkte, auf die man sich einlassen muss: eine Vielzahl an Charakteren lernt man in „Das Ende des Vandalismus“ kennen. Anfänglich hatte ich Sorge, ob ich sie alle in meinem Kopf behalten und voneinander unterscheiden kann. Aber dann hat mich der Sog erfasst und ich war derart im Buch angelangt, dass ich mir keine Gedanken mehr um solche Fragen gemacht habe. Ehrlich gesagt passiert in diesem Roman nicht furchtbar viel - oder besser gesagt nicht furchtbar viel Ungewöhnliches. Aber Tom Drury hat die ländliche Gemeinschaft und Struktur derart gekonnt zusammengefasst und aufsummiert, dass ich den Alltag der unterschiedlichen Menschen inklusive ihrer Sorgen und Nöte nur zu gerne miterlebt habe. Mitunter amüsant, vielleicht sogar komödiantisch, liest sich dieser Roman und ich wollte stets immer weiterlesen, weil er mich derart gefesselt hat.
++Die Traumjäger++
Zurück in Grouse County, einige Jahre nach der Handlung von „Das Ende des Vandalismus“. Im Mittelpunkt steht die Patchwork-Familie von Charles „Tiny“ Darling, seiner zweiten Ehefrau Joan, ihrem gemeinsamen Sohn Micah und Joans Tochter Lyris. Letztere beschäftigt vor allem die Frage, warum ihre Mutter sie als Baby zur Adoption freigegeben hat. Keine leichte Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte - schon gar nicht für eine 16jährige… Ihr siebenjähriger Halbbruder wandert durch die nächtliche Stadt, ihre Mutter wiederum begibt sich auf eine Suche nach sich selbst, während Tiny sich mit einer historischen Schusswaffe, die seit Generationen im Besitz der Familie seines Stiefvaters war und nun zurückgekauft werden soll, beschäftigt.
Sehr schlüssig erzählt Tom Drury die Geschichte des ersten Romanes weiter, fokussiert sich dabei auf ein Oktoberwochenende einer Familie, die Darlings. Noch mehr hat mich bei diesem Band die Klarheit des Autors, mit der er aus dem Leben ganz gewöhnlicher Leute erzählt, fasziniert. Auch in „Die Traumjäger“ entfernt er sich nicht von den alltäglichen Themen der Menschen, sondern schildert ihre Suche nach ihrem eigenen Ich, indem sie in der Vergangenheit suchen und sich mit diesen Wurzeln zu identifizieren versuchen. Hat mich das Debüt des Autors schon überzeugt, so muss ich mit dem zweiten Roman feststellen, dass Drury über ein enormes Talent verfügt, dass darin besteht, alle Seiten einer Gemeinschaft einzufangen.
++Pazifik++
Sieben Jahre nach „Die Traumjäger“ begibt sich der Teenager Micah Darling nach Los Angeles, um dort endlich wieder mit seiner Mutter Joan, inzwischen eine Seriendarstellerin, vereint zu sein. Ihr Ehemann ist ohne seine Frau vereinsamt und geht wieder illegalen Tätigkeiten nach. Micahs ältere Halbschwester Lyris lebt mit ihrem Partner Albert in der Wohnung über Dan Norman, dem ehemaligen Sheriff von Grouse County und seiner Frau Louise, Tinys Ex. Dan hatte sich gegen eine sechste Kandidatur als Sheriff entschieden und arbeitet mittlerweile als Privatdetektiv. Als solcher verfolgt er einen Betrüger und gerät somit an seinen vermutlich größten Fall in seiner gesamten beruflichen Laufbahn… Tom Drury kehrt in „Pazifik“ einerseits dem Mittleren Westen kurzzeitig den Rücken, andererseits findet er zu all den Figuren zurück, die er in den ersten beiden Romanen begleitet und beleuchtet hat. Er verknüpft ihre Leben, schildert ihren Werdegang und - wieder einmal - ihre Gedanken und Emotionen. Die Probleme sind nicht weniger geworden und dennoch verdeutlichen sie realitisch die Sorgen und Nöte der Gesellschaft. Auch seinem Stil bleibt der Autor treu: dicht an seinen Charakteren, widmet er sich diesen exakt und dennoch nüchtern - Drury brilliert auch in „Pazifik“, verliert niemals das Interesse an seinen Figuren und verdichtet das Portrait einer Gemeinschaft im Mittleren Westen und einer Familie, die trotz so mancher seltsamer Entscheidung liebevoll geschildert wird.
