Aristoteles-Regal
Trotz Platons berechtigter Kritik an der Schrift, wie er sie im „Phaidros“ darlegt, bleibt sie ein mächtiges Werkzeug des Denkens. Dort legt er Sokrates die Warnung in den Mund, die Schrift sei ein trügerisches pharmakon – Heilmittel und Gift zugleich: Sie stärke nicht das Gedächtnis – das wahre, innere Verstehen –, sondern erzeuge nur ein äußeres Erinnern und damit Scheinwissen. Ein geschriebener Text ist starr; er kann auf Fragen nicht antworten, sich nicht gegen Missverständnisse wehren und „treibt sich überall herum“, auch bei jenen, die ihn nicht verstehen. Platon sah in ihr daher nur ein „schwächeres Abbild“ des lebendigen, beseelten Gesprächs. Und doch liegt in diesem Abbild eine eigentümliche Macht: Die Schrift bewahrt, was das Gedächtnis zu verlieren droht, und erlaubt, Gedanken über Zeit, Raum und Generationen hinweg zu teilen.
Meine Vorfahren konnten weder lesen noch schreiben, und doch trugen sie Geschichten, Wissen und Gefühle in Liedern und Erzählungen – ihre Stimmen zogen wie Fäden durch die Zeit. Sie waren Hüter einer lebendigen, atmenden Tradition. Ich stehe zwischen diesen Welten: der mündlichen Überlieferung, die ich ehre, und der schriftlichen Reflexion, in der ich lebe. Vielleicht ist mein Schreiben nichts anderes als der Versuch, beiden gerecht zu werden – der flüchtigen Glut des gesprochenen Wortes und der stillen Glut der Schrift.
In den vergangenen siebenundvierzig Jahren habe ich unzählige Bücher gelesen – große Werke und solche, die kaum Beachtung fanden. Sie bilden den reichen Fundus, aus dem ich nun schöpfe. Denn ich habe beim Lesen stets annotiert – Randbemerkungen, Gedanken, kleine Spuren eines langen Zwiegesprächs mit den Toten und den Lebenden. Viele dieser Werke möchte ich nun würdigen; nicht weil sie vollkommen sind, sondern weil sie aufrichtig versuchen, etwas Wahres auszusprechen. Manche Bücher öffnen sich schon mit ihrem Titel – wie eine Tür in einen noch ungedachten Raum. Ein Wort, ein Klang, kann genügen, um etwas in uns zum Schwingen zu bringen. Selbst zweitrangige Werke können Funken schlagen, wenn sie zur rechten Zeit auf einen offenen Geist treffen.
Der Anlass, diese alten Annotationen nun „aus der Mottenkiste“ zu holen und die Bücher im Rahmen einer solchen Würdigung vorzustellen, ergab sich eher zufällig: Erst im November 2024 erfuhr ich durch meinen Sohn – der wiederum von seiner Schwester darauf gebracht worden war – von der Plattform Goodreads. Seither öffnet sich mir diese „digitale Mottenkiste der Leseratten“, in der jede Rezension ein Zettel im unendlichen Zettelkasten des globalen Lesens ist. Ich blättere darin wie in einem imaginären Archiv der Menschheit, in dem jeder Eintrag, jede Notiz, ein Flüstern aus einer anderen Zeit ist. Ich habe dort begonnen, Spuren zu hinterlassen – nicht um zu urteilen, sondern um zu danken. Denn jedes Buch, das ehrlich geschrieben und aufmerksam gelesen wird, fügt dem großen Gespräch der Menschheit eine eigene, unverwechselbare Stimme hinzu.
Nach Platon ist der Schritt zu Aristoteles intellektuell unausweichlich. Er war Platons brillantester Schüler und zugleich sein radikalster Kritiker. Wo die platonischen Dialoge den Blick oft nach oben, zur Welt der Ideen, richten, holt Aristoteles die Philosophie auf den Boden der Tatsachen zurück.
Er ist der Denker, der dem abendländischen Denken die Werkzeuge der Logik, die Systematik der Biologie, die Praxis der Ethik und die Analyse der Dichtung schenkte. Viele seiner physikalischen Analysen sind nicht nur historisch interessant, sondern erstaunlich kompatibel mit unserem Alltag. So definiert er Zufall (Tychē) brillant als ein unvorhergesehenes Zusammentreffen zweier Kausalketten: Man trifft seinen Schuldner auf dem Marktplatz „zufällig“, weil man nicht wegen ihm dorthin ging und er nicht wegen einem selbst dort war. Und wenn wir heute ein Blatt vom Fenster fallen lassen, wissen wir dank seiner Anstöße, dass es eben nicht nur ein „natürliches Fallen“ ist, sondern dass der Luftwiderstand eine entscheidende Rolle spielt.
In diesem Regal finden sich die Grundlagentexte: die Nikomachische Ethik, die Metaphysik, die Poetik, die Politik und viele weitere. Diese Werke zu würdigen bedeutet, dem disziplinierten Geist zu danken, der die Welt nicht nur befragen, sondern sie systematisch verstehen und ordnen wollte – ein Geist, dessen Wirkung in allen Ecken des Denkens bis heute nachhallt.
Die Regale dokumentieren meine über 4000 Bücher – meine persönliche Topographie des Lesens und Denkens. Was sind schon viertausend Bücher in achtundvierzig Jahren, wenn weltweit jedes Jahr rund 1,79 Millionen neue Bücher erscheinen? Diese Zahl relativiert meine Leseleistung, nicht jedoch die Bedeutung der Gedanken, die in den Büchern dieser Regale nachhallen.