Fazit zur Trilogie: Ein Meisterwerk, das nachhallt.
Ich habe den ersten Teil des Sammelbandes, "Das Ende des Vandalismus", gelesen und beschlossen, dass ich auf den Rest wohl eher verzichten werde.
Bücher, in denen eher wenig passiert und der Alltag nachgezeichnet wird, mag ich gerne, ich lasse mich auch gerne auf eine gewisse Fülle an Figuren ein und folge ihnen bei dem, was sie an ganz normalen Tagen so treiben, aber Tom Drury hat es nicht geschafft, mich wirklich zu packen. Auf den ersten 100 Seiten war ich mehrmals nahe am Aufgeben, weil ich es so langweilig und fast schon nichtssagend fand, gespickt mit eher faden Beschreibungen von Bekleidung oder Autos und öden Gesprächen.
Irgendwann stellte sich dann zwar so viel Interesse ein, dass ich weitergelesen und den ersten Band beendet habe, aber ich denke, ich belasse es dabei. Die Figuren erreichen mich einfach nicht so, wie ich es mir wünschen würde.
Seit Jahren lässt sich Don Norman zur Wahl des Sheriffs aufstellen, bisher hat er immer gewonnen. Louise ist noch mit Tiny Darling verheiratet, aber ihre Beziehung läuft nicht gut. Tiny ist einfach zu eifersüchtig. Don fühlt sich zu Louise hingezogen und beide finden zusammen. Tiny verlässt Grouse County für eine Weile, eckt jedoch überall an. Erst die religiöse Joan scheint im Halt zu geben. Don muss sich derweil auf eine Kampfabstimmung bei der Wahl zum Sheriff einlassen, deren Ausgang zunächst sicher schien, aber wegen des Einsatzes unlauterer Mittel seines Gegners immer unsicherer wird.
In der tiefsten Provinz Amerikas im mittleren Westen leben die Darlings, ihre Freunde, Verwandten und Bekannten. Urtümlich geht es dort zu. Ein wenig scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Nicht dass sie dort mit Pferdekutschen durch die Gegend fahren, aber Häuser und Autos sind älter, eine Erneuerung oder Reparatur täte ihnen gut. Ähnlich scheint es auch mit den Menschen zu sein, bodenständig wirken sie, aber etwas ramponiert und rückständig. Verlassen wollen sie ihre Stadt aber nicht. In ihrer kleinen Welt läuft alles in geordneten Bahnen, viele Überraschungen sind nicht zu erwarten. Doch in der Ruhe liegt auch die Kraft, die diese Menschen ausstrahlen. Nichts kann sie von ihrem Weg abbringen, sie machen ihren Weg.
Aus den drei Teilen „Das Ende des Vandalismus“, „Die Traumjäger“ und „Pazifik“, die in Amerika als einzelne Roman in größeren Zeitabständen erschienen sind, besteht dieser Band. Danach sind auch der Handlung größere Zeitsprünge vorgegeben. Im ersten und zweiten Band werden dabei unterschiedliche Schwerpunkte gesetzt, die im dritten fesselnd zusammengeführt werden. Das geruhsame und unpolitische Leben im Nichts des mittleren Westens. Tag um Tag vergeht, beinahe eintönig und ereignislos wirkt das Erleben der Bewohner von Grouse County. Doch gerade dies entfaltet einen nicht geringen Reiz. Man beginnt selbst ruhig zu werden und sich die Weite des Landes vorzustellen, mit langsam dahin gleitenden Autos, gemächlich schreitenden Menschen und sich langsam vollziehenden Veränderungen. Obwohl die Bewohner von Grouse County ihre Entscheidungen nicht bewusst zu planen scheinen, passiert letztlich in ihrer Welt doch eine ganze Menge. Gute Zeiten und schlechte Zeiten halten sich die Waage. Wie im richtigen Leben.
Ein ruhiger Roman, der Bilder erstehen lässt, die man gerne in sich aufnimmt und die hoffen lassen, dass die Bewohner von Grouse County ihr mit Zurückhaltung geführtes Leben ohne Störung durch die raue Metropolenwelt weiter leben und erleben dürfen